Kein Parkplatzstress, kein Kampf um die letzten Stühle, keine Schweißausbrüche oder stickige Luft, sondern Ruhe und wohlige Wärme und vielleicht die letzte Auszeit bevor uns ,Weihnachten` am Wickel hat. Denn zur letzten , typisch frau`-Veranstaltung in diesem Jahr, sind es knapp zwanzig Leserinnen und Leser, die erscheinen - ein kleiner Kreis und so überschaubar wie noch nie. Doch diese Menschen haben heute etwas Besonderes vor. Sie wollen sich auf eine weite Reise begeben und ein fernes Land mit den Augen einer Frau sehen, die dort geboren und aufgewachsen ist und es 1956 schweren Herzens verlassen hat. Elisabeth Maschler, Jahrgang 1920 und Deutschbrasilianerin der dritten Generation liest für ,typisch frau` aus ihrem Buch ,, Im Gürtel des Orion", Geschichten um ein Leben in Südbrasilien und Deutschland (ISBN 3-935093-22-5 , kostet € 19,--).
Elisabeth Maschler `s Geburtsort heißt Sao Leopoldo und liegt in Süden von Brasilien, einem Land, das 8.547.405 qkm groß ist und damit gut zwanzig Mal größer als Deutschland. Ihre Großeltern waren 1874 als evangelische s Pfarrerehepaar nach Brasilien geschickt worden, ihr Vater studierte Jura in Deutschland, kehrte jedoch zurück, gründete einen Schulbuchverlag und brachte deutsche und portugiesische Bücher für deutsche Privatschulen heraus. Seine deutsche Frau vertrug die heißen Sommer nicht und lebte viel in Deutschland, bis sie während des Krieges in einem Sanatorium starb. Elisabeth und ihre zwei Schwestern zogen mit dem Vater in ein Haus am Rande der Stadt. Es war der Alterssitz ihrer Großeltern und ein riesiger Spielplatz mit Katzen, Hunden, Hühnern, Enten und Schweinen, mit Obst in Hülle und Fülle und den Kindern der Landarbeiter als Spielgefährten.
Elisabeth liest vom paradisischen Kinder-Leben in Freiheit, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit. Vom eigenen Puppenhäuschen mit kleinem Gärtchen, von kleinen Streichen und dem wunderbaren Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, wenn Tante Else zum Einkaufen in die Stadt geht. Eine kleine, heile Welt entsteht vor den inneren Augen der Zuhörer, mit guter Schulbildung und medizinischer Versorgung und den Kindern des Schuldirektors als weitere Spielgefährten. Kein Hunger oder Durst und der Kontakt zur schwarzen Bevölkerung beschränkt sich auf den Landarbeiter der Familie und einem jährlichen großen Fest, dass an die Aufhebung der Sklaverei 1888 erinnert. Sklaverei war völlig normal, denn porto-
gisische Siedler nahmen seit 1530 das Land immer mehr in Besitz und brachten im 16. Jahrhundert über 3,5 Millionen afrikanische Sklaven für die Plantagenarbeit ins Land. Im 17. Jahrhundert wurden die Indianer des Hinterlandes systematisch verfolgt und versklavt (Quelle Plan, Hilfsorganisation). Doch die entlassenen afrikanischen Sklaven blieben auch nach ihrer Unabhängigkeit oft als Arbeiter bei ihren deutstämmigen Familien, lernten ihre Sprache und fühlten sich der Familie zugehörig. Auch bei Elisabeth taucht eines Tages ein schwarzer Mann mit eisgrauem Haar auf, mit schmutzigem Hemd und einem Bündel unter dem Arm. Ein schwarzer Mann, der ihre Schwester streichelt, den Vater in Deutsch anredet und sogar beim Vornamen nennt und der ihren eigenen Nachnamen trägt. Elisabeth ist maßlos erstaunt über diesen neuen Verwandten, der neue Kleider und einen Platz im Asyl erhält, einer Art Altersheim, das von einem Pfarrerehepaar geleitet wird. Doch so plötzlich wie dieser schwarze Mann in ihr Leben kommt, so plötzlich ist er wieder verschwunden und diesmal für immer.
Zu Elisabeths Leben gehören Bücher und Musik und die Begeisterung für Sport. Während in Deutschland Krieg herrscht, lernt sie das Segelfliegen, bricht 1942 einen Rekord und erlebt den Absturz eines jungen Mannes, der tödlich endet.
Brasilien hat 170 Millionen Einwohner, die Lebenserwartung liegt bei 68 Jahren, das Pro-Kopf-Einkommen bei 3.060 Dollar und die Alphabetisierungsrate bei 85 %. 75 % der medizinischen Versorgung leisten private Einrichtungen und 90 Prozent der Krankenhäuser sind privat. Bei öffentlichen Diensten kommen statistisch auf 377 Einwohner ein Krankenhausbett und ein Mediziner. Durch Mangel und Fehlernährung geschwächt, sterben viele Kleinkinder vor allem im armen Nordosten des Landes an vermeidbaren Krankheiten wie Malaria, Durchfallerkrankungen oder Atemwegsinfektionen. Die Schulen sind schlecht ausgestattet und die Lehrer schlecht ausgebildet. Es gibt nicht genügend Plätze für alle Kinder im schulpflichtigen Alter. Oft verlassen sie vorzeitig die Schule, um für den Familienunterhalt zu sorgen. Die Häuser in Brasiliens armen Regionen sind meist Provisorien mit Fußböden aus festgestampfter Erde. Es gibt keine Latrinen, kein sauberes Trinkwasser oder Müllentsorgung. Auf dem Land haben nur 53 Prozent Zugang zu sauberem Trinkwasser und 43 Prozent zu sanitären Anlagen...(Quelle Plan, Hilfsorganisation).
1952, zehn Jahre später und mittlerweile Ehefrau eines deutschen Auslandsschullehrers und Mutter , schläft sie mit ihrem ehemaligen Hausmädchen im gleichen Bett auf einer Maisstrohmatratze, im stickig heißen Zimmer und mit geschlossenen Fensterläden, damit Moskitos und Ratten nicht hineinkommen können. Doch über ihr scheint eine ganze Armee zu laufen und zu scharren. Ein paar Nägel in die Wand gehauen ersetzen den Schrank, eine nackte Glühbirne und ein klebriger Fliegenfangstreifen hängen von der Decke und als Toilette dient die unendliche Weite des Maisfeldes gegenüber der Hütte. Dass es dort Schlangen gibt, daran darf sie gar nicht denken. Sie wäscht sich am Ziehbrunnen und sitzt fast mit Hühnern und Schweinen an einem Tisch, denn es gibt auf der offenen Veranda keine Abgrenzung. Vom Geruch der frisch geschlachtenen Hühner wird ihr schlecht und erst der bittere Tee, der herumgereicht wird, lässt sie wieder etwas entspannter werden. Elisabeth ist eine mutige Frau. Allein hat sie sich auf den Weg gemacht, um ihr früheres Hausmädchen zurückzuholen, deren Hilfe sie für ihren Neun- Personen-Haushalt dringend braucht. Denn um das niedrige Gehalt ihres Mannes aufzubessern, hat sie noch Kinder in Pension genommen. Was sie auf holprigen Straßen und unbefahrbaren Pfaden erlebt, liest sie zum Abschluss dieses Abends vor. Ihr Leben in Deutschland beginnt 1956. 2001 reist sie noch einmal nach Brasilien um ihre vielen Freunde und Verwandten wieder zusehen und schöne Erinnerungen werden wieder lebendig, die sie einfach in ihrem Buch festhalten muss. Doch auch die Erinnerung an die Armut , an die Gefahren, die vor allen Dingen Kinder und Jugendliche ausgesetzt sind, an Kinderarbeit, Prostitution, Verwahrlosung, Gewalt und Frühschwangerschaften, bewegt sie nach wie vor. Dankbar nimmt sie die Spenden der Zuhörer an, die bestimmt sind für DoceLar, einem gemeinnützigen Verein, der 1998 von 12 Frauen mit dem Ziel gegründet wurde, eine Kindertagesstätte in Sorocaba, in der Nähe von Sao Paulo zu unterstützen (siehe nebenstehenden Bericht). Auf ihre brasilianische Kindheit möchte Elisabeth Maschler nicht verzichten, doch in Brasilien leben will sie heute nicht mehr, denn als Frau allein zu leben und auszugehen ist dort fast unmöglich.
Barbara Dickmann
