Tim Dickmann, ältester Sohn von Barbara Dickmann. Bild: D@C
Mit nun 31 Jahren habe ich die Ehre meiner Mutter eine Entschuldigung zu schreiben, die sie mir während meiner langen, grausamen und intellektuell überaus unergiebigen Schulzeit so oft verwehrt hat. Krank ist sie, meine Mutter. Im Gegensatz zu mir damals, sogar richtig. Grippe!
Etwa 100 Zeilen müssen also gefüllt werden, was für mich als Mann und bekennender Macho auf einer Frauenseite eine überaus interessante Aufgabe ist. Zehn Jahre Frauenseite. Einmal die Woche Berichte über die Probleme, Nöte und Interessen von Frauen, insgesamt 513 Zeitungsseiten voller Text... Was soll man(n) da noch schreiben? Viele Probleme, über die noch nicht berichtet wurden, können da selbst bei einer Frau nicht übrig sein. Über Autos könnte ich schreiben... Fußball? Bevor Sie nun Ihr Abo kündigen und einen boshaften Brief an die Chefredaktion aufsetzten, sei Ihnen versichert: Auch ich als Mann bin in der Lage, einen halbwegs interessanten Bericht für eine Frauenseite aufs Papier zu bringen:
10 Jahre, 513 Seiten... wird Zeit, dass Sie, werte Leserinnen, die Frau einmal kennen lernen, die Sie nun seit einem Jahrzehnt am Frühstückstisch, auf dem Klo, oder wo immer Sie Ihre Zeitung lesen, begleitet. Lernen Sie sie so kennen, wie nur ein Sohn seine Mutter kennen kann. Erfahren Sie nie für möglich geglaubte Hintergründe über die Privatfrau, die Ehefrau, die Mutter, Schwiegermutter und Oma Barbara Dickmann. Exklusiv, aus erster Hand.
Ich lernte meine Mutter bei meiner Geburt kennen. Damals 1976, war sie noch wesentlich jünger als heute. Ist Ihnen eigentlich mal aufgefallen, dass Schwiegermutter ein äußerst negativ behafteter Begriff ist, während Mutter so positiv klingt. "Die böse Schwiegermutter" oder "die gute Mutter Erde". Meine Mutter ist Mutter und Schwiegermutter, was ich sehr interessant finde... Doch genug der Wortspiele. Während ich mein Dasein auf der Waldorfschule fristete, und meine junge Seele zu dem geformt wurde, was ich heute bin, betrieben meine Mutter und mein Vater gleich mehrere Läden und bauten einige Häuser. Eines davon im Schwarzwald, wo sie mich mitten in der Blüte der Pubertät aus meinem geliebten Ruhrgebiet rissen. Weg von der Kohle, hin zu Tannen und der guten Luft.
Plötzlich war mein Vater Bauer, Muttern die Bäuerin und ich mit meinem Bruder dann wohl die "Bauernkinder". Noch fehlten uns die tellergroßen Sommer-sprossen und die abstehenden Ohren. Nur mein Bruder deckte sich gleich stilecht mit einem Hut samt Gamsbart und Lederhose aus der ZG ein. Der Schwarzwald war um vier Dickmanns reicher und wir nach einem Vollbrand um ein Haus ärmer. Das schöne Bauernhaus, der Traum meiner
Eltern, brannte bis auf die Grundmauern nieder und so wurde aus den neuen Bauern auch gleich "Bauarbeiter".
Schreiben kann sie, meine Mutter und auch sonst hat sie sicherlich einige Qualitäten, nur die Botanik gehört definitiv nicht dazu. Nach dem kläglichen Ableben nahezu jeder Art von Pflanze, die sie in ihrer Tätigkeit als Bäuerin gepflanzt hatte, beschloss die Familie, sich bei der Landwirtschaft künftig auf das Rasen mähen zu beschränken und für Muttern eine neue Beschäftigung zu finden. So entdeckte sie das Schreiben für sich und begann ihre Tätigkeit beim SÜDKURIER. Mitte der 90iger verkündete ich meiner Mutter, dass meine Pubertät erfolgreich abgeschlossen sei und sie sich nun auch Oma nennen dürfe, ein übrigens überaus positiv behaftetes Wort - nur nicht unbedingt für eine Frau weit unter fünfzig.
Unbewusst lieferte ich so die darauf folgenden Jahre eine Menge Stoff für die Frauenseite, die 1998 startete. Die Männer der Familie nahmen sie erst nicht ernst, die Idee, eine Seite nur für die Frau ins Leben zu rufen. Doch eine Barbara Dickmann beißt sich durch und wenn dumme Sprüche von den Männern der Familie kommen, erst recht. Ja, sie ist ein harter Brocken, mit einem sehr weichen Kern, die Barbara Dickmann, die Sie nun seit zehn Jahren hier im Blatt begleitet. Mich hat sie mein ganzes Leben begleitet. Oft hätte ich sie am liebsten auf den Mond geschossen und sie fährt schrecklich schlecht Auto und Einparken kann sie schon gar nicht - das ist eben typisch Frau. Ich habe mich noch nie wirklich bei ihr bedankt, dass sie immer für mich da war und mich letztlich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Ich denke, das ist eben typisch Mann...
Tim Dickmann
