Wenn der Traum zum Albtraum wird

- Andrea K. wandert mit ihrer Familie nach Spanien aus -

Andrea K. (Name geändert) ist eine stolze Frau. Groß, schlank und mit wallenden, langen, dichten, dunklen Haaren könnte sie eher ein Model sein, als Mutter von vier Kindern. Ich lernte sie kennen, als sie auf der Suche nach einer Wohnung war, denn Andrea K., die in diesem Jahr vierzig wird, fängt wieder ganz von vorne an. Hier ihre Geschichte: ,, Mein Vater ist Spanier und meine Mutter ist Deutsche. Gemeinsam mit meinen drei Brüdern wuchsen wir in einem kleinen Ort im Schwarzwald auf. Ich war 18, als ich meinen Mann kennen lernte, geheiratet habe ich mit 20, als ich mit meiner Ausbildung fertig war. Mein Mann arbeitete in einer Fabrik als Facharbeiter und verdiente gut. Unsere älteste Tochter wurde zwei Jahre später geboren und dann folgten drei weitere Wunschkinder, denn wir wollten schon immer eine große Familie haben. Unsere jüngste ist heute vier, die Jungen sind sieben und zwölf und unsere älteste ist schon 17 Jahre alt. Als das zweite Kind kam, hörte ich auf zu arbeiten, wir fanden ein altes Haus am Ortsrand und bauten es um. Zwei Jahre haben wir auf einer Baustelle gewohnt, denn mein Mann und ich haben fast alles selbst gemacht und natürlich halfen meine Brüder und die Brüder meines Mannes mit. Doch irgendwann hatten wir auch das geschafft und obwohl die Belastung sehr hoch war, ging es uns gut, denn mein Mann hatte noch einen Nebenjob. Er konnte sich stundenlang mit der Installation von Computern beschäftigen, was sich schnell herumsprach. Und so entstand eine kleine Firma, die er nebenbei betrieb und uns in die Lage versetzte, trotz der Kindern gut zu leben. Keine Frage, wir hatten viel erreicht und doch schlummerte in unseren Herzen immer ein Traum. Denn eigentlich war Spanien unser Land. Immer wenn wir dort waren und die Heimat meines Vaters und seine Familie besuchten, genoss ich die Wärme, das Meer und die andere Lebensart der Südländer. Alles war locker und fröhlich und besonders im kalten Winter sehnte ich mich nach den warmen Nächten. Mein spanisches Blut konnte ich wohl nicht verleugnen, doch meinem Mann erging es genauso. Irgendwann, haben wir immer gedacht, irgendwann, vielleicht wenn wir alt sind, ziehen wir nach Spanien. Doch unsere Kinder wuchsen und gedeihten, sie waren gesund und munter, hatten in der Schule keinerlei Probleme, mein Mann und ich liebten uns wie am ersten Tag und so war unsere kleine, heile Welt fast perfekt.
Doch dann kam der Tag X, der alles veränderte. Ich hörte es schon im Radio, ohne das geringste zu fühlen oder zu ahnen. ,,Die Bundesstraße .....ist auf weiteres wegen eines schweren Unfalls gesperrt...." Eine Stunde später stand meine Mutter vor mir. Sie war weiß wie eine Wand und sagt nur mit unbeweglichem Gesicht: ,,Dein Bruder Simon ist tot". Simon war der Zweitjüngste und der Liebling meiner Mutter. Bei ihm war der Erbteil meines Vaters voll durchgeschlagen. Schwarzhaarig und mit tiefbraunen Augen, mit unbekümmertem Lachen, sah er einfach umwerfend aus und erinnerte sie wohl immer an ihrem Mann, als sie ihn kennen lernte. Ich hatte gerade

erfahren, dass unsere jüngste, unser kleines Mädchen unterwegs war und die Zeit, die jetzt folgte, war schrecklich. Meine Eltern konnten einfach nicht fassen, was passiert war und auch wir anderen waren wie gelähmt. Hals über Kopf reisten sie nach Spanien, um erst einmal Abstand zu gewinnen. Doch sie kamen nur noch einmal wieder, um alles aufzulösen, es war ihnen einfach unerträglich, an dem Ort zu leben, an dem Simon gelebt hatte und gestorben war. Meine Brüder blieben hier und ich wurde für meinen jüngsten Bruder, der gerade 18 geworden war, so eine Art Ersatzmutter. Unser kleines Mädchen wurde geboren, wir besuchten meine Eltern in Spanien und immer mehr überlegten wir, es ihnen gleichzutun, unseren Traum schon jetzt zu verwirklichen und Deutschland und all den schrecklichen Erinnerungen zu entfliehen. Mein Vater unterstützte uns. ,,In Spanien könnt ihr gutes Geld mit der Installation von Computern verdienen, kommt doch auch....", forderte er uns ständig auf und an einem kalten Winterabend im März 2002 beschlossen wir, nach Spanien auszuwandern. Stichtag sollte der 1. Dezember sein, bis dahin wollten wir unser Haus und alles Überflüssige verkaufen und in Spanien eine neue Existenz aufbauen. Die nächsten Monate waren geprägt von den widersprüchlichsten Gefühlen. Vorfreude wechselte mit Existenzängsten, unsere Große wollte nicht weg und auch meine Brüder waren traurig. Für das Haus fanden sich einige Interessenten, doch der Kaufpreis, den sie boten, erschien uns zu niedrig. In Spanien fanden wir ein Haus zur Miete nur 100 m vom Strand entfernt und das war herrlich. Am 30. November packten wir unsere Koffer und fuhren los. Das Haus war noch nicht verkauft und wir übergaben es einem Makler. Wir hatten trotzdem genug Geld, um einige Zeit zu überbrücken, doch ich wusste, mein Mann ist fleißig und arbeitsam und irgendwie würde es schon funktionieren...
Es funktionierte nicht. Es gab weder Arbeit noch konnte er mit seinen Computer-Installationen Geld verdienen, denn Spanien ist weiß Gott nicht hinter dem Mond oder gar Computer-Entwicklungsland, das hatte mein Vater völlig falsch eingeschätzt. Unsere Große hatte Schwierigkeiten und verweigerte sich völlig, die beiden mittleren wurden binnen zwei Monaten zu kleinen ,,Spaniern" und die Kleine war mit ihren drei Jahren sowieso unproblematisch. Unser Geld wurde von Monat zu Monat weniger, dafür wuchsen unsere Schulden in Deutschland. Schließlich mussten wir das Haus zu einem viel zu niedrigen Preis förmlich verschleudern und stiegen mit einem Verlust von gut € 20.000,-- aus, unsere Arbeit, die wir hineingesteckt hatten, nicht mitgerechnet. Nach einem Jahr, am 6. Dezember 2003 gaben wir auf und gingen wieder zurück nach Deutschland. Wir hatten € 700,-- in der Tasche und sonst nichts. Wir hatten keine Wohnung, keine Möbel - nur unsere Kleidung. Die Stadt brachte uns in einem Abbruchhaus auf 80 qm unter, doch Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe bekamen wir nicht, da wir unsere Not selbst verschuldet hatten. Das stimmt natürlich und doch verstehe ich diese Gesetzgebung

nicht. Schließlich war mein Mann vorher 26 Jahre voll berufstätig gewesen, hatte also Beiträge in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt und doch stand ihm nichts zu. Wir erhielten schließlich ein ,,Sozialhilfedarlehen", doch vom ersten Tag an machte sich mein Mann auf die Suche nach einem festen Job. Es war ihm ganz egal was es war - Hauptsache wieder ein Arbeit. Er bot seine Arbeitskraft kostenlos an, erhielt trotzdem viele Absagen und fand schließlich im April eine Firma, die ihn zur Probe als Fahrer arbeiten ließ. Im Mai wurde dann ein 400-Euro-Job daraus und seit dem 1. Juni hat er eine feste Anstellung. Natürlich verdient er viel, viel weniger als früher, doch das ist erst einmal nicht so wichtig, denn seit er wieder arbeitet, geht es ihm viel besser. Der Winter in diesem wirklich abbruchreifen, uralten und nicht gedämmten Haus war einfach schrecklich. 80 qm für 6 Personen, als Heizung nur ein Holzofen, fremde, alte Betten, schreckliche Möbel und manchmal hatten wir kaum Geld für Lebensmittel. Die Familie half und doch war es sehr demütigend für uns, immer als Bittsteller aufzutreten. Im Juni begann dann unsere Suche nach einem neuen Zuhause und was wir nicht zu hoffen gewagt hatten, ist tatsächlich eingetreten. Wir haben ein altes Haus mit schönem Grundstück zur Miete gefunden, das wir bezahlen können und uns so richten können, dass es ein schönes neues Heim für die nächsten Jahre wird. Mit den Möbeln wird es auch irgendwie funktionieren, da bin ich sehr zuversichtlich. Unseren Kindern geht es Gott sei Dank gut, sie haben dieses hin und her ohne Schaden überstanden , die beiden Jungen sprechen sogar fließend spanisch. Mit vierzig fangen wir praktisch wieder bei Null an - eigentlich noch unter Null, denn schließlich haben wir unsere Schulden, die wir mit € 600,-- im Monat abzahlen müssen. Natürlich hätten wir eine private Insolvenz starten können, doch das hätte der Arbeitgeber sofort erfahren und das wollten wir nicht. Und trotzdem bereue ich nichts. Es war unser Traum und wir haben versucht ihn zu verwirklichen. Lieber ein gescheiterter Versuch als bis zum Ende des Lebens zu trauern, dass man nicht den Mut fand und zu träumen, wie es hätte sein können....."
Angela K. ist eine stolze Frau. Sie trägt den Kopf hoch, jammert nicht, bettelt nicht, nimmt jedoch Hilfe dankbar an und versucht es aus eigener Kraft, obwohl sie clever genug wäre , die Lücken des Sozialgesetzes zu finden und auszunutzen. Zugegeben, mit vier Kindern eine sichere Existenz für eine unsichere aufzugeben ist nicht ohne und so mancher schüttelt den Kopf und hält das für extrem leichtsinnig. Doch was ist wohl schlimmer, noch einmal von vorne anzufangen nach einem gescheiterten Traum oder sein Leben lang immer verbitteter zu werden, weil man nicht den Mut hatte, es einfach zu versuchen? Wissen Sie die Antwort? Können Sie beurteilen, was richtig und was falsch? - ich kann es nicht!

Barbara Dickmann