Mehr Zeit für Kinder nehmen

- 15-fache Mutter Lieselotte Fischer gibt Erziehungstipps -

Lieselotte Fischer, 67 Jahre alt, 15-fache Mutter und 26-fache Oma in ihrem Garten. Bild: B. Dickmann

Sie ist keine Sozialpädagogin oder Erzieherin. Doch wie würden Sie eine Frau nennen, die fünfzehn eigene Kinder, drei Stiefkinder und etliche Pflegekinder großgezogen hat? Die mittlerweile stolze Oma von 26 Enkeln ist und hofft, dass es noch mehr werden? Dafür gibt es nur ein Wort: Lieselotte Fischer, 67 Jahre jung, in Österreich geboren und seit 1988 in Triberg, ist Profi! Vollprofi in Sachen Kindererziehung. Über ihren Lebenslauf berichteten wir in der vergangenen "typisch frau", doch was Lieselotte Fischer grundsätzlich zur Kindererziehung zu sagen hat und wie sie die Rolle der heutigen Mütter sieht, ist interessant und macht nachdenklich. Schauen wir zuerst zurück - wie hat sie dieses Familienunternehmen gemanagt?
Lieselotte lacht. Hier ein kurzer Abriss: "Meine Kinder haben sich gegenseitig erzogen. Natürlich mussten sie im Haushalt helfen - Jungen wie Mädchen. Die Großen haben die Kleinen gewaschen und angezogen. Der Tagesauflauf war genau geregelt. Jedes Kind hatte seine Aufgabe. Es gab gutes, gesundes, selbst zubereitetes Essen, wenig fernsehen, dafür viel Bewegung in frischer Luft. Ich war keine strenge Mutter. Natürlich habe ich dafür gesorgt, dass sie ihre Schularbeiten erledigen, doch manchmal haben sie mich reingelegt. Und besonders, wenn das Wetter schön war. "Wir haben nichts auf,

Mama", hieß es dann. Tja, und am anderen Morgen saßen sie dann am Frühstückstisch und haben geschrieben.
In Österreich haben fünf Kinder in einem Zimmer schlafen müssen. Wie die Hasen haben sie alle zusammen gelegen. Wir hatten ganz wenig Geld. Die Kinderkleider habe ich im Secondhand-Laden gekauft. Manchmal waren die Kinder schon unzufrieden, weil sie einfach kürzer treten mussten, weil wir so viele waren. Geld hab ich wenig bekommen. Es gab Monate, da waren es nur 35 Euro, die mein früherer Mann für die Kinder bezahlt hat. In den Ferien haben die älteren Kinder gearbeitet. Sie haben Erdbeeren gepflückt oder in einer Baumschule mitgeholfen. Geld ist nicht wichtig. Gesundheit ist wichtig.
Ich hatte auch ein Problemkind. Im 6. Monat hat mir der Arzt zur Abtreibung geraten, da es körperlich und geistig schwerstbehindert sei. Doch ich konnte das nicht. Gott sei Dank. Geistig ist er fit, doch er hinkt. Wir haben alle für ihn kämpfen müssen. Er sollte von der Grundschule auf die Sonderschule verwiesen werden - das haben wir verhindert. Dann wurde er von den Kindern gehänselt und seine Brille war ständig kaputt. Die großen Geschwister haben auf ihn aufgepasst. Die anschließende Lehre hat er abgebrochen, doch die Firma hat ihn trotzdem übernommen. Mein Ältester ist Musiklehrer und der hat ihm viel geholfen.
Meine Oma war begeistert von meiner großen Familie und ich war als Kind viel bei ihr. Meine Mutter ist immer arbeiten gegangen, sie ist eine vornehme Frau. Die vielen Kinder hat sie nicht verstanden, sie hat dann immer mehr Abstand genommen. Doch heute sind wir ein Herz und eine Seele. Arbeit ist für mich wichtig. Schon ganz früh habe ich meinen Kindern beigebracht, dass man arbeiten muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Alle meine Kinder arbeiten und noch nie war eines meiner Kinder arbeitslos. Ich war nie streng. Als sie älter wurden, durften sie weggehen, ich musste nur immer wissen, wo sie waren. Ich bin gläubig, gehe aber nicht viel in die Kirche. Ich bin nicht gegen Verhütung, aber gegen Abtreibung. Meine Oma sagte immer: Für jedes Hasel wächst ein Grasel..."
Schauen wir uns die Gegenwart an. Wie empfindet Lieselotte Fischer die Rolle der Frau und Mutter anno 2009? Hier ihre

Meinung: "Was heute passiert, finde ich ganz schlimm. Berichte von Kinder, die in Deutschland verhungern, geschlagen werden. Da kann man doch nicht immer dem Jugendamt die Schuld geben! Schon mit drei Kindern ist man kinderreich. Jedes Kind muss Markenartikel haben, ein teures Fahrrad... Und die Mütter müssen alle schaffen. Am besten gibt man die Kinder gleich nach der Geburt ab. Ich bin völlig dagegen. Die Mütter haben heute einfach zu wenig Zeit für ihre Kinder und da nehme ich meine eigenen Töchter nicht aus. Und wenn ich beim Einkaufen die jungen Frauen mit ihren Handys am Ohr sehe, wie sie durch den Supermarkt mit ihren Kindern hetzen mit lauter Fertiggerichten in ihren Wagen, schockt mich das schon oft.
Man kann doch für fünf Euro ein gesundes Essen kochen. Ehrlich gesagt, mir tun die Kinder manchmal leid, selbst wenn sie viel, viel mehr geboten bekommen als meine früher und eigene Zimmer haben. Vielleicht können die Mütter gar nichts dafür, sie sind einfach anders, vielleicht ist das heute einfach so... Mein Rat aus 47 Jahren Erfahrung an alle Mütter ist einfach und lautet: Nehmt Euch mehr Zeit für Eure Kinder. Morgens muss man da sein, um die Pausenbrote zu richten, mittags brauchen die Kinder ihre Mutter, wenn sie aus der Schule kommen und ein vernünftiges Essen muss auf dem Tisch stehen. Die Kinder werden so schnell groß und die Zeit kommt niemals wieder. Alle meine Kinder verstehen sich gut und sagen heute im Nachhinein: Mama, wir haben es schön gehabt..."
Dies ist kein Appell fünfzehn Kinder in die Welt zu setzen und erst recht nicht, den Job aufzugeben. Doch wenn man Lieselotte Fischer sieht, ihr zuhört und dann einige Kinder und Enkelkinder kennen lernt, wird man nachdenklich.
Zugegeben, unsere Welt ist kompliziert. Die Anspruchshaltung groß. Wir leben in einer Zeit in der fast jede Frau versucht, die vier K's - Karriere, Kinder, Küche, Kirche unter einen Hut zu bringen. Vielleicht sollten wir etwas an der Reihenfolge arbeiten und aus vier K's vielleicht sechs machen. Wie wäre es mit: Kinder, Kinder, Kinder und dann erst Karriere, Küche, Kirche oder so...?

Barbara Dickmann