Am Esstisch lässt sich alles fürs Leben lernen

- Pädagogin Renate Storch spricht über das Thema gesundes Essen in Wandel der Zeit - Hauswirtschaft schult alle Sinne -

Viele Fragen an die Referentin Dr. Renate Storch (sitzend), hier mit drei sehr interessierten Zuhörerinnen im Gespräch, Ulrike Maute, Veronika Bucher und Renate Mayer (von rechts). Bild: Barbara Dickmann

Sie backen Kuchen aus Sand, oder kochen eine bräunliche Brühe aus Wasser, Gras und Schlimmerem, die sie dann Suppe nennen. Keine Frage, unsere lieben Kleinen matschen für ihr Leben gerne im Sand. Doch noch lieber würden sie sich in unserer blitzblank geschrubbten Küche austoben, ihren kreativen Forscherdrang dort ausleben und uns an den Rand der Verzweiflung bringen. Doch genau das ist das Problem. Dabei wissen wir es doch genau: Kochen fördert die Entwicklung unserer Kinder. Schon ab vier Jahren können sie tatkräftig mithelfen und zwar so tatkräftig, dass wir uns eine voll gekachelte Küche mit einem großen Abfluss mittendrin wünschen.
Doch selbst das größte Chaos sollte uns nicht abhalten, meint Dr. Renate Storch, Pädagogin aus Heidelberg und geht mit ihrer These noch viel, viel weiter: "Alles, was man im Leben braucht, kann man am Esstisch lernen!" sagt sie. Auf Einladung des Deutschen LandFrauenverband e.V. Brigachtal und der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands, hält sie am 25. Juni im Pfarrzentrum in Brigachtal einen Vortrag. Titel: Was Hänschen nicht kocht, kocht Hans nimmermehr!
Renate Storch sagt es gleich zu Anfang: Es geht nicht um Kalorien, Kohlehydrate oder Vitamine. Es geht um viel, viel mehr. Es geht um die Bedeutung der Ernährung für eine gesunde Entwicklung. Um das Erlernen von hauswirtschaftlichen Fertig-keiten, die nicht nur satt machen, sondern alle Sinne schulen. Es geht um den bewussten Umgang mit Zeit und Ressourcen, um den Familientisch als Ort des Wohlfühlens und der Vermittlung von Sicherheit und Esskultur. Es geht um Ernährungserziehung und ihre Bedeutung zur Entwicklung von Selbstbewusstsein, Eigenverantwortlichkeit und sozialen Fähigkeiten.

"Eine gute Mahlzeit ist eine ausgewogene Mischung aus guten Speisen, sorgfältigem Engagement, engen Bindungen, Ästethik, einem Erlebnis der Sinne aus unvorher-sehbaren menschlichen Gefühlen und Stimmungen."

Jester Juul,
bedeutender Familientherapeut.

Knapp 60 Zuhörerinnen nicken. Es ist wohl ein reines Frauenthema, denn kein Mann

Starke Nerven und kein Putzfimmel sind gefragt, wenn Sie mit Ihrem Kind kochen - mehr dazu in der kommenden typisch frau. Bild: fotolia.de

lässt sich heute blicken. Der Umbruch unseres Ernährungsverhaltens beginnt 1750. Aus der Agrarwirtschaft entwickelt sich die Industriegesellschaft. Immer mehr Menschen arbeiten in Fabriken, Lebens-mittel werden verfeinert. 1950, nach dem 2. Weltkrieg werden Lebensmittel immer hochwertiger. Der erste Fruchtjogurt liegt in den Regalen, 1959 beglücken die ersten Fischstäbchen unsere Kinder und seit 1964 schichten wir die Schokocreme aufs Schulbrot. Der neueste Renner: Lebensmittel plus Vitamin, also unheimlich gesund. Der Trend ist klar: Genuss wird abgekoppelt von der Anstrengung der Verarbeitung. Lebensmittel werden immer billiger. 1970 werden in Deutschland noch 30 Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben - heute sind es 11 Prozent. Es war noch nie so einfach und so billig satt zu werden. "Und wir brauchen immer größere Reize", sagt die Referentin. Aufwändige Dekoration, fremdländische Gerichte, Kochshows, Sterneköche... man hält Tiere in Massen und isst nur bestimmte Teile. Satt zu werden ist nicht mehr das Problem, Essen ist Lustgewinn und wird zur Gier nach neuen Reizen." Und fand die Jagd nach Beute in grauer Vorzeit im Wald statt, so jagen wir heute durch den Supermarkt, allein gelassen mit der Qual der Wahl.
Die Familie ist im Wandel, gemeinsame Mahlzeiten sind die Ausnahme, Hausarbeit hat wenig Anerkennung, Hausfrau ist kein Beruf, Kochen mit Freunden jedoch positiv belegt. Doch dann regieren die Männer: Hans steht am Grill und seine Frau räumt auf.
Seit 1990 hat sich die Zahl der Menschen, die außer Haus essen verdoppelt. Und wenn wir zu Hause essen, dann oft aus der Tiefkühltruhe und rein in die Mikrowelle. Obwohl das Angebot so groß wie nie, scheint Tiefkühlpizza ein Grundnahrungs-mittel zu sein. Schnell, fix und fertig, immer essen, wann man will, scheint der neue Lebensstil zu sein. Und das hat nichts mit Zeit zu tun. Ja selbst der Bundesverband Deutsche Tafel e.V., der überschüssige Lebensmittel für kleines Geld an Bedürf-

tige verteilt, hat Probleme frisches Obst und Gemüse loszuwerden. Fertiggerichte sind gefragt - und das bei Menschen, die in der Regel nicht arbeiten.
Renate Storch sieht darin eine grundlegende Einstellung, die viel weiter reicht: "Wer frisst, was man ihm vorsetzt, tut auch das, was man ihm sagt!" Nicht mehr selbst zu kochen ist ein Werteverlust. Kochen ist die einzige Kunst, bei der das Ergebnis einverleibt wird. Beim Kochen erlebt man einen Prozess vom Anfang bis zum Ende, was in unserer heutigen Zeit nicht gerade üblich ist. Alles ist im Fluss - man kann die Welt nicht verändern, doch jeder kann Einfluss nehmen und in seinem kleinen Kosmos die Welt ein bisschen gerade rücken. Die Zuhörer sind begeistert. Und etliche fühlen sich bestätigt in ihrer Arbeit, fühlen sich belohnt für die Zeit ihres Lebens, die sie bereits in der Küche verbracht haben.
Welche Vorschläge Renate Storch zur Verbesserung der Ernährungssituation hat, lesen unten. Wie Sie mit Kindern kochen und welche Auswirkungen das haben kann, lesen Sie in der kommenden typisch frau.

Hier die Vorschläge zur Verbesserung der Ernährungssituation von der Pädagogin Dr. Renate Storch aus Heidelberg, die sich an alle richten:
- regelmäßig essen - keine Mahlzeiten auslassen und erst recht nicht, wenn Sie abnehmen möchten,
- Familienmahlzeiten so oft wie möglich, sie sind besonders für die Sozialkompetenzen von großer Bedeutung,
- ist das nicht möglich, sollten Versorgungsbetriebe ein Ort des Lebens-alltags werden, an dem gut gegessen wird,
- den Verbraucher aufklären und unterstützen und nicht maßregeln, wenn er immer zur Tiefkühlpizza greift,
- die Nahrungsmittelindustrie sollte ihre Werbung zumindest für Kinder massiv einschränken,
- mit Aroma- und Zusatzstoffen versehene Lebensmittel, die die Geschmacksprägung irritieren, werden verboten,
- Transfettsäuren in Lebensmittel (z.B. Margarine) sind in Deutschland erlaubt, in Amerika schon verboten, da gesundheits-schädlich, warum hier nicht?
- Cerealien (Sammelbegriff für verschiedene Getreideprodukte wie Müsli) mit einem Zuckergehalt bis zu 50 % dürfen nicht in den Handel gebracht werden,
- Politiker haben dafür zu sorgen, dass die entsprechenden Richtlinien durchgesetzt und kontrolliert werden,
- Ernährungslehre und Hauswirtschaft müssen im Lehrplan aller Schularten verankert sein
- Jeder sollte seine Vorbildfunktion akzeptieren. Erzieher müssen Vorgaben machen, Grenzen setzen und Reibungsflächen bieten, um Kinder zur Selbständigkeit zu erziehen. Sie müssen sich Kenntnisse und Fertigkeiten aneignen und geschult werden, um neben den körperlichen Bedürfnissen auch die sozialen und psychischen Funktionen von Mahlzeiten zu vermitteln - also Esskultur,
- Hausarbeit im weitesten Sinne muss sich auch finanziell lohnen

Barbara Dickmann