Marion und Jürgen Neumann bei ihrer Übernachtung in Schonach Bild: Barbara Dickmann
Am Rand eines schmalen Feldweges in der Nähe von Köln, etwas zurückgesetzt, steht ein kleines, verwittertes Holzkreuz. Am 9. Mai 2005 geschieht das Unfassbare. Marion Neumann, 43 Jahre alt, wird vom Blitz getroffen, genau an dieser Stelle und fällt um wie ein Baum. Als sie die Augen wieder aufschlägt sieht sie als erstes drei Worte, die irgendwann vor vielen Jahren in das Kreuz geschnitzt wurden: Rette Deine Seele! Marion hat Glück im Unglück. Sie ist nur kurzzeitig gelähmt und ihr Körper erholt sich schnell. Doch dieses entsetzliche traumatische Erlebnis, diesen Blitz aus heiterem Himmel, verkraftet sie nur sehr schwer. Ihre Gedanken kreisen immer wieder um diese drei Worte: Rette Deine Seele! Rette Deine Seele! Hat das etwas zu bedeuten? Ist das vielleicht ein Zeichen für sie und ihren Mann Jürgen?
Fast genau ein Jahr später erkrankt der Bruder ihres Mannes an Krebs. Nach vier Wochen ist er tot. Zwei Tage nach der Beerdigung wird Jürgen, ihr Mann, überfallen und der Kehlkopf eingetreten. Jürgen kann nicht mehr sprechen. Es ist lange unklar, ob die Stimme wiederkommt. Sie kommt wieder, Gott sei Dank, doch Marion wird immer unruhiger. „Rette Deine Seele“ taucht es immer wieder in ihren Gedanken auf. Dann geht es Schlag auf Schlag. Sie verlieren Nachbarn und Freunde – insgesamt 14 Menschen in ihrem nahen Umfeld sterben. Einige von einer Stunde zur anderen. Marion wird immer mehr bewusst, wie schnell es zum Ende kommen kann. Und immer klarer empfindet sie, dass sie irgendetwas machen müssen, dass es so nicht mehr weitergehen kann.
Und dann verlieren beide auch noch ihren Job. Jürgen ist 55 und Marion 46. Das war wohl der letzte Anstoß den sie brauchten. Marion und Jürgen wissen jetzt, was sie wollen. „Rette Deine Seele“ heißt für sie, nicht mehr so weiterleben wie bisher und sich auf die Suche zu machen. Dem Leben einen Sinn geben – oder anders gesagt: Lebe Deinen Traum bevor es zu spät ist.
Beide sind gläubig. Doch das waren sie nicht immer. „Erst in den Jahren nach dem Unfall haben wir immer häufiger darüber nachdenken müssen. Und irgendwann haben wir uns entschlossen, den Pilgerweg zu gehen. Nicht ein paar Monate, sondern ein paar Jahre. Als junge Frau wollte Marion mit Pferd und Packpferd durch die Welt und Jürgen träumte von einsamen Bergen und seltenen Tieren. Jetzt sollen diese Träume irgendwie verwirklicht werden.
Sie wollen ihre innere Mitte finden, indem sie laufen. Der Körper soll helfen, den Geist zu finden. „Zu Hause klappt so etwas nicht“, sagt Marion, „das geht nur ohne Konsum, mit viel Zeit zum nachdenken“. Die Vorbereitungen beginnen. Sie brauchen Geld. Marion und Jürgen kaufen keine Kleidung und fast keine Lebensmittel mehr. Sie sammeln Pilze, machen Marmelade selbst, sammeln Leergut und Schrott und verkaufen alles, aber auch alles, was nicht unbedingt notwendig ist. Was brauchen sie ein Essservice für 12 Personen? „Wir haben knallhart gespart, sorgfältig geplant und total darauf hingearbeitet“, sagt Jürgen, denn einfach loslaufen ohne vernünftige Ausrüstung und ohne Rücklagen ist nicht ihr Ding. Je mehr sie sich von den Dingen trennen, desto befreiter fühlen sie sich. Was sie heute noch besitzen, sind einige Antiquitäten, Bilder, Fotos und ganz persönliche Sachen, an denen ihr Herz hängt. Ihr Hab und Gut passt in einen Bauwagen, der in ihrer alten Heimat steht.
„Sobald die Entscheidung gefallen war, funktionierte alles“, berichtet Marion. Die Esel werden ihnen angeboten, sie bekommen genau die Ausrüstung, die sie brauchen und irgendwann ist es soweit. Am 28. Mai 2008 laufen sie los. Im September treffen wir sie in Schonach. Zwei Menschen, drei Esel und ihre Ausrüstung, die in einem Wagen verpackt und von einem Esel gezogen wird. Ihr Ziele: Frankreich, Spanien, vielleicht den Jakobsweg (Santiago de Compostela), vielleicht die alten Hirtenwege aus dem Mittelalter, dann weiter nach Italien, vielleicht Rom und Assisi. Rückkehr: irgendwann in 2011. Ihr Budget: 10 Euro pro Tag. Das ist nicht gerade üppig für drei Esel und zwei Menschen. Trotzdem wollen sie einen gewissen Level halten und nicht nomadisieren. Und der heißt vor allen Dingen Sauberkeit. „Man kann sich auch im Fluss waschen“, sagt Marion, eine heiße Dusche ist schon heute für sie Luxus. Diesen Winter wollen sie bei einem Bauern arbeiten, gegen freie Kost und Logis. Was sie bewegt, ist kein sportliches Event und kein Zählen von Kilometern. Sie wollen
einfach laufen, mit den Einheimischen sprechen, ihre Vorstellungen vom Leben erkunden und weitab vom Pilgerstrom ihren Weg gehen.
„Was wir in diesen Monaten schon erlebt haben, bereichert unser Leben“, sagt Jürgen. Denn egal, wo sie auf ihren langen Weg zu sich selbst bis jetzt hingekommen sind, wurden sie als Freunde begrüßt. „Wir haben schon fast an der Menschheit gezweifelt," sagt Marion, „und diese Herzlichkeit ist für uns eines der größten Geschenke“. Kommt doch auf den Rückweg wieder vorbei, sagen nicht nur die Kinder, die sie immer ein Stück weit begleiten. Wo sie einmal leben werden nach ihrer großen Reise, wissen sie heute noch nicht. Bestimmt nicht in der Großstadt. Zu Hause warten erst einmal die Mutter von Marion und ihre erwachsene Tochter, mit der sie einmal in der Woche telefoniert. Deren Gefühle schwanken zwischen Sorge, Sehnsucht und Stolz auf die Mutter, die etwas tut, wovon fast jeder träumt und was die wenigsten schaffen.
Am Rand eines schmalen Feldwegs in der Nähe von Köln steht ein kleines Holzkreuz. „Rette Deine Seele“ wurde vor vielen Jahren darauf eingeritzt. Vielleicht steht irgendwann in drei oder vier Jahren ein weiteres Kreuz daneben, mit folgender Inschrift: Wir haben es getan – wir sind gerettet! Marion und Jürgen Neumann.
Der Weg
Den Jakobweg zu laufen, Kilometer für Kilometer ist im Augenblick unheimlich „in“ und scheint das Erlebnis schlechthin zu sein. Denken Sie nur an unsere „typisch frau“- Reise, von der unsere Leserinnen heute noch schwärmen. Oder an Harpe Kerkeling, dessen Buch „Ich bin dann mal weg“ ein Bestseller geworden ist. Doch was Marion und Jürgen Neumann versuchen umzusetzen, ist keine Wanderung die irgendwo anfängt und irgendwo aufhört, deren Ziel in einer bestimmten Zeit erreicht werden muss, weil danach wieder der Schreibtisch ruft. Sie machen sich auf den Weg zu sich selbst – wünschen wir ihnen, dass sie sich auch finden. Eins steht schon heute fest – sie werden nach dieser Wanderung mit den Tieren andere Menschen sein. Sie werden Erfahrungen machen, die sie prägen und verändern und einfach dort wieder anknüpfen, wo sie aufgehört haben, ist dann nicht mehr möglich. Wir werden versuchen, sie zu begleiten und ab und zu darüber berichten.
Barbara Dickmann
