Der Wille die allerstÀrkste Kraft

- Arzu Paj findet ĂŒber schweren Weg zu sich -
- 700 Kilometer Wandertour auf dem Jakobusweg -

Die zwei Gesichter der Arzu Paj - gestylt in einem ihrer drei Friseurbetriebe und als Pilgerin ĂŒber den Jakobusweg.
Bilder: Privat

Wenn Sie Arzu Paj fragen, was denn wohl die stĂ€rkste Kraft ist, die wir in uns haben, dann wird sie nicht lange ĂŒberlegen. "Es ist der Wille, ganz allein der Wille." Arzu Paj ist TĂŒrkin und Muslimin, 36 Jahre alt, Mutter einer Tochter, selbstĂ€ndige Friseurin mit drei Friseurbetrieben in Bad DĂŒrrheim, St. Georgen und Furtwangen. ZusĂ€tzlich unterrichtet sie berufsbezogen an einer Gewerbeschule. Ihre Eltern gehören zu der ersten Generation Gastarbeiter. Ende der 60iger kommen sie nach Deutschland, brauchen noch heute ihre Tochter als Dolmetscher, sind sehr glĂ€ubig und pendeln als Rentner zwischen ihren beiden "HeimatlĂ€ndern" hin und her. Arzus LebensgefĂ€hrte ist Deutscher und auch ihr geschiedener Mann ist es.
Ihre Karriere klingt wie ein MĂ€rchen: Hauptschulabschluss, Lehre als Friseurin, Meisterschule, erfolgreich selbstĂ€ndig, dazu Berufsschullehrerin. SelbstĂ€ndig und eigenverantwortlich zu leben, war schon immer ihr fester Wille - trotz aller WiderstĂ€nde. Arzu ist alles andere als sportlich. Wandern ist ein Fremdwort und doch spĂŒrt sie irgendwie das BedĂŒrfnis zu laufen. Ein Film gibt den ersten Anstoß. Forrest Gump! (US-amerikanische Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von Winston Groom von 1994). Tom Hanks spielt einen Mann der ein großes Lauftalent ist. Und dann kommt das Buch von Harpe Kerkeling auf den Markt. "Ich bin dann mal weg" handelt vom Jakobsweg. Harpe Kerkeling versucht sich als Pilger. Das ist es. Arzu sagt es ihrem Freund. Der ist erst gar nicht begeistert, doch irgendwann packt es auch ihn. Die Vorbereitungen im Kopf dauern ein Jahr. Im Februar 2010 kaufen sie ihre AusrĂŒstung. Rucksack, Schlafsack, gute Wanderschuhe, drei Unterhosen, zwei Paar Socken, eine Leggings, zwei Hosen, drei Oberteile. Die Wanderschuhe lĂ€uft sie in ihren Betrieben ein, sehr zur Belustigung der Kunden. Doch wandern gehen sie nur dreimal. Das Resultat: Höllische Knie- und Wadenschmerzen, Muskelkater und völlig am Ende. Arzu kann das nicht erschĂŒttern. Alles was ich will kann ich, ist ihr Lebensmotto.

 

Am 8. Mai fahren sie mit dem Zug von Straßburg nach St. Jean-Pied-de-Port. Gleich am nĂ€chsten Morgen laufen sie recht frĂŒh los. 27,1 km, die höchste Steigung ihrer Route. Es ist der reine Wahnsinn! Abends um 18 Uhr erreichen sie ihr Ziel. Die Pilgerherberge ist in einem alten Kloster. Ein wunderschönes GebĂ€ude. Über den Etagenbetten hĂ€ngen Kronleuchter. Es ist kalt, es hat geschneit und ungefĂ€hr 150 Menschen liegen in einem Raum. Arzu und ihr Freund essen ein typisches Pilgermenu in einer GaststĂ€tte, suchen sich ihr Bett aus und schlafen sofort ein.
"Die erste Nacht war fĂŒr mich unheimlich beeindruckend", sagt Arzu im Nachhinein. Mit so vielen Menschen in einem Raum zu liegen. Deren nicht immer angenehme GerĂ€usche und GerĂŒche zu ertragen, ganz zu schweigen von den Toiletten und Duschen..."Davor hat es mir eigentlich gegraut, doch dann hat es mir gar nicht so viel ausgemacht." Arzu steckt sich zwei Stöpsel in die Ohren und schlĂ€ft, bis sie morgens um 6 Uhr mit dem `Ave Maria` (von Franz Schubert) geweckt wird - eine GĂ€nsehautgefĂŒhl.
Arzu lĂ€uft und lĂ€uft. Hat eine Woche extreme Kniebeschwerden und danach eine MuskelverhĂ€rtung in den Waden. Dann folgen drei wunderschöne Tage, bis sie eine Grippe vom feinsten erwischt. Arzu lĂ€uft und lĂ€uft - trotzdem. Nach der Grippe zwei Tage Durchfall. Arzu verliert zu viel FlĂŒssigkeit, bekommt eine HarnwegsentzĂŒndung und wird mit dem Krankenwagen zum Notarzt gebracht. Der verordnet drei Tage Pause, doch nach zwei Tagen hĂ€lt sie nichts mehr. "Ich musste einfach weiterlaufen." Im strömenden Regen wandern sie die letzten Tage und erreichen ihr Ziel: Santiago de Compostela. Kein GlĂŒckgefĂŒhl, keine TrĂ€nen, keine Ergriffenheit - kein gar nichts. Arzu ist nur wĂŒtend - einfach nur wĂŒtend. Doch am nĂ€chsten Tag bei der Pilgermesse bricht es aus ihr heraus und ist nicht mehr aufzuhalten - Arzu weint und weint.
Die Leistung: 700 Kilometer in fĂŒnf Wochen, davon vier Wochen krank. Erst Schnee, dann KĂ€lte, dann Sonnenschein

und zum Schluss extremer Regen. Nur zweimal fĂ€hrt sie mit dem Taxi und ganz selten ĂŒbernachtet sie im Hotel. "Das war schon brutal, was ich meinem Körper zugemutet habe", sagt sie. Mittendrin einige ĂŒble Krisen, die sie allein durch Willenskraft ĂŒberwindet. "Wenn Du den Jakobsweg lĂ€ufst, sparst Du den Psychologen", lacht Arzu. Der Weg baut Ängste ab, lĂ€sst gelassener werden und gibt einfach ein gutes GefĂŒhl. Arzu ist heute einfach lockerer, ruhiger und nimmt nicht alles gleich persönlich. "Vor dem Weg weißt Du, dass das Leben kurz ist, doch nach diesem Weg fĂŒhlst Du es auch und lebst intensiver. Und ich habe gemerkt, dass ich keine verwöhnte "Tussi" bin, sondern auch mit ganz wenig zurecht komme."
Wie gesagt: ihre stÀrkste Kraft ist ihr eiserner Wille. Er beherrscht ihren Geist und ihren Körper und zwingt ihn zur Höchstleistung. Ob sie noch einmal lÀuft? Na klar, aber einen anderen Weg. Doch jetzt ist erst mal arbeiten angesagt und ihre Mitarbeiter brauchen Urlaub. "Wenn sie nicht so super gearbeitet hÀtten, wÀre die ganze Geschichte nicht möglich gewesen." Arzu ist stolz auf sie.

Der Jakobsweg
Ist der Pilgerweg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Spanien. Darunter wird in erster Linie der Camino FrancĂ©s verstanden, die hochmittelalterliche Hauptverkehrsachse Nordspaniens, die von den PyrenĂ€en zum Jakobsgrab reicht. Es ist ein christlicher Pilgerweg der Menschen aus allen Nationen anzieht, ungeachtet der Herkunft, des Alters, des Ansehens und des Geschlechts. In 2009 wurden 145.877 Pilger gezĂ€hlt, die entweder den ganzen Weg durch Spanien, mindestens aber die letzten 100 km der Strecke zu Fuß oder die letzten 200 km zu Pferd oder per Fahrrad zurĂŒckgelegt haben. Das Pilgern auf dem Jakobsweg ist auch auf `typisch frau` immer wieder ein Thema. Einige Leserinnen schwĂ€rmen heute noch von der Reise zum Jakobsweg, die wir in 2007 fĂŒr sie organisiert haben und die von Sabine Przewolkas Schwester geleitet und begleitet wurde. Verewigt wurde unsere Reisegruppe sogar in dem Buch von Ulrich Hinse `Das Jakobsweg-Komplott (ISBN 978-3-938398-41-8).

Barbara Dickmann