Etwa 60 Frauen und ein paar MÀnner machten die "typisch frau" - KrÀuterwanderung mit Betty Sobiech durch den Schwarzwald mit. Bild: S. Przewolka
Schon am Morgen reiĂt der Himmel auf. Gegen Mittag ist es warm aber nicht heiĂ. Ab und zu lĂ€sst sich sogar die Sonne blicken. Ein leichter Wind weht. Mit einem Wort: Es ist ideales Wetter um hinaus zu gehen in die Natur, um die Magie der Pflanzen zu erleben. So gegen 14 Uhr, am 7. Juli geht es los. Start: Altes Schulhaus Oberkirnach. Mit dabei: Sechzig "typisch frau"- Leserinnen und ein paar -Leser (das freut uns besonders). Vorne weg: Betty Sobiech, KrĂ€uterhexe, Heilpflanzenexpertin und ,typisch frau`- Referentin am 5. Juli. Ihr Thema in Villingen, im ,Gasthaus JĂ€gerhaus`: Heilpflanzen und Frauenheil-kunde. Ihre Zuhörer: Neunzig begeisterte Frauen (1 Mann).
Heute wird die ganze Geschichte vertieft. Wir gehen in die Praxis und das im wahrsten Sinne des Wortes. Eine KrĂ€uterwanderung steht auf dem Programm. Ehekrach, Geldsorgen, Probleme mit den Kindern bleiben zu Hause, nur zwei Hunde dĂŒrfen mit. Wir kommen gerade einmal zweihundert Meter weit, als Betty den Frauenmantel entdeckt - eine der wichtigsten Heilpflanzen, die uns durch unser ganzes Frauenleben begleiten können. Eine wahrhaft magische Pflanze. Als das Kraut der Frauen war es sogar bei den Germanen heilig. SpĂ€ter ĂŒbertrug sich das auf die Jungfrau Maria, denn die reich gefalteten BlĂ€ttchen sehen fĂŒr die GlĂ€ubigen wie ein Abbild des heiligen Marienmantels aus. Ein altes KrĂ€utergebet, das die Heilwirkung dieser Pflanze anspricht, lautet: "Die Wurzel und KrĂ€uter bete ich mit meinem kostbaren Gebet an, die da auf diesem Orte beschaffen sind, zu doktoren und zu heilen..." Die Alchimisten des Mittelalters hatten eine ganz besondere Beziehung zum Frauenmantel. Sie sammelten den Morgentau, der in den BlĂ€ttern war, um mit deren Hilfe den "Stein der Weisen" zu finden... Selbst die Hunde hören andĂ€chtig zu, wenn Betty Sobiech erzĂ€hlt, die ersten Pflanzen werden gepflĂŒckt und weiter geht es durch Wald und Wiesen ĂŒber Stock und Stein...
Dass junge MĂ€dchen die BlĂŒtenblĂ€tter einer Margarite abzupfen und sie so nach der Liebe ihres Angebeteten befragen, ist nichts Neues. Dass das Schenken von Rosen Liebe und Zuneigung bedeuten, haben wir hoffentlich schon alle am eigenen Leib erfahren. Dass eine Jungfrau, so hieĂ es frĂŒher - eine Brennnessel
anfassen kann, ohne sich zu verbrennen, ist heute nicht mehr aktuell. Doch bangte frĂŒher eine Frau um die Treue ihres Geliebten, so trug sie drei Rosen von verschiedenen Farben drei Tage und drei NĂ€chte auf dem Herzen. AnschlieĂend wurden die Rosen ebenso lange in Wein gelegt und genau diesen Wein musste der Geliebte trinken, der seine Angebetene dafĂŒr mit "ewiger Treue" belohnte. Mal ehrlich, dafĂŒr kann man doch die Dornen und eine total zerkratzte Hautertragen!
Möchten Sie noch mehr? Denn Liebeszauber mit Pflanzen gibt es jede Menge. So lockt ein Efeukranz, am 1. Mai getragen, den Geliebten herbei und wurde ein neugeborenes MĂ€dchen in einer Wanne aus Buchenholz gebadet, so wĂŒrde es spĂ€ter viele Feier haben, dank der Zauberkraft der Buche. Betty Sobiech bleibt vor einem Meer von Brennnesseln stehen, einer der wirksamsten Heilpflanzen schlechthin. Sie enthalten das Gewebshormon Histamin, unter dessen Einfluss sich die BlutgefĂ€Ăe erweitern und fĂŒr FlĂŒssigkeiten durchlĂ€ssig werden, auĂerdem KieselsĂ€ure, Gerbstoffe, Lezithin, Vitamine und Mineralstoffe. In manchen Gegenden werden Rheumatiker mit Brennnesseln regelrecht ausgepeitscht, mit durchschlagendem Erfolg im wahrsten Sinne des Wortes. Doch wenn Sie die ganze Geschichte lieber sanfter angehen möchten, so geht es auch als Salat, Tee oder Saft.
Brennnesseln helfen nicht nur gegen Rheuma, sondern auch bei Verschleimung der Atemwege, HĂ€morrhoiden, Hautkrankheiten und zur blutreinigenden FrĂŒhjahrskur. Doch es gibt auch noch eine andere Seite. So schreibt der bekannte KrĂ€uterforscher Dr. Heinrich Marzell: ,,Sie zeigt dem primitiven Menschen ein doppeltes Gesicht: Als Freundin des Menschen erscheint sie, wenn sie ihm im FrĂŒhjahr das erste frische GrĂŒn als Kost bietet, die er in der langen Winterszeit so schmerzlich entbehrt hat! Als unheimliches Kraut und als Sitz eines bösen DĂ€mons, weil sie brennt, ohne dass er, wie bei der Distel die Ursache der Schmerz-empfindung gleich feststellen kann..."
Nicht nur ein böser DĂ€mon, sondern auch die Seelen Verstorbener sollten sich ausgerechnet die Brennnesseln als Aufenthaltsort ausgesucht haben. Und die Zigeuner waren der Ansicht, dass die Brennnesseln quasi die HĂŒter der versteckten EingĂ€nge sind, die zu den Wohnungen der unterirdischen Geister fĂŒhren. Das Wetter hĂ€lt, die Gruppe zieht sich auseinander. Den Blick auf den Boden gerichtet entdecken wir die Wunder der Natur.
Wann haben wir zum letzten Mal so intensiv auf die Vielfalt der Pflanzen geachtet? Wann zum letzten Mal so bewusst jedes einzelne BlÀttchen um uns herum wahrgenommen? Immer wieder tauchen Fragen auf. Betty muss antworten. Und immer wieder fÀllt uns
verloren gegangenes Wissen ein und wir sehen Pflanzen, die uns begleitet haben.
Beim GĂ€nseblĂŒmchen kommt die Erinnerung an die erste Liebe. Doch schon Pfarrer Kneip schĂ€tzte diese kleinen bescheidenen FrĂŒhlingsboten sehr als Heilmittel bei Katarrhen und Verschleimung der Atemwege. Auch Stoffwechselkrankheiten und Leberleiden werden durch den BlĂŒtentee gĂŒnstig beeinflusst und nicht zu vergessen ist die blutreinigende Wirkung im FrĂŒhjahr. ĂuĂerlich lohnt sich ein Versuch bei verschiedenen entzĂŒndlichen Hautkrank-heiten. Das GĂ€nseblĂŒmchen galt schon in alter Zeit als "Blume der Unentschiedenheit". Nicht nur: Liebt mich - liebt mich nicht, auch andere Fragen musste die Orakelblume beantworten. Sie entscheidet ĂŒber den kĂŒnftigen Beruf mit den SprĂŒchen: "Edelmann, Bettelmann - oder Bauer" und schlieĂlich aber auch ĂŒber die ewige Seligkeit: "Himmel - Fegefeuer - Höll". Das GĂ€nseblĂŒmchen wurde mit einer Perle und damit zugleich mit TrĂ€nen, aber auch vergossenen Blutstropfen verglichen. Auf christlichen Tafelbildern des Mittelalters weist sie daher hĂ€ufig auf Christi und der MĂ€rtyrer Tod und Leiden hin. Wir sind jetzt schon ĂŒber zwei Stunden unterwegs. Selbst die Hunde wollen eine Pause und setzen sich hin. Kein Cafe in Sicht. Die erfahrenen Wanderer holen ihre Wasserflaschen aus den RucksĂ€cken. Und weiter geht's. Vorbei an Blutwurz und BeifuĂ, am stinkenden Storchenschnabel und, und, und... Dann öffnet sich der Weg und der Blick wird weit. Betty will meditieren. Sie erklĂ€rt die Grundregeln und legt sich hin. Auch wir suchen uns ein ruhiges PlĂ€tzchen. Auf einem Stapel Holz, auf der Wiese, auf dem Waldboden. Betty glaubt an Naturwesen und das man eins werden kann mit einer Pflanze.
Die Mythologien der Griechen und Römer waren es, die den Pflanzen ihre Namen und Bezeichnungen gaben. Pflanzen, KrĂ€uter und GewĂ€chse, die in dem Ruf standen, ĂŒber geheimnisvolle, magische und ĂŒbernatĂŒrliche KrĂ€fte zu verfĂŒgen, beschĂ€ftigten die Phantasie der Menschen in erster Linie und gaben ihnen eine besondere Stellung. Sie waren nicht nur Heilkraut, sondern auch der Wohnsitz von Nymphen, DĂ€monen, Elementargeistern, Feen und Elfen, also von guten und bösen Geistern. KĂŒnstlerisch wird die Pflanze in der Malerei, Literatur und Musik verherrlicht und als Ă€uĂeres Zeichen einer inneren tieferen Bedeutung finden wir eine Pflanze oft dort, wo es gilt ohne viele Worte etwas Bestimmtes mitzuteilen.
Beispiel: "Lasst Blumen sprechen". Am Samstag, dem 7. Juli, sprechen sie drei Stunden zu uns. Manchmal ohne Worte und manchmal ĂŒber Betty. Zugegeben, sie haben bestimmt jedem der sechzig SpaziergĂ€nger etwas anderes gesagt, doch keiner geht nach Hause ohne dieses besondere GefĂŒhl, das man einfach hat, wenn man der Natur sehr nahe kommt.
Barbara Dickmann
