Alles aus einem anderen Blickwinkel betrachtet

Nach Motorradunfall gelähmt aber mit Vollgas im Rollstuhl - Vortrag im Europapark

Mit unglaublichem Willen kämpft Felix Bernhard nach einem Motorradunfall gegen sein Schicksal an. Bild: Privat

Der 24. Mai 1993 ist ein sonniger Tag. Felix Bernhard, durchtrainierter Ruderer auf Leistungssportniveau , ist mit dem Motorrad unterwegs. Er hat sein Abitur in der Tasche, ist 19 Jahre jung, freut sich auf die bevorstehenden Wochen und genießt den Wind, der ihn um die Ohren weht. Die Autobahn ist gut ausgebaut, die Strecke unbekannt – Felix Bernhard gibt Gas.....
Als er die Augen wieder aufschlägt, liegt er zwischen den Leitplanken, hört das Gespräch von zwei Männern in Warnwesten und den ohrenbetäubenden Lärm des Rettungshelikopters. Er will aufstehen und merkt aber gleich, dass das nicht geht. Seine Beine gehorchen ihm nicht und ihm ist sofort klar, was passiert ist: Ein Unfall, ein schwerer Motorradunfall, dann wird um ihn herum alles schwarz.
Felix Bernhard wird künstlich beatmet, die Lungenhäute drohen zu kollabieren , Schmerzen sind sein ständiger Begleiter, die Chancen stehen 50 zu 50. Nach zwei Wochen Bewegungslosigkeit rastet er aus. „Du musst ein Jahr durchhalten“, verspricht ihm sein Bruder, der nachts über ihn wacht, „ wenn Du dann noch sterben willst, helfe ich dir dabei“. Felix Bernhard überlebt, doch die Wirbelsäule ist gebrochen. Seine Beine wird er nie wieder bewegen können. Er ist verzweifelt. Nachdem sich sein Zustand stabilisiert hat, soll die Rehabilitation in einer Spezialklinik beginnen.
Sein Leben besteht aus warten. Auf den Arzt, auf die Laborergebnisse, auf eine Untersuchung, auf eine Behandlung. Draußen ist Sommer, seine Schulkollegen sind in den Abiturferien und genießen ihre Jugend, die für ihn abrupt beendet ist. Privatsphäre ist ein Fremdwort und Schamgefühl kann man sich nicht leisten, wenn insgesamt vier Männer auf 30 qm 24 Stunden am Tag zusammen verbringen und nicht einmal weglaufen können. Die Stimmung schwankt zwischen lethargisch, schicksalsergeben und latent aggressiv.
Der erste Schritt zum einem selbständigen Leben heißt Rollstuhl. Felix Bernhard ist fassungslos. Dieses Gefährt hatte in seinem Leben bisher keinen Platz. Das Sitztraining beginnt und das Darmtraining, denn er gibt keine Füllstandsanzeige ans Gehirn mehr ab. Am 7. Dezember 1993

Der Weg ist das Ziel - Felix Bernhard auf Pilgerreise. Bild: privat

kehrt Felix Bernhard ins Haus seiner Eltern zurück. Sie haben ihm eine rollstuhlgerechte Wohnung in den früheren Kellerräumen eingerichtet. Oktober 1994 beginnt er sein Studium an der volkswirtschaftlichen Fakultät in Freiburg und wohnt im Studentenwohnheim, in einer kleinen, dunklen, schwellenfreien Wohnung. Egal – endlich allein im eigenen Reich. Seine frühere Therapeutin wird seine Freundin und zieht ein Jahr später zu ihm. Ein Etappensieg, doch jede Bewegung, jeder Handgriff lassen ihn spüren, dass er nicht mehr Herr im eigenen Haus ist. Manchmal ist die ohnmächtige Verzweiflung so groß, dass er wie wild auf seine Beine einschlägt, bis sie grün und blau sind. Wenn nur der Schmerz groß genug ist, spürt er sie vielleicht? Es wird höchste Zeit, die seelische Verarbeitung seines Verlustes in Angriff zu nehmen.
Nach dem Grundstudium gewinnt er ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg für ein Austauschjahr in den USA. Felix Bernhard will weg aus Deutschland. „Handikap“ klingt wesentlich attraktiver als das B-Wort (Behinderte) . Es werden fast vier Jahre, die ihm helfen, sein Leben aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Erst hier lernt er, dass im Rollstuhl unterwegs zu sein, überhaupt nichts ungewöhnliches ist. Millionen Amerikaner bewegen sich auf diese Weise. Er lernt klettern, Wasserski fahren, raftet in unberührten Naturparks und fährt eintausend Kilometer bei zwei organisierten Handbike-Touren mit. Er ist weiß, jung, sitzt im Rollstuhl und gehört zu keiner schützenswerten Gruppe. Nach seinem Abschluss in Betriebswirtschaft startet er durch. Er macht Karriere in einer Investment-Bank in Frankfurt und arbeitet in der Abteilung für Konzernentwicklung, dem Allerheiligsten dieser Bank.
September 2005 verabschiedet er sich von seinen Kollegen. Sechs Wochen Jahresurlaub liegen vor ihm und 1.200 Kilometer Jakobsweg. Er will auf der Via de la Plata von Sevilla nach Santiago de Compostela wandern, quer durch Spanien, einmal von Süden nach Norden. Er ist jetzt Pilger. Er bricht auf, um zu spüren, dass er auf eigenen Füßen stehen kann. September 2005 verabschiedet er sich von seinen Kollegen. Sechs Wochen Jahresurlaub

liegen vor ihm und 1.200 Kilometer Jakobsweg. Er will auf der Via de la Plata von Sevilla nach Santiago de Compostela wandern, quer durch Spanien, einmal von Süden nach Norden. Er ist jetzt Pilger. Er bricht auf, um zu spüren, dass er auf eigenen Füßen stehen kann. Nach der Pilgerreise wird er nicht mehr zu seinem alten Arbeitsplatz zurückkehren. Er wird bei einer Tochtergesellschaft anfangen. Die Gründe sind einfach: hinter seinem alten Job steht er nicht mehr, der neue macht für ihn mehr Sinn. Es ist nicht seine erste Pilgerreise, doch diesmal will er beenden, was er zwei Jahre zuvor versäumt hat. Er will nach Finisterre. Alleine – und im Rollstuhl. Er schafft es und noch viel mehr: Er kommt dem eigenen Leben auf die Spur. Wie? Das schildert er in seinem Buch, das unvergleichlich ist (Dem eigenen Leben auf der Spur, ISBN 978-3-596-17472-0). Es wird ein Bestseller. Es ist nicht einfach ein Reisebericht, es ist die Geschichte seines Lebens. So ehrlich und offen, dass es manchmal weh tut. Lesen Sie dieses wunderbare Buch, selten hat mich ein Buch so fasziniert – oder noch besser: Schauen Sie in seine Augen, hören Sie, was er zu sagen hat und profitieren Sie von seinen Erfahrungen. Erleben Sie Felix Bernhard life im Europa-Park, im Rahmen von Marianne Macks Vortragsreihe, die von typisch frau-Autorin Barbara Dickmann begleitet wird (siehe Info-Kasten). 15 Jahre später - der 24. Mai 2009 wieder ein sonniger Tag......

Der Vortrag:
Titel: Dem eigenen Leben auf der Spur - als Pilger auf dem Jakobsweg
Referent: Felix Bernhard
Wann: 24. September, ab 19.30 Uhr
Wo: Europa-Park, Hotel Santa Isabel/Raum Convento
Eintritt: €10
Reservierung und Info unter 01805/788997 (14 Cent/Minute aus dem dt. Festnetz).

Hier wird kein Geld verdient:
„Es gibt direkt hier in Ihrer Nachbarschaft Menschen, die unsere Hilfe ganz dringend benötigen“, sagte Marianne Mack kürzlich bei einer Veranstaltung. Deshalb wurde der Förderverein „Santa Isabel e.V. – Neue Perspektiven“ ins Leben gerufen. Auch die Eintrittsgelder des Vortrags mit Felix Bernhard fließen in diesen Förderverein und werden sofort dafür eingesetzt, Menschen in schwierigen Lebenssituationen schnell, unkompliziert und vor allen Dingen sinnvoll zu helfen. Die mittlerweile weit über die Region Rust hinaus bekannte Vortragsreihe hat den Hintergrund den Menschen in der Region Anregungen und Lebenshilfe zu geben und ihnen „neue Perspektiven“ zu eröffnen. Der Referent und alle Beteiligten arbeiten ehrenamtlich. Über die Verwendung der Eintrittsgelder werden wir berichten.

Barbara Dickmann