Sex macht lebendig und stark

Partnerschaft heute und ihre Bedeutung: Vortrag mit Sexualtherapeuth Thomas Pfaff

In der SexualitÀt ist heute alles möglich - ein verliebtes Paar hat die Wahl

Pro Familia Villingen-Schwenningen feiert gerne. Am 20. November ist es ihr 35. Geburtstag und Thomas Pfaff, Sexualtherapeut und Leiter des Fachbereichs Beratung bei Pro Familia in Stuttgart, ist extra angereist um ĂŒber ein besonderes Thema zu referieren. Titel: SexualitĂ€t und Liebe - wie hat sich die Bedeutung von SexualitĂ€t verĂ€ndert?
Eine Frage: Ist Sex nicht einfach nur der Anreiz uns zu Paaren zusammenzutun, Kinder zu zeugen und groß zu ziehen? Warum also das ganze Theater ?
"SexualitĂ€t ist viel, viel mehr - zumindest aus psychologischer Sicht", sagt Thomas Pfaff. SexualitĂ€t ist BestĂ€tigung des SelbstwertgefĂŒhls, macht uns lebendig, kann uns in Krisen auffangen und hilft, innere Spannungen und Ängste abzubauen. Sie kann sogar ĂŒber depressive ZustĂ€nde hinweg fĂŒhren und vermittelt ein GefĂŒhl von NĂ€he und Aufgehoben- Sein.
Brechen wir Tabuzonen, kann sie ein GefĂŒhl von StĂ€rke erzeugen - aber auch zu SelbstvorwĂŒrfen, Schuld- und SchamgefĂŒhlen fĂŒhren. Sexuelle Erregung kann sogar helfen, Erfahrungen des Verlassensseins und Scheiterns aus unserer Kindheit einfach in Triumphe umzuwandeln. SexualitĂ€t ist deshalb auch immer mit GefĂŒhlen von Angst und Unsicherheit verbunden.
"SexualitĂ€t ist immer auf andere hin orientiert. Egal ob wir sie alleine oder mit einer Partnerin oder einem Partner erleben", sagt der Sexualtherapeut. Sogar die Selbstbefriedigung sei immer mehr als ein Abreagieren körperlicher Spannungen - sie wĂŒrde vielmehr ausgelöst durch sexuelle Reize anderer, durch Vorstellungen oder Bilder... Keine Frage, von Beginn an sind wir auf Beziehungen orientiert. Schon als Baby treten wir mit unseren Eltern (oder der Person, die uns betreut) in aktiven Kontakt, erleben lustvolle, beglĂŒckende, leidvolle und schmerzliche Erlebnisse. Die Spuren dieser Erfahrungen begleiten uns ein Leben lang, werden das Grundmuster dessen, was fĂŒr uns anziehend und auch sexuell erregend

ist. Es hat also seinen Grund, warum Sie sich immer nur in MĂ€nner mit braunen Augen und dunklen Haaren verlieben, oder vielleicht nur in MĂ€nner, die besonders zurĂŒckhaltend sind und Sie verwöhnen. Leider gibt es auch genau das Gegenteil, nĂ€mlich Frauen, die immer an gewalttĂ€tige und brutale MĂ€nner geraten - egal ob sie blonde oder schwarze Haare haben. "Oft idealisieren wir unser erlebtes Grundmuster", sagt Thomas Pfaff und dann muss der Partner mindestens der `Prinz auf dem weißen Pferd` sein, was wohl in den seltensten FĂ€llen funktioniert.
Doch die Geschichte hat zwei Seiten: "Gerade diese UnerfĂŒlltheit kann Antrieb zu stĂ€ndiger Erneuerung von Liebesbeziehungen sein, die sonst vielleicht veröden wĂŒrden. Doch natĂŒrlich kann es auch der Sprengstoff sein, der alles zerstört", weiß der Sexualtherapeut aus seiner langjĂ€hrigen Erfahrung.
SexualitĂ€t kann also so oder so oder so oder so sein - Sie sehen, wie schwierig doch eine eigentlich so einfache Sache sein kann! Und ganz besonders heute, im Zeitalter der Globalisierung, des Turbo-Kapitalismus, in der alte Ordnungen und gewachsene gesellschaftliche ZusammenhĂ€nge angegriffen und zum Teil zerstört werden. In den Beratungsstellen von Pro Familia kommen immer hĂ€ufiger Menschen, die einfach ĂŒberhöhte Beziehungsanforderungen haben, die den Superpartner wollen und klĂ€glich scheitern. "Die gesellschaftliche KĂ€lte und die immer hĂ€rter werdende Arbeitswelt soll durch eine besonders innige, warme und perfekte Liebesbeziehung aufgefangen werden", sagt Thomas Pfaff. Und das macht das Zusammenleben auf Dauer nicht leichter - die steigenden Trennungs- und Scheidungsraten sprechen fĂŒr sich.
Sexuell gesehen ist die Welt heute ein großer Supermarkt, in dem jeder jeden Partner und alle sexuellen Praktiken bekommen kann. Alles scheint möglich und wir stehen unter einem ungeheueren Leistungsdruck. Ein perfekter Körper, eine gute Liebhaberin, sexuelle Höchstleistung sind Voraussetzung. Und immer mehr MĂ€nner wie Frauen, die sich in einer Partnerschaft befinden, suchen einfach weiter - sei es ĂŒber Seitensprung-, oder ĂŒber private oder kommerzielle Kontaktvermittlungsagenturen im Internet, die fĂŒr jede nur denkbare Zielgruppe Angebote haben. Pornografiekonsum ist NormalitĂ€t geworden. Ein Großteil der MĂ€nner und mittlerweile auch viele Frauen (auch wenn ihr Anteil deutlich geringer ist), konsumieren regelmĂ€ĂŸig Pornografie im

Internet. Wird das mit Ehebruch gleichgesetzt, kommt es zum Konflikt, doch oft genug entziehen sich viele MĂ€nner nur den vermeintlichen hohen sexuellen Anforderungen und beschrĂ€nken ihre sexuelle AktivitĂ€t auf Pornografie im Internet. Hier ist er der alleinige Herr ĂŒber seine Lust, kann verfĂŒgen und bestimmen und einfach wegklicken. Ob diese Entwicklung jetzt zu sexueller Verwahrlosung fĂŒhrt oder nicht, können selbst Fachleute nicht richtig beantworten. Die Sexualtherapeuten von Pro Familia haben natĂŒrlich die Menschen vor Augen, die Schwierigkeiten haben, doch die SexualpĂ€dagogen, die in ihrer Arbeit mit Schulklassen und Jugendgruppen auf die "ganz normalen" Jugendlichen treffen, melden ermutigendes. Junge Menschen wollen einen souverĂ€nen, partnerschaftlichen Umgang und ihre SexualitĂ€t frei, verantwortungsvoll und selbstbestimmend ausleben.
SexualitĂ€t heute erscheint als vielschichtig, lebbar in unterschiedlichsten Beziehungskonstruktionen, in den buntesten Spielarten: BlĂŒmchensex - harter Sex, sado - maso - bi- homo - hetero... Noch nie war SexualitĂ€t öffentlich in dem Maße wie heute zugĂ€nglich, sei es in den Medien, als auch als kĂ€uflicher Sex. In der Partnerschaft gilt die neue Verhandlungsmoral - alles, was zwischen einverstĂ€ndnisfĂ€higen Partnern ausgehandelt wird, ist in Ordnung. FĂŒr die einen ist sie eine große Freiheit - fĂŒr die anderen wird sie zur Überforderung. Thomas Pfaff endet mit einem Zitat eines Kollegen: "SexualitĂ€t ist heute kein Ausdruck eines Triebes, sondern eine Ressource. Wobei die entscheidende Frage lautet: Was fange ich mit dieser Ressource an?" FĂŒr Pro Familia bedeutet das in jedem Fall: Die Arbeit wird nicht weniger, sie ist so wichtig wie vor 35 Jahren - nur die Probleme Ă€ndern sich.

Info-Kasten:
Gelebte SexualitĂ€t ist konventionell geblieben: Etwa 95 % aller Geschlechtsverkehre erfolgen in festen Beziehungen und zwar unabhĂ€ngig von Geschlecht, Alter und Wohnort. Nur 1 % findet in Außenbeziehungen und nur 5 % aller Geschlechtsverkehre findet bei Singles statt, obwohl sie in der Befragung 25 % der Befragten ausmachten. (Quelle: empirische Untersuchungen von Gunter Schmidt und Kurt Starke ĂŒber Beziehungsbiographien).

Barbara Dickmann