Es gibt viele und exotische Antworten auf eine funktionierende Beziehung.
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Offenheit ist eine schöne Eigenschaft. Und vollkommene Offenheit erst recht. Doch vielleicht auch nicht? Denn in den 70-igern war die "Vollkommene Offenheit" das Schlagwort schlechthin und führte zu nächtelangen Diskussionen in verqualmten Party-Kellern mit Bier und Rotwein Marke Le Filou (1,99 D-Mark der Liter). Es ging um nichts Geringeres, als um die offene Ehe, einer Lebensform, die damals von den Eheberatern Nena und George O`Neill als Gegenmodell zur herkömmlichen Ehe vorgestellt wurde. Was sie meinten, war folgendes: Ehe ja, doch mit dem Anspruch
Freiheit und Ehrlichkeit in das verwirrende Spiel von Liebe und Sex, Versuchung, Verlangen und Erliegen zu bringen.
Die offene Ehe als Allheilmittel gegen erzwungene Eintönigkeit. Ganz wichtig war dabei die Ehrlichkeit und Offenheit: Denn wenn wir alles voneinander wissen, betrügen wir uns ja nicht. Doch Seitensprung nach Belieben und danach das große Erzählen? Kein Schmerz, keine Eifersucht beim Betrogenen, der ja kein Betrogener ist, weil... Na ja, Sie wissen schon. Wohngemeinschaften sind die ersten, die es ausprobierten. Doch das Experiment scheitert. Der Schnitt: Von zehn Pärchen bleiben neun auf der Strecke - und das zehnte schafft es höchstens drei Jahre.
Silvester 2008. Der Anruf kommt direkt nach Mitternacht, am 1. Januar 2009. Rudi und Sigrid sind dran! Wer? Mensch Rudi und Sigrid - alte Bekannte aus längst vergangenen Zeiten. Zuletzt gesehen am... Jetzt müssen wir aber überlegen. 1982, frisch verheiratet und voll auf dem Trip der offenen Ehe. Jeden Abend war jeder allein unterwegs. Am Wochenende kamen die Freunde und geheiratet haben sie nur, weil
es einfach leichter war. Eifersucht war kein Problem für Sigrid, solange sie nur alles genau wusste. Wir bestaunten dieses Paar wie seltene Tiere im Zoo und dann zogen sie weg und wir hörten nicht mehr voneinander bis eben...
Wir reden und reden. Sie sind tatsächlich noch zusammen und haben ein gemeinsames, mittlerweile erwachsenes Kind, was eigentlich nicht vorgesehen war. Und sie leben immer noch nach dem gleichen Muster. Also jeder für sich mit Affären, Hobbys, Aktivitäten, doch ohne Gefahr für die Ehe. Na ja, mit zunehmendem Alter würden sie natürlich auch ruhiger und manchmal sei sie schon recht einsam, sagt Sigrid. Manchmal fehle eben doch die richtige Nähe und sie fühle sich wie versteinert. Was sie hätten sei eigentlich eine Lebensbewältigungs- und Kindererziehungsgemeinschaft. Ganz am Schluss wage ich eine unverschämte Frage: Ob Sigrid ihren Rudi denn liebe? Sigrid überlegt lange. "Ich kann mich auf ihn verlassen", sagt sie. Reicht das? Oder ist das sogar mehr, als viele andere Paare nach 27 Jahren von sich behaupten können?
Barbara Dickmann
