Versinken in ein StĂŒck Natur

- Adelheid Taucherts Lebensweg zu den MinibÀumen Bonsai - eine Art Meditation -

Adelheid Tauchert, Bonsaianerin aus Villingen. Bild: B. Dickmann

In ihrem Garten gibt es einen besonderen Platz. Dort finden Sie keine Rosen oder Nelken, kein Spalierobst oder seltene KrĂ€uter. Aber Bonsai! Sie wissen schon, diese knorrigen BĂ€ume, die in eine Schale passen und schon Thema in der letzten "typisch frau" waren. Adelheid Tauchert aus Villingen ist Bonsaianerin (oder so Ă€hnlich) und das schon ewig lang... Vor vielen, vielen Jahren entdeckt sie Bonsai in einem Gartenbuch. In der Schweiz sieht sie einen Bonsai zum ersten Mal in Natur und kauft sich gleich eine zweijĂ€hrige Buche. Die stellt sie auf ihre Terrasse, schaut sie immer an und weiß nicht so recht weiter. "Das wurde alles andere, nur kein Bonsai", sagt sie heute lachend. Doch dann hört sie von den Seminaren, die Horst Krekeler gibt, von den Workshops und geht einfach mal hin. Adelheid Tauchert ist begeistert. In diesen drei Tagen vergisst sie die Welt, lernt nette Leute kennen und hat ihr Hobby fĂŒrs Leben gefunden. Wie lange ist das jetzt her? Adelheid Tauchert ĂŒberlegt. ,,Mindestens zwanzig Jahre", sagt sie und wie viel Seminare oder Workshops sie seitdem besucht hat, weiß sie nun wirklich nicht mehr. Sie kann sich nur erinnern, wie es beim ersten Mal war. Null Ahnung, alles fremde Menschen und trotzdem ist sie nie allein. Einige sind sehr scheu, doch nach ein paar Stunden singen sie ganz leise, so vertieft sind sie. Adelheid Tauchert singt zwar nicht, doch nach einem Tag weiß sie auf einmal ihre eigene Telefonnummer nicht mehr.

Drei Tage weg zu sein, sind wie eine Woche Urlaub, meint sie. Am Baum zu arbeiten (oder zu spielen, wie Horst Krekeler es nennt), sei so etwas wie Meditation. Man vergisst Raum und Zeit, vergisst die Welt, die Sorgen, einfach alles. Man versinkt in ein StĂŒck Natur, das man formen kann und doch einen eigenen Charakter hat. Was fehlt dem Baum? Was kann man daraus machen? "Ob es so wird, wie man sich das denkt, weiß man nie", sagt Adelheid Tauchert.
Mit ihr sitzen mittlerweile ein kleiner Kreis von Gleichgesinnten um den Baum. Ganz besondere Freundschaften haben sich ĂŒber Jahre hinweg entwickelt. Sie treffen sich regelmĂ€ĂŸig, beratschlagen oft gemeinsam, wie es wohl weitergehen könnte, sind nicht auf Leistung aus, haben kein Kon-kurrenzdenken und wollen auch nicht auf der nĂ€chsten Ausstellung glĂ€nzen. "Erzwingen kann man eh nichts", sagt Horst Krekeler, ihr Lehrer und BegrĂŒnder der deutschen Bonsai-Bewegung. Doch manchmal zwingt der Baum - nĂ€mlich zum vergessen. Ein Beispiel: Der Arzt-Termin ist um 11 Uhr und Sie haben noch eine Stunde Zeit. Zeit genug, mal nach dem Baum zu schauen - und plötzlich ist es 1 Uhr. Und Sie sitzen immer noch vor dem Baum der Arzt-Termin ist lĂ€ngst vorbei, ist einfach vergessen...
"Das ist schon jedem von uns passiert", lacht Horst Krekeler und das ist Meditation, die europĂ€ische Form von Zen." Wir mĂŒssen nicht den japanischen Weg geben, meinen beide. Wir mĂŒssen nicht kopieren, wir haben unseren eigenen Weg und unsere eigenen Gedanken. Adelheid Tauchert und ihre Freunde besitzen nur Freilandbonsai. "Alles andere ist zu kompliziert", sagt sie. Im Winter werden sie eingegraben, damit der Schnee sie wĂ€rmt und wenn es im Januar wĂ€rmer wird, schĂŒtzen die Zweige des Weih-nachtsbaums vor zu starker Sonne. Seit Bonsai beobachtet Adelheid Tauchert viel mehr die Natur, die Jahreszeiten, das Wetter. Einfach vieles hat sich verĂ€ndert. "Bonsai ist wie Fiffi", meint Horst

Krekeler und damit meint er, dass diese BĂ€ume genauso viel Zuwendung und Pflege brauchen, wie ein Haustier. Im Sommer mĂŒssen sie zweimal am Tag gegossen werden. Einfach mal fĂŒr ein paar Tage wegfahren, funktioniert nichtmehr.
Eine Pflanze gedeiht im Schatten des GĂ€rtners. Der Baum ist ein Archetypus, ein Urbild. Jeder Mensch hat einen Baum im Hintergrund, sie wissen es oft nur nicht. Wenn Sie mit Bonsai beginnen, mĂŒssen Sie Kritik aushalten. Viele GĂ€rtner sprechen sogar von Vergewaltigung der BĂ€ume! Man muss schneiden, man verletzt, man zwingt mit Draht, gibt Horst Krekeler zu. Doch wo fĂ€ngt das Verletzten an? Fragt er. Dann darf man keinen Rasen mĂ€hen, keine Rose abschneiden und muss den Kanarienvogel fliegen lassen. "Der Draht beim Baum ist wie die Zahnspange beim Kind," sagt er, ,,irgendwann steht er ohne da.
Vielleicht ist Bonsai deshalb eine MĂ€nnedomĂ€ne, doch nicht im Hause Tauchert. Adelheid Taucherts Mann ist interessiert und akzeptiert, freut sich ĂŒber die Begeisterung seiner Frau, mag ihre Freunde - mehr nicht. Im Herbst ist Horst Krekeler wieder in Villingen und gibt ein 2-Tages-Seminar. Seine langjĂ€hrigen Bonsai-GefĂ€hrten aus Nah und Fern kommen dann angereist. Doch Horst Krekeler ist nicht nur fĂŒr alte Bonsai-Hasen zu sprechen. Sollten Sie interessiert sein oder möchten Sie einfach herausfinden, ob auch in Ihnen ein Baum steckt, einfach ein kurzes Fax (07721-987280) an Adelheid Tauchert schicken. Sie setzt sich dann mit Ihnen in Verbindung.

BĂŒcher:
Bonsai Praxis von Horst Krekeler,
ISBN-10: 3489612248
Der Mann der BĂ€ume pflanzte,
ISBN-10: 978-3-8363-0039-1

Barbara Dickmann