Der Anruf kommt mitten in der Nacht. "Ich muss mit Dir sprechen - es ist wichtig!" Am Telefon ist Wilma, ihre ältere Schwester. Die Stimme klingt ernst, sehr ernst und ein paar Tränen schwingen mit. Sybill (Namen geändert) fragt nach. "Nein, nein, nicht am Telefon, Du muss kommen". Sybill kennt ihre Schwester, sie fragt nicht noch einmal, sondern schaut in ihren Terminkalender. Sich freizuschaufeln, ist gar nicht einfach, denn Sybill leitet erst seit kurzem die Niederlassung einer großen Softwarefirma in Madrid. Ein Traumjob, der sie rundherum glücklich macht. Sybill ist Mitte dreißig ohne Kind, mit wechselnden Beziehungen und genießt das Leben in der Stadt.
Ihre Schwester Wilma dagegen wohnt im Schwarzwald-Baar-Kreis, zusammen mit ihrer 12-jährigen Tochter. Wilma hat viel Pech gehabt. Ihr Exmann hat sie und die Tochter brutal geschlagen, hat einfach nichts auf die Reihe bekommen und schlussendlich nach der Scheidung einen Haufen Schulden hinterlassen. Doch Wilma hat sich eingerichtet. Sie arbeitet wieder als Bürokauffrau, hat eine kleine Wohnung, zahlt die Schulden ab und jetzt ist auch noch ein Hund eingezogen, der größte Wunsch der 12-jährigen Tochter.
Drei Tage später sitzt Sybill im Flieger und am Abend bei ihrer Schwester im Wohnzimmer. Anja, die 12-jährige Tochter ist bereits im Bett und endlich will Sybill wissen, was los ist. "Sybill", sagt sie endlich, ,,ich habe Krebs! Brustkrebs und es sind bereits Metastasen da". Sybill ist nur einen Moment schockiert, doch dann legt sie los. Es gibt ja so viele Therapien
und überhaupt, Krebs sei ja heute gar nicht mehr so schlimm. Doch Sybill schüttelt nur mit dem Kopf. "Es hat keinen Sinn", sagt sie, "es ist aussichtslos!" Und dann erzählt sie von den letzten Wochen. Von etlichen Untersuchungen in zwei verschiedenen Kliniken. Und von den nieder-schmetternden Ergebnissen. "Ich soll mein Leben ordnen, sagen die Ärzte". Was sie damit meinen, liegt auf der Hand. Es geht um die Tochter. Was soll aus Anja werden, wenn sie nicht mehr ist. Zum Vater? Oh Gott, nein! Nicht zurück zur Prügel, zum Leben im Alkoholdunst, denn warum sollte er sich geändert haben?
Doch Sybill will davon nichts hören. Sie redet immer wieder über alternative Therapien und das es doch gar nicht sein könne, wo Sybill doch noch so jung sei und gar nicht krank aussähe. Wilma steht auf und holt die Untersuchungsergebnisse. Zeigt ihrer Schwester etliche Seiten, unterstreicht die wesentlichen Worte und erklärt. "Sybill", sagt sie langsam ungeduldig, "es ist ernst und ich muss dich an dein Versprechen erinnern!". Was sei das für ein Versprechen, meint jetzt die jüngere Schwester. "Du musst Dich um meine Tochter kümmern, du bist ihre Patin, Du hast er versprochen!"
Sybill wird ganz weiß im Gesicht und ist erst mal sprachlos. Sie, die erfolgreiche Managerin, die Karrierefrau und ein 12-jähriges Mädchen? Wie soll das funktionieren. Ganz in Gedanken schüttelt sie den Kopf. "Du hast es versprochen!" sagt Wilma wieder und weint, "was soll denn aus meiner Tochter werden?" Schon längst ist sie aufgestanden, geht unruhig hin
und her und die Verzweiflung steht ihr im Gesicht geschrieben. Was soll denn aus mir werden, hätte Sybill am liebsten geschrien. Wie stellst Du dir das vor? Ich habe doch ein eigenes Leben. Und ausgerechnet jetzt, wo ich so weit oben bin. Wo es mir so gut geht. Du weiß genau, dass ich nie Kinder haben wollte...
Sybill zögert nur einen Augenblick. Dann steht sie auf, nimmt die ältere in den Arm, streichelt sie sanft und sagt: "Natürlich kümmere ich mich um Anja. Du kannst ganz beruhigt sein". Beide weinen. "Lass mir etwas Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen", sagt jetzt Sybill und vielleicht wird ja auch alles wieder gut, aber wenn nicht, dann würde Anja eben ihre Tochter werden. Die beiden Schwestern reden die ganze Nacht, denn Sybill fliegt schon wieder am nächsten Tag zurück nach Madrid. Eine Lösung haben sie nicht gefunden und eine nachdenkliche und um Jahre gereiftere Sybill sitzt wenige Stunden später im Flieger. Ihre Augen brennen vor Müdigkeit und am liebsten würde sie nur weinen.
Sie weiß, dass sich, ihr Leben verändern wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Ihre Schwester wird sterben und sie wird Verantwortung für ein Kind übernehmen müssen. Etwas, was sie nie wollte und wozu sie sich nicht fähig fühlt. Auch jetzt nicht! Und doch wird sie es tun - irgendwie. Das ist sie ihrer Schwester schuldig. Und auch sich selbst, sonst kann sie nie wieder in den Spiegel schauen ohne sich zu schämen.
Barbara Dickmann
