Der Stress beginnt schon zwei Wochen vorher, denn Trossingen ist ausgebucht. "Hilfe", mailt Inge Burow aus Jena durch den ganzen Schwarzwald, ,,unsere Kinder haben es geschafft bis zum Bundeswettbewerb von ,Jugend musiziert` zu kommen und wir finden keine Unterkunft!" Doch in Triberg klappt es noch und so landen am Pfingst-Samstag Mutter, Oma, Opa mit dem hoffungsvollen Sprössling Philipp und seiner Klavierlehrerin im Schlepptau im Schwarzwald. Kurze Zeit später treffen Vater und Sohn Tatsumiya mit Tochter Yumi ein. Yumi, gerade 15 Jahre jung spielt Oboe und ist die Partnerin von Philipp. Als Duo ,Klavier und ein Holzblasinstrument` nehmen sie am Wettbewerb , Jugend musiziert` teil. Während Yumi erst mal entspannt, sitzen Philipp und seine Mutter schon wieder im Auto. Sie sind auf dem Weg nach Trossingen um zu üben, denn ein Klavier passt leider nicht in den Kofferraum. Gar nicht so einfach, doch ,,Pianistenmanko", sagt Philipp nur dazu und zuckt ergeben mit den Schultern. "Man muss einfach auf jedem Klavier spielen können", meint er und hat darin Übung. Doch in Trossingen erlebt er eine freudige Überraschung, denn der Flügel, auf dem er spielen wird, ist einfach top. Am Sonntag, wenn alle ,normalen` Menschen noch in den Federn liegen, sind Familie Burow und Familie Tatsumiya schon wieder auf dem Weg nach Trossingen. Philipp und Yumi müssen noch mal in den Wertungssaal und einen Raumtest machen. Wie ist die Akustik und schnell noch mal ran an den Flügel. Das macht Philipp ziemlich häufig, denn immer wenn Pause ist, nutzt er die Gelegenheit und probiert. Gegen Mittag ist es endlich soweit. Yumi und Philipp sind die nächsten. Philipp ist schrecklich nervös, seine Vorgänger waren mehr als gut und diese Minuten vor dem Auftritt sind immer grauselig. Doch das ist augenblicklich vorbei, als er am Klavier sitzt und loslegt. Dafür bricht im Zuschauerraum bei den Angehörigen der kalte Schweiß aus und das große Zittern beginnt. Die 5. Conte pastoral von Eugène Bozza ist sehr tragend und klappt wunderbar. Jetzt die Romanze
und dann die Humoresque, zwei Fantasiestücke op. 2 von Carl August Nielsen...Mutter Burow `s Ohren hören jeden Ton, merkt jeden Griff, der nicht perfekt sitzt und die Zeit scheint stehen zu bleiben. Ja nehmen denn diese Stücke überhaupt kein Ende. Nach elf Minuten ist alles vorbei. Wir waren gut, denkt Philipp und auch Inge Burow ist glücklich. Und völlig fertig. Sie haben wirklich ihr Bestes gegeben, denkt sie. Philipp bleibt im Wertungssaal und hört weiter zu. 45 Vorspiele allein in seiner Altergruppe. So gegen 16 Uhr ist sein Kopf zu und seine Ohren fast taub und die Zweifel nagen an ihm. Zugegeben, Yumi und er waren gut, doch die anderen sind es weiß Gott auch. Bei einem besonders schwierigen Stück seiner Mitbewerber hält er fast die Luft an, denn jetzt fällt ihm jede Note ein die ,gehustet` hat. Oh, Mann, wir sind unten, denkt er und verwünscht die Gnade der späten Geburt. Denn in seiner Alterklasse ist er einer der jüngsten und nur zwei läppische Tage trennen ihn von der anderen Gruppe, wo er einer der ältesten gewesen wäre. Auch Mutter Burow ist von der Qualität der Vorspiele hellauf begeistert und mit gemischten Gefühlen fahren sie in ihr Quartier - froh, endlich mal Bäume zu sehen und frische Luft zu schnappen. Am Montag fährt Familie Tatsumiya nach Hause, denn der Vater, ein Berufsmusiker, muss am Abend arbeiten. Doch Philipp will wieder nach Trossingen um noch mal zuzuhören. Am Dienstag, so gegen Mittag, summt das Handy von Inge Burow. Es wäre wichtig, wenn das Duo am Abend am Preisträgerkonzert im Franziskaner in Villingen teilnehmen könne. Und Inge Burow fällt fast das Handy aus der Hand. Was das beutet, ist sonnenklar und Inge kann es kaum glauben. Sie können nicht nur gut abgeschnitten haben, sie müssen sehr gut gewesen sein! Vater Tatsumiya findet für den Abend eine Vertretung und schwingt sich im fernen Weimar mit Tochter Yumi samt Oboe wieder ins Auto und fährt los. Die Strecke kennt er mittlerweile zur Genüge, die entsprechenden Stau`s auch und abends um 19 Uhr, eine Stunde vor Beginn des
Konzerts, sind sie zur Stelle, mit jeder Menge Adrenalin im Blut. Und dann beginnt ein Abend, der einfach unvergesslich sein wird. Ein festlicher Rahmen, über 500 Zuhörer und ein wunderbares Konzert. Philipp und Yumi spielen wie junge Götter - frei von der Last der Bewertung und mit dem Gefühl, etwas Besonderes erreicht zu haben. Doch was die Familien der jungen Musiker empfinden, ist unbeschreiblich und jeder, der Kinder hat, kann das Schwanken zwischen Lachen und Tränen der Freude, die Gänsehaut, die die Haare zu Berge stehen lässt und das Gefühl, wenn es eiskalt den Rücken hinunterläuft nur zu gut nachempfinden. ,,Damit habe ich wirklich nicht gerechnet", meint Inge Burow am Mittwoch, kurz vor der Heimreise und noch immer schimmert es feucht in ihren Augen. Als die Preisträger offiziell verkündet werden, sitzen sie schon im Auto Richtung Jena. Philipp hat schon zwei Tage blau gemacht, denn in Jena sind keine Schulferien. Auch Yumi ist schon wieder auf dem Weg nach Hause, völlig K.O. aber glücklich. ,,Das ist schon ein großer Erfolg, sagt Philipp, ,,denn man muss bei den Vorentscheidungen immer den ersten Preis machen um überhaupt dahin zu kommen". Wie geht es weiter Philipp? Fragen wir zum Abschied. ,,Erst mal Ruhepause," sagt er, denn - wen wundert es - Philipp hat auch noch so nebenbei an Wettbewerben im Mathe und Latein teilgenommen und wenn er sie nicht gewonnen hat, so war er doch ziemlich weit oben. Was Philipp und Yumi erreicht haben, ist wirklich erstaunlich. Sie haben mit 23 Punkten und der Auszeichnung ,,hervorragende Leistung" (das ist die höchste Auszeichnung und die dritthöchste Punktzahl) abgeschnitten und das ist wirklich etwas Ungewöhnliches. Ist Philipp ein Wunderkind? fragten wir und was er dazu meint, lesen Sie im nebenstehenden Bericht (in der kommenden ,typisch frau`).
Barbara Dickmann
