Plagen auch Sie Schuldgefühle? Sind Sie verantwortlich für die miesen Zensuren des Sohnes, die Allergie der Tochter oder die Unzufriedenheit ihres Mannes? Dann sind Sie in guter Gesellschaft, denn Schuldgefühle zu produzieren ist eine typisch weibliche Spezialität. Doch mit den Wechseljahren wechselt manchmal auch die Einstellung, viele Frauen suchen Hilfe bei einer Psychologin oder Psychotherapeutin und was dabei herauskommt, kann man oft in zwei Worte fassen: ,,Jetzt reichts!" Heute reichen zuerst Frauen die Scheidung ein und nicht die Männer. Denn in der Mitte des Lebens ziehen Frauen Bilanz und wenn dann zusätzlich die Hormone verrückt spielen ist das Dilemma da - nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper. Beim SÜDKURIER-Forum am 20.7. zum Thema ,Frausein` war Dr. Dorothee Schmalz-Buchholz, Kinder- und Jugend-Psychiaterin und Fachärztin für psychotherapeutische Medizin für das ,Dilemma´ zuständig (wir berichteten) für die Hormone war Dr. Sanyukta Runkel, eine der wenigen Professorinnen für Frauenheilkunde als Referentin gekommen , doch auch sie steigt nicht gleich auf die körperliche Schiene ein. ,,Viele Faktoren spielen eine Rolle, um Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten, Hormone allein können nicht weiterhelfen", erklärt sie. Denn Familie, soziales Umfeld, Essgewohnheiten und ausreichende Bewegung sind ebenso wichtige Faktoren und doch brauchen viele Frauen Hormone, meint die Professorin, die betont, dass sie weiß Gott nicht eine Hormonersatztherapie für das Allheilmittel schlechthin hält. Tatsächlich nimmt die Zahl der Frauen, die Hormone nehmen, im Augenblick ab, dafür sorgt das starke Geschlecht für die Überraschung schlechthin, denn die Zahl der Männer, die zu Viagra oder Testosteron greifen nimmt zu. Eine erstaunliche Entwicklung und wer hätte gedacht, dass Männer für positive Stimmungslage, Stabilisierung der Knochen, aber ganz besonders für die deutliche Zunahme des sexuellen Verlangens und die Häufigkeit kompletter Erektionen zur Pille oder zum Gel greifen? Dass ihre Frauen dann vielleicht nicht in der Lage sind, diese Bedürfnisse zu erfüllen, weil sie sich mit ihren Wechseljahresproblemen herumschlagen sei schon bedenklich, meint die Professorin und berichtet über die Anfänge der Hormonersatztherapie.
Entwickelt wurde sie in den 80iger Jahren, in den 90igern waren Hormone primäre und sekundäre Prävention gegen Herz-Kreislauf- Erkrankungen, Osteoporose und Demenz. Doch immer mehr Frauen schluckten Hormone gegen mehr oder weniger starke Wechseljahres-beschwerden und um körperlich einfach fiter zu sein, denn die Trendwende begann. 60jährige tummelten sich auf dem Tennis-platz, 70jährige waren nicht mehr reif für Lehnstuhl und Strickstrumpf und auch 80jährige wollten so fit wie möglich am Leben teilnehmen. Und eigentlich klingt alles ziemlich plausibel, was fehlt wird ein-
fach wieder hinzu gegeben und schon funktioniert alles wie geschmiert. Denn Östrogene sind nicht nur für Sex und Fortpflanzung zuständig, ihre Aufgaben sind vielfältig und komplex. Doch mit dem neuen Jahrhundert kam die große Panik. Hormone verursachen Brustkrebs! Studie in Amerika wird abgebrochen um Frauen nicht weiter zu gefährden! Brustkrebsrisiko um 24 % erhöht und, und, und... Der Schock saß tief und sorgte für große Verunsicherung unter den Ärzten. ,,Diese Studie ist komplett auseinander genommen worden", erklärt die Professorin. Sie sei einfach nicht übertragbar, denn die Testpersonen waren zusätzlich mit etlichen Risiken wie Rauchen, Übergewicht, Alkohol und Bewegungsmangel behaftet. Denn wie immer im Leben ist es die Summe aller kleinen Dinge, die sich aufeinander doppeln. Ist frau über 45 und hat etliche Pfunde zu viel auf den Hüften, raucht sie mehr als 10 Zigaretten am Tag und bewegt höchstens die Hand um zur Kuchengabel zu greifen , ist das Risiko an Brustkrebs zu erkranken natürlich viel, viel höher, als bei einer schlanken, nicht rauchenden Sportlerin. Kommt dann noch eine Hormonersatztherapie hinzu, ist wieder ein Tropfen mehr ins Fass gekommen und irgendwann läuft es über.
Keine Frage, Brustkrebs ist die größte Bedrohung für Frauen. Statistisch gesehen erkrankt jede 9. Frau in ihrem Leben an Brustkrebs. 70 % treten erst nach dem 50. Lebensjahr auf und je älter wir werden, desto höher wird das Risiko. ,,Die meisten Frauen, die erkranken, haben nie eine Hormonersatztherapie bekommen", sagt die Ärztin und für alle, die es genau wissen wollen, hier ein paar Zahlen: Eine Analyse von insgesamt 51 Studien ergab folgendes Ergebnis: Ohne Hormonbehandlung wurde bei 65 von 1.000 Frauen zwischen 50 und 70 Jahren Brustkrebs festgestellt. Nach fünfjähriger Hormonbehandlung fand man bei 66 von 1.000 Frauen Brustkrebs, nach 10 Jahren bei 70 von 1.000 Frauen und nach 15 Jahren bei 76 von 1.000 Frauen. Hormone können keinen Krebs erzeugen, doch Krebszellen, die bereits bestehen, können zum Wachstum angeregt werden, was wiederum bedeutet, das die Krankheit früher ausbricht. ,,Doch Hormone sind das wirksamste Medikament gegen Osteoporose und sie senken das Frakturrisiko", sagt die Ärztin. Und auch bei massiven Wechseljahres-Beschwerden, wenn frau einfach nicht mehr in der Lage ist, ihren Alltag zu regeln und völlig am Boden liegt, können nur noch Hormone helfen. ,,Alle anderen natürlichen Substanzen versagen dann", sagt die Professorin, die das damit verbundene Risiko als winzig klein ansieht. Doch ob Hormonersatztherapie oder nicht - die Entscheidung muss jede Frau selbst treffen, denn Hormone sind biologisch aktive Substanzen und eine 100%ige Sicherheit gibt es einfach nicht. ,, Dafür gibt es sichere Ärzte", argumentiert die Ärztin und berichtet aus der Praxis. Für sie sind das sorgfältige Erfassen aller wichtigen Daten, Krebsvorsorge, Ultraschall, intensive Beratung, das
Abklären von Risiken und die regelmäßige Untersuchung alle sechs bis 12 Monate ist absolute Voraussetzung ehe sie mit der Hormonersatztherapie beginnt.
Nach zwei Stunden brauchen Referenten wie 300 Zuhörerinnen im Münsterzentrum in Villingen-Schwenningen dringend eine Pause und etwas zu trinken. Etliche Frauen stellen ganz persönliche Fragen an die Referentinnen, aber auch anonyme sind möglich. Nach drei Stunden ist die Luft raus. Dr. Dorothee Schmalz-Buchholz und Dr. Sanyukta Runkel haben ganze Arbeit geleistet und was sie rüberbringen wollten, ist angekommen. Eigentlich sind es nur drei Worte, die ganz einfach klingen und doch so schwer umzusetzen sind. Wie sie lauten, weiß jede von uns: Frau, tu was! Und wenn es dir schlecht geht, such dir Hilfe - egal ob Körper oder Seele oder beides im Argen liegen. Doch zaubern kann keiner, weder eine Psychologin, noch eine Gynäkologin. Sie können nur beratend zur Seite stehen und begleiten und vielleicht den ersten Anschub geben. Nicht für die ewige Jugend - doch vielleicht für ein erfüllteres, eigenverantwortlich gestaltetes Leben.
Der Kommentar
Es gibt immer zwei Seiten und manchmal sogar drei oder vier. Das Abwägen von Risiken und Nutzen, das persönliche Gefühl, was für uns gut ist oder nicht, nimmt uns keiner ab. Doch dann gibt es noch die politische und wirtschaftliche Schiene, denn die Hormonersatztherapie wird - zumindest im Augenblick noch - von den Kassen bezahlt und wie bestrebt diese sind, Kosten einzusparen ist reichlich bekannt. Deshalb kommt natürlich eine Studie, die ein ungewöhnlich hohes Brustkrebsrisiko aufzeigt, mehr als gelegen. Doch alle Statistiken und Studien können immer so oder so ausgelegt werden und oft werden sie schon mit bestimmten Zielen gestartet, so dass hier wieder die eigene Entscheidung gefragt ist. Aber auch eine Arztpraxis ist kein Sozialamt und muss wirtschaftlich arbeiten. Hormone werden zwar von den Kassen bezahlt, doch Ultraschall kostet zwischen 37 und 60 Euro, die Krebsvorsorge ist lediglich einmal im Jahr vorgesehen und ein Patient der alle drei Monate zumindest erscheint um sein Rezept abzuholen, ist natürlich viel wirtschaftlicher als wenn er nur einmal im Jahr auf der Matte steht. Klingt alles nach viel Geld und zugegeben, schwarze Schafe gibt es überall, doch die Regel ist anders. Ärzte verschreiben nicht aus wirtschaftlichen Gründen Medikamente oder empfehlen Ultraschall, sondern aus der Überzeugung heraus, ihren Patienten damit zu helfen, wobei sie auch nicht der liebe Gott sind. Was unbestritten bleibt, ist einfach, dass eine Hormonersatztherapie zusätzlich Geld kostet. Und natürlich passt es viel besser zum heutigen Zeitgeist, schnell etwas zu schlucken, das älter werden zu verdrängen und so zu tun, als ob man noch mal vierzig wäre. Doch eine Hormonersatztherapie ist nicht der Glücksbringer schlechthin. Es gelten wieder nur drei Worte: Frau, tu was!
Barbara Dickmann
