Top-Managerin ohne ein Gehalt

- Lieselotte Fischer: Mutter von 15 Kindern über ihr Leben -

Liselotte Fischer, Mutter von 15 Kindern
Bild: B. Dickmann

Manchmal ist es nur ein kleines Geschenk, oder eine besondere Erinnerung. Manchmal ist es ein Buch, ein Film, ein Erlebnis, das Wünsche und Sehnsüchte in uns weckt. Doch oft sind es gerade diese kleinen, ja eigentlich unbedeutenden Ereignisse, die uns ein Leben lang prägen und unseren Lebensweg beeinflussen. Bei Lieselotte Fischer sind es zwei Puppen und eine Fernsehsendung die um die ganze Welt ging - die Schwarzwaldklinik...
Österreich, 1942. Lieselotte wird geboren. Als 6-jährige schenkt ihr die Oma eine Stoffpuppe mit Gesicht. Ein Mädchen! Doch Lieselotte möchte noch eine Puppe und zwar einen Jungen. Die Oma erfüllt ihr diesen Wunsch. Und dann kommt dieser Spruch: "Wenn ich groß bin, will ich einmal zwölf Kinder haben, sechs Jungen und sechs Mädchen!" An diesem Augenblick, als dieser Wunsch entstand, kann sie sich heute noch erinnern.
Österreich, 1962. Lieselotte ist schwanger. Das erste Kind wird geboren. Wenige Monate nach dessen Geburt ist sie wieder schwanger. Auch das dritte Kind lässt nicht lange auf sich warten, dann das vierte... Keine Frage, Lieselotte nimmt die Verwirklichung ihres Traumes konsequent in Angriff. Und ihr Mann macht mit. "Er hat sich ja nicht um die Kinder kümmern müssen", sagt sie, "das habe ich alles alleine gemacht." Die ersten neun Kinder werden zu Hause geboren. "Ich bin dann gleich wieder aufgestanden, hab alles sauber gemacht und am nächsten Tag wieder einkaufen gegangen". Danach geht Lieselotte zur Geburt ins Krankenhaus und genießt es. Vier Tage ausruhen - Erholung pur. Lieselotte schläft rund um die Uhr. Mit 40 bekommt sie Zwillinge - und ist ganz stolz. Mit 42 ist Schluss. Lieselotte hat jetzt 15 Kinder. Und damit hat sie ohne Übertreibung eine richtig große Familie. Mehr als eine Fußballmannschaft.
Lieselottes Tag beginnt um 5 Uhr, wenn das jeweilige Baby wach wird und gestillt werden will. Ins Bett geht sie nachts um 0.30 Uhr. Dazwischen liegen waschen und anziehen der Kleinen, Kindergarten, Schule, aufgeschlagene Knie, Masern, Windpocken, schmusen, streicheln, trösten, einkaufen, täglich sieben Waschmaschinen Wäsche , drei Kilo Brot verarbeiten, fünf Liter Milch und Kochen in Riesetöpfen. Je älter die Kinder werden, desto größer werden die Töpfe. Am Sonntag sind es oft 35 Schnitzel, oder ein Berg von einem Fleischbraten. "Wenn ich heute koche, essen wir eine Woche daran, weil ich immer noch viel zu große Portionen zubereite", sagt sie. Mit 17 Personen wohnen sie auf 112 qm. Fünf Kinder schlafen immer zusammen. Der Rest der Wohnung besteht eigentlich nur aus einem

Lieselotte Fischer (rechts hinten) mit 13 von ihren 15 Kindern auf einer Hochzeit. Bild: Privat

winzigen Wohnzimmer, der Küche und einem großen Tisch, der Treffpunkt der Familie. Können Sie sich vorstellen, dass Lieselotte zusätzlich noch drei Pflegekinder großgezogen hat? Eigentlich sollten sie ja nur vorübergehend bleiben! Ja eigentlich, doch ausgezogen sind sie, als sie erwachsen waren.
Österreich, 1987! Lieselotte hat sich von ihrem Mann getrennt und lebt allein mit ihren 15 Kindern. Kein großes Problem für sie. Sie ist es gewöhnt, die Familie allein zu managen und die Kinder kennen es nicht anders, als dass der Vater sich ausklingt. Lieselotte hat nach wie vor nicht viel Freizeit, doch eine Serie im Fernsehen lässt sie nie aus. Die Schwarzwaldklinik - Prof. Brinkmann ist der Schwarm aller Frauen und erst der Schwarzwald! So kann nur das Paradies aussehen. Lieselotte und ihre Freundinnen würden sofort dorthin gehen...
In einem Cafe lernt sie einen Mann kennen. Er heißt Knut. Lieselotte verliebt sich in ihn. Und als er sie fragt, ob sie nicht heiraten wollen, sagt sie sofort ja. Lieselotte zieht um, denn Knut lebt in Deutschland und Sie ahnen schon wo. Knut wohnt in Triberg im Schwarzwald. Lieselotte ist hin und weg. Ihr Traummann lebt in ihrem Traumland. Und dann geht alles ganz schnell...
Triberg, 1988. Lieselotte und elf ihrer fünfzehn Kinder sind umgezogen. Das jüngste ist vier und das älteste fünfzehn. Die vier großen bleiben in Österreich. Trotzdem kann sie die gewohnten Portionen kochen, denn Knut hat auch drei Kinder und die ersten Pflegekinder lassen auch nicht lange auf sich warten. Ihre neue Patchwork Familie wächst zusammen. Zwei große Wohnungen in einem Haus stehen zur Verfügung. Immer nur zwei Kinder müssen sich ein Schlafzimmer teilen. Doch nach wie vor rücken sie gerne zusammen. Lieselotte ist glücklich. "Der Knut war wie ein Zwölfer im Lotto für mich", sagt sie im Nachhinein. Ein loser Kontakt zum leiblichen Vater wird aufrechterhalten. Doch Knut wird der eigentliche Vater ihrer Kinder, der sich wirklich kümmert, so wie sie es sich immer gewünscht hat. Einmal im Jahr geht es nach Österreich. Die Verpflegung für die Bahnfahrt: 100 Wurstwecken und etliche Taschen mit Getränken. Sie halten gerade mal bis Ulm...
Lieselotte erobert den Schwarzwald. "Die Wasserfälle, die Natur - es ist einfach herrlich hier." Sie wandert viel mit den Kindern, sorgt dafür, dass sie Sport treiben und ist glücklich mit ihrer großen Familie. "Viel konnten wir ihnen ja nicht bieten", sagt sie, "und in den Ferien haben die Großen sich immer einen Job gesucht, um ihr Taschengeld aufzubessern." Die Kinder wachsen heran und gehen aus dem Haus. Das Haus wird leerer und ruhiger.

Lieselotte Fischer und ihr Mann Knut, der sie in den Schwarzwald holte. Bild: Privat

Triberg 2009: Lieselotte Fischer ist 67 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann allein. Sie bekommt eine kleine Rente." Die Erziehungsjahre werden ja jetzt angerechnet, darüber bin ich sehr froh", sagt sie. Eigentlich müsste sie eine Spitzenrente erhalten, wenn man bedenkt, was sie geleistet hat und heute noch leistet. "Ich hab ja wenig gearbeitet, die Kinder halt groß gezogen..." Wenig gearbeitet? Ich möchte mal den Mann sehen, der dieses große Familienunternehmen in den Griff bekommen würde. Ihr jüngstes Kind ist heute 25, das älteste 47. Sie hat insgesamt 26 Enkelkinder. Nicht jedes ihrer Kinder hat seine Ausbildung abgeschlossen, doch alle arbeiten. Alle haben ihr Leben im Griff und keiner ist unter die Räder gekommen. "Arbeiten ist wichtig, jeder kann hier noch Arbeit finden, wenn er das will". Einige wohnen in der Nähe und sie ist beliebte Anlaufstelle für die Enkelkinder. Und trotzdem: " Es ist viel zu ruhig, früher war das viel schöner..." Lieselotte Fischer kennt keinen Urlaub, braucht kein Yoga und keinen Wellnesstag. "Im Winter in der warmen Stube sitzen und stricken, im Sommer in den Garten gehen, das ist schön, das ist Urlaub, mehr will ich nicht".
Keine Frage, diese Frau ruht in sich und ihr reiches Leben ist voller Erinnerungen. Die meisten sind schön, sind lustig, sind viele kleine Geschichten, die sich ereignen, wenn man mit Kindern unterwegs ist. Wenige sind traurig und manche direkt beleidigend. "Ich war nicht immer erwünscht, wenn ich mit meinen vielen Kindern kam." Denn ab und zu leisten sie sich ein Eis oder ein Stück Kuchen. Etwas ganz besonderes für die Familie. "Einmal hat man in einem Cafe zu mir gesagt, ich soll mit meinem Kindergarten woanders hingehen", das hat sie bis heute nicht vergessen. Da spart man dafür und alle freuen sich darauf - und dann so etwas...
Wie gesagt, bei Lieselotte Fischer waren es zwei Puppen, die bewusst oder unbewusst ihr Leben beeinflusst haben. Es sind nicht nur 12 Kinder geworden, sondern sogar fünfzehn, "was noch schöner ist als zwölf…" Dann war da noch die Schwarzwaldklinik, die die Sehnsucht weckte. Und dann kam Knut. Kam, sah und siegte und ist heute noch ihr Traummann, der sie in das Land ihrer Träume holte. Was Lieselotte Fischer aus ihrer Sicht zum Thema Kindererziehung zu sagen hat, lesen Sie in der kommenden, "typisch frau".

Barbara Dickmann