Am Grab ihrer Tochter Jana, drei Monate nach ihrem Tod, sprechen Wilma Di Prospero und ihr Mann Torsten Räder darüber, wie es wohl sein würde, weitere Kinder zu haben. ,,So schön es sein wird, es wird gleichzeitig auch weh tun", sagt ihr Mann, denn ab der siebten Woche werden sie bei jedem Entwicklungsschritt daran denken, dass sie genau das mit Jana nie erleben durften.
Denn Jana, ihre Erstgeborene, wurde nur 48 Tage alt, sie starb unmittelbar nach der zweiten Herzoperation (wir berichteten). Fünf Tage später, am 31.7.1997 ist der Test positiv. Wilma ist wieder schwanger und überglücklich. Am 29.8. ist ihr Baby 17 mm groß und ganz deutlich sehen sie auf dem Ultraschall das kleine Herz schlagen. Zehn Tage später bewegt ihr Arzt den Schallkopf hin und her und so sorgfältig wie noch nie, doch das Schreckliche bleibt.
Ihr Baby ist tot! Es ist deutlich größer als beim letzten Mal, doch das Herz schlägt nicht mehr. Wilma weint und weint. In der Klinik wird aus ihrem Baby ,,abgestorbenes Schwangerschaftsgewebe". Sie kann es nicht mehr sehen, denn es ist beim Absaugen in Stücke gerissen worden. Am 13.9. stehen die zum zweiten Mal verwaisten Eltern an Janas Grab. Für ihr zweites, winziges, totes Kind haben sie ein kleines Holzkreuz gesetzt. Bald liegt auch ein kleiner Teddybär daneben und ein kleines rotes Herz von ihrem Mann. ,,Baby Mo" nennen die Eltern ihr zweites Kind, denn wie soll man trauern und Abschied von einem Kind nehmen, das keinen Namen hat.
Wie kann man verarbeiten, was Wilma verarbeiten muss? Und Wilma droht zu zerbrechen. Doch irgendwann stellt sie sich ihrer Trauer und ihrer ganzen
Vergangenheit. Sie rollt ihr Leben auf, nimmt an Trauergesprächen teil und als sie sich stark genug fühlt, leitet sie im evangelischen Familienzentrum in Reutlingen Seminare für Eltern, die um ein Baby trauern. In 2002 und 2003 absolviert sie eine Intensivausbildung zur Myroagogin bei Dr. Jorgos Canacakis am Internationalen Institut für Angewandte Humanforschung (IFAH). Und seit 2004 bietet sie Workshops zur Lebens- und Trauerumwandlung an. Heute ist Wilma die Prospero, Jahrgang 68, Mutter von vier Kindern. Fragt man sie nach ihren beiden Ältesten, dann sagt sie es ganz klar und deutlich: ,,Sie sind gestorben". Was Sie in diesen Workshops erwartet und für welchen Personenkreis sie gedacht sind, finden Sie in dem nebenstehenden Bericht.
Barbara Dickmann
