AIDS und Frauen in Afrika

- Jahresarbeit von Anne Haas aus Döggingen -

Ein Jahr kann sehr lang sein oder sehr kurz. Für Anne Haas aus Döggingen, 18 Jahre jung und Schülerin der freien Waldorfschule in Villingen-Schwenningen war der Gedanke, sich ein ganzes endlos langes Jahr mit einem Thema zu beschäftigen, nicht gerade berauschend. Doch zum Lehrplan der 12. Klasse gehört es, genau das zu tun, ein Thema auszusuchen, sich hineinzuknien, darüber zu schreiben und zu referieren. Dass sie sich mit Afrika beschäftigen möchte, weiß Anne ziemlich schnell, doch erst eine Tagung des Versöhnungsbundes in Bonn und ganz speziell der Vortrag einer jungen Frau über ihre Erlebnissen im freiwilligen sozialen Jahr in Afrika, bringt die Idee. Anne wird klar, dass sie mehr über das Leben der Frauen in Afrika wissen möchte und dann war der Schritt nicht mehr weit. Anne`s Jahresarbeit heißt: ,,Frauen und AIDS in Afrika".
Anne`s erster Teil setzt sich mit der medizinischen Definition auseinander. AIDS (= Acquired Immune Deficiency Syndrome) ist eine schwere, durch das HI-Virus verursachte Schwächung des körpereigenen Abwehrsystems. Nach einer Ansteckung mit HIV sind die meisten Menschen jahrelang ohne Beschwerden. Doch bei fortschreitender Infektion wird der Körper immer wehrloser gegen viele Krankheitserreger die ein gesunder Mensch ohne Probleme bekämpfen kann. Trotz großer Erfolge bei der medikamentösen Therapie ist eine Heilung nicht möglich und einen Impfstoff gibt es nicht. Heute kann der Krankheitsverlauf stark verlangsamt werden, doch der Virus bleibt im Körper und der Infizierte kann Gesunde anstecken. HI-Viren werden durch Blut, Samen- und Scheidenflüssigkeit übertragen und der Hauptansteckungsweg ist Sex ohne Kondome. HI-Viren dringen wie ein Schnupfenvirus ein und lassen sich auf Dauer nicht von Antikörpern aufhalten. Irgendwann wird der Körper nicht mehr mit der Krankheit fertig. Das erste Stadium der Erkrankung ähnelt einer ganz gewöhnlichen Grippe mit Fieber, Durchfall, Schmerzen und geschwollenen Drüsen. Im zweiten Stadium kommen entzündete Atemwege, ständiger Husten und Gewichtsverlust hinzu. In der dritten Stufe verschwinden die Symptome überhaupt nicht mehr, in der vierten Stufe kann die Nahrung nicht mehr gehalten werden, oft kommt eine Lungenentzündung hinzu und der Erkrankte stirbt geistig verwirrt.
1981 sind die ersten HIV-Fälle aufgetreten und zur Zeit leben weltweit über 40 Millionen Menschen mit AIDS. Über 50 % davon sind Frauen, über 50 % davon sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. Im Jahr 2003 haben sich 5 Millionen Menschen mit HIV infiziert, im selben Jahr sind 3 Millionen an AIDS gestorben. Mehr als 95 % der Menschen mit HIV leben in Schwellen- und Entwicklungsländern. Die am meisten

betroffene Region der Welt liegt südlich der Sahara in Afrika. Dort ist in manchen Gebieten jeder Dritte infiziert. Im Jahr 2003 sind allein in Afrika 2,3 Millionen Menschen an AIDS gestorben.
Während in Deutschland durch so genannte Kombinationstherapien AIDS besser beherrschbar geworden ist, werden AIDS-Kranke in Afrika mit Naturheilmitteln behandelt. Mittlerweile haben die unterschiedlichsten Hilfsorganisationen kostenlose Teststationen eingerichtet, doch das muss man den Menschen erst einmal begreiflich machen und oft genug ist die Entfernung einfach zu groß. AIDS gilt in Afrika als Schande, lange Zeit war überhaupt nicht klar, wie die Übertragung stattfindet und mehr als zwei Drittel der 15 - 24jährigen Mädchen und Frauen im südlichen Afrika wissen bis heute nicht, wie sie sich vor AIDS schützen können und stecken sich deshalb häufiger und früher an, als gleichaltrige Jungen und Männer. Massive Aufklärungsarbeit findet an den Schulen statt, doch viele Mädchen aus armen Familien besuchen sie gar nicht und dass sie angesteckt werden, scheint fast schon vorgezeichnet. Ihre niedrige soziale Stellung macht es Mädchen und Frauen schwer, über Sexualität selbst zu bestimmen. Oft werden sie gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen und der Aberglaube, dass Geschlechtsverkehr mit einer Jungfrau AIDS heilen könnte, hält sich hartnäckig. Viele dieser Mädchen landen auf der Straße, doch auch eine Heirat bedeutet keinen Schutz, denn Sex ist Zeitvertreib in ländlichen Gebieten. Fremdgehen gibt es nicht, die Männer haben vier bis fünf Frauen, die auch den Freunden, Verwandten oder Gästen für eine Nacht angeboten werden. Wanderarbeiter gehen zu Prostituierten und stecken dann wieder ihre Frauen an. ,,Sex ist in Afrika wie Karten spielen", sagt Anne und generell wollen afrikanische Männer nicht verhüten. Sex ohne Verhütung macht mehr Spaß und außerdem möchten sie viele Kinder, denn die sind die beste Altersvorsorge. In manchen Regionen gibt es fast nur noch alte Frauen und Kinder, die Generation zwischen 25 und 40 Jahren ist fast schon ausgestorben. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele AIDS-Waisen und die Hälfte der heute im Land lebenden Teenager wird an den Folgen der Immunschwäche sterben. Doch selbst wenn Kondome verteilt werden, wissen die wenigsten, wie man sie anwendet und völlig unbegreiflich für den Afrikaner ist die ungeheure Vorstellung, dass in der Weitergabe des Lebens der Tod lauern soll. Wobei die Einstellung zum Tod auch wieder eine völlig andere ist, denn in ihrem Glauben sterben sie nicht, sondern leben einfach in einer anderen Welt weiter. ...

Anne interviewt Dr. Gisela Schneider in Tübingen, die ein Jahr in Afrika gelebt hat und spricht mit Ursula Meissner, einer Kriegsjournalistin, die gemeinsam mit ihrem Mann ein Buch geschrieben hat. Doch je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigt, desto deprimierter wird sie. Was kannst du dagegen tun, fragt sie sich selbst oft in der Nacht, wenn sie keinen Schlaf findet. Anne überlegt, ob sie nach der Schule in einem Kinderkrankenhaus arbeiten soll. Doch zuerst will sie ihre Arbeit schreiben und dann eine Aktion in Villingen starten und Geld sammeln. 128 handgeschriebene Seiten schafft Anne und ihre Jahresarbeit endet mit den Worten: ,, Es ist nicht leicht, sich wirklich ein Jahr lang diszipliniert mit einem Thema zu beschäftigen was sehr tiefgründig und emotional ist. Ich bin sehr froh, genau das Thema ,,Frauen und AIDS in Afrika genommen zu haben. Ich habe viel davon gelernt und es ist auch eine Erfahrung wert, sich mit etwas zu beschäftigen, was einen persönlich interessiert und woraus man viel lernen kann. Aber eins muss ich einfach klarstellen, ich habe besonders viel Unterstützung von meiner Mutter bekommen und von meiner Betreuungslehrerin..." Am 5. Oktober steht Anne mit einem Infostand in Villingen. ,,Wussten Sie, dass es mehr Tote durch AIDS als durch den Krieg in Afrika gibt" steht auf ihren Flugblättern, die sie verteilen will. Doch die Menschen sind nicht interessiert, sie nehmen die Flugblätter nur mit Mühe oder machen gleich einen großen Bogen um Anne. ,,Alles ganz gut und schön, doch jetzt muss man erst einmal hier etwas machen," sind die Kommentare, die sich Anne anhören muss und damit ist weiß Gott nicht das Thema AIDS gemeint. Von sechzig AIDS-Schleifen, die sie gebastelt hat, gehen vier weg. Viele wussten gar nicht, was eine AIDS-Schleife ist. Anne ist deprimiert. Doch wenigstens die Jugendlichen zeigen sich interessiert, nehmen Infomaterial und Kondome mit, die Pro Familia Villingen zur Verfügung gestellt hat. Der Vortag in der Schule wird ein voller Erfolg und eine lebhafte Diskussion folgt. Frauen und AIDS ist Afrika ist für Anne noch lange nicht abgehakt. Irgendetwas wird sie tun, vielleicht als Entwicklungshelferin arbeiten? Anne weiß es noch nicht genau. Und eine Frage lässt sie überhaupt nicht los: ,, Wieso konnte es so weit kommen? Warum hat man nicht schon früher etwas getan? ...

Barbara Dickmann