Frauen gehören in die Küche - oder?




Frauen heute und anno 1899 -
löst das ein Schmunzeln aus?
Letzten Samstag fand ich auf dem Flohmarkt ein kleines, ziemlich vergriffenes kleines Buch, an dem ich einfach nicht vorbeikam. Es handelt vom häuslichen Glück und beginnt so : „Nicht die Kunst reich zu werden oder viel Geld zu verdienen, wird man in diesem Büchlein finden, wohl aber die Kunst sich und den Seinigen auch bei bescheidenem Einkommen ein behagliches Heim, ein angenehmes Familienleben zu schaffen“. Klingt doch super, auch wenn die nächsten Sätze etwas verwirren: „ Allerdings ist es für jede Frau eine schwere Aufgabe, ein ganzes Hauswesen allein, ohne Magd und doch gut zu besorgen, besonders wenn das Einkommen oder der Verdienst des Mannes nur klein ist“. Spätestens jetzt werden Sie merken, dass das Buch nicht gerade druckfrisch ist, genauer gesagt erschien es anno 1890 und doch gibt es da so manch Kapitel, das wir uns zu Herzen nehmen sollten. Zum Beispiel folgendes: Die Zeit, wann jede einzelne Verrichtung im Haushalte geschehen soll, genau zu bestimmen, ist nicht möglich, wohl aber gibt es gewisse, allgemeine Regeln, die durchaus beobachtet werden müssen, wenn man Ordnung in die Hausarbeiten bringen will. Die erste Regel ist folgende: Früh aufstehen und nicht eher zu Bett gehen, bis alle im Tage gebrauchten Sachen wieder geordnet an ihrer Stelle stehen.

Trägheit im Aufstehen bringt alle Tagesarbeit in Unordnung, entweder muss sie zu hastig und nachlässig geschehen oder zum Teil unterbleiben. Mal ehrlich, welche Familienfrau – egal ob mit oder ohne zusätzlicher Berufstätigkeit - kann es sich heute leisten, lange im Bett zu bleiben. Regel Nr. 2 lautet so: Alle täglich nötigen Arbeiten müssen zur bestimmten Zeit geschehen und nicht auf eine andere Zeit verschoben werden. Und jetzt folgt der Ratschlag sofort nach dem Aufstehen die Betten auszulegen, das Frühstück zu richten, dann die Lampen zu reinigen (?), alle Zimmer zu lüften und zu kehren und dann die Betten ordentlich zu machen. Dann muss das Mittagessen zubereitet werden, danach sofort (O-Ton ohne Zeitvergeudung) , schon wieder das Zimmer gekehrt und gelüftet werden, um dann die Zeit bis zum Abendessen für Waschen, Nähen Stricken oder für andere nutzbringende Arbeiten frei zu haben. Spätestens jetzt kommt ein leises Bedauern für die arme Frau auf, die am 12. Juni 1899 ihren Liebsten geheiratet hat und ausgerechnet dieses Buch mit in ihr wundervolles Heim nehmen musste. Da kann auch die in schönstem Altdeutsch geschriebene Widmung von Tante Brunhilde nicht viel ändern. Regel Nr. 3: In jeder Woche müssen bestimmte Tage für Waschen, Nähen, Stricken und Putzen festgesetzt sein. Und jetzt vergessen Sie den Lauftreff, das Fitnesscenter, den Yoga-Kurs, das Kino und den Englisch-Kurs, denn: Ein für allemal sei der Montag zum Waschen, der Dienstag zum Bleichen, Mittwoch zum Nähen und Flicken, der Donnerstag zum Bügeln, Freitag zum Nähen, Stricken oder Stopfen und der Samstag zum Einkaufen und Putzen bestimmt. Ob die „Kommission des Verbandes Arbeiterwohl, der Herausgeber dieses Buches, mit einkaufen wohl shoppen im Factory Outlet gemeint hat, wage ich zu bezweifeln.

Regel Nr. 4: Was für den Mittag gekocht werden soll, muss abends vorher fest bestimmt sein, denn: Soll morgens erst noch überlegt werden, welche Speisen mittags auf den Tisch kommen sollen, dann fehlt zu den Vorarbeiten für viele Mahlzeiten die nötige Zeit, es können nur solche gewählt werden, die schnell fertig zu stellen sind, auf den Nährwert der Speisen und auf die gehörige Abwechslung in derselben wird keine Rücksicht genommen und auch die anderen Hausarbeiten kommen in Unordnung. Also: ab Morgen werden Fast-Food und Tiefkühlpizza gestrichen. Die nächste Regel ist absolut überflüssig und zeigt deutlich, wo der angestammte Platz einer Frau anno 1890 war – die Küche! Sie lautet: Die Ausgänge zum Einkauf und zu Bestellungen sollen so selten wie möglich und an bestimmten Tagen geschehen. Und ehe man überhaupt einen „Ausgang“ macht, soll überlegt werden, ob man auf demselben Wege nicht auch andere Geschäfte zugleich besorgen kann. Ich vermute, dass „Das häusliche Glück für Frauen“ von einem Mann geschrieben wurde, denn welche Frau macht nicht gerne einen zweiten oder dritten „Ausgang“? Und keine Sorge, das Buch ist vergriffen, falls Ihr Intensivsozialpartner auf die Idee kommen sollte, danach zu suchen.