Claudia Kühne mit ihrer Tochter Leonie und ihrem vierbeinigen Lieblings-Spielgefährten.
Blutungen in der 24. Schwangerschaftswoche! Claudia Kühne ist entsetzt. Zwei Wochen später kommt Leonie per Kaiserschnitt zur Welt – 33 Zentimeter groß und 650 Gramm schwer. Eine Hand voll Leben, das ums Überleben kämpft. Leonie liegt auf der Intensivstation „Eckstein“ in der Uni-Klinik Freiburg. Ein Inkubator übernimmt die Mutterrolle. Leonis Haut ist dunkel und durchscheinend, der Bauchnabel mit Nähten versehen, an den Ärmchen hat sie Schläuche, die mit mit kleinen Watterollen fixiert sind. Eine Magensonde läuft in den linken Nasenflügel und ist mit einem kleinen, herzförmigen Pflaster auf der Wange befestigt. Ihre Augen sind geschlossen, ein Beinchen ist angewinkelt und am anderen befindet sich eine Blutdruckmanschette in Miniaturform. Claudia Kühne hat so etwas noch nie gesehen. Ob dieses kleine Menschlein wohl Schmerzen hat? Ob sie wohl weiß, wo sie ist und würde man es bemerken, wenn sie traurig ist und es ihr schlecht geht? Für die Mutter beginnt ein Klinikalltag der besonderen Art. Selbst noch nicht auf der Höhe und mit dem Folgen einer Schwangerschaftsvergiftung zu kämpfen, beginnt sie allmählich mit der Betreuung ihrer kleinen Tochter, wird unter der Anleitung erfahrener und äußerst liebevoller Krankenschwestern immer mehr eingebunden und kann Leonie versorgen.
Jeder Tag ist verbunden mit Höhen und Tiefen, mit Ängsten und Hoffnung, denn ihre Tochter kämpft weiterhin und hat immer wieder Atemaussetzer.
Mit 940 Gramm kommt die große Krise. Claudia Kühne und ihr Lebensgefährte müssen sich mit körperlicher oder geistiger Behinderung auseinandersetzen und im schlimmsten Fall mit dem Tod ihrer Tochter.
Am 23. Juli darf Claudia Kühne ihre Leonie mit nach Hause nehmen, sie wiegt nach fast drei Monaten 2000 Gramm. Nun würde endlich das unbeschwerlichere Leben von Leonie beginnen. Doch Leonies Entwicklung muss immer wieder kontrolliert werden. Mit sieben Monaten ist sie nur 58 Zentimeter groß und wiegt 4935 Gramm. Leonie hat Neurodermitis und die Gedeihstörungen beginnen. Manchmal nimmt sie in einer Woche 300 Gramm ab und innerhalb eines Monats nur 200 Gramm zu. Der erste Hörtest fällt nicht gut aus, Krankengymnastik steht an. Doch mit 17 Monaten kann sie laufen und mit zwei Jahren besteht sie ihr „Frühchenabitur“. Das bedeutet, dass sie aus Sicht des Kinderarztes keine weiteren Therapien mehr benötigt.
Claudia Kühne schreibt sich Nöte, Ängste und Glücksgefühle von der Seele. In 2009 erscheint „Eine Hand voll Frühchen oder: Was sind 650 Gramm? (ISBN 978-3-905837-22-3) gesponsert von der Schwenninger BKK.
Leonie ist heute fünf Jahre alt. Sie besucht den regulären Kindergarten und hat auch Freunde gefunden. Demnächst hat sie ihre erste Vorschuluntersuchung, doch sie wird wohl ein Jahr zurückgestellt werden. Leonie ist ein sehr zartes, zierliches Mädchen. Aktuell wiegt sie 13,4 Kilo und ist 103 cm groß. In den letzten 2 ½ Jahren hat sie gerade einmal 2 Kilo zugenommen. Sie isst sehr gut, steht voll im Leben, will alles entdecken, ist sehr lebhaft und lebensfroh. Leonie leidet immer noch unter Gedeihstörungen, die zur Zeit nicht behandelt werden, die Neurodermitis hat sich deutlich verbessert. Die Kleine ist oft krank. Immer wieder Bronchitis, Lungenentzündung, Reizhusten, grippale Infekte. In den letzten Monaten war sie kaum im Kindergarten. Im Dezember 2010 wog sie aufgrund eines Magen-Darm-Infektes und einer Lungenentzündung gerade mal 10 Kilo.
Doch Leonie ist hart im nehmen und sehr zäh, hat aber leider keine Reserven.
Claudia Kühne gibt inzwischen Lesungen und organisiert mit dem Frühchenverein Freiburg Infoveranstaltungen und Spendenaktionen. Seit der Veröffentlichung ihres Buches hat sie gute Kontakte zu Frühchenfamilien aufgebaut, die ihr regelmäßig berichten. Sie weiß genau, dass der Gesprächsaustausch Balsam für die Seele ist. Im Augenblick ist sie damit beschäftigt, eine behinderten gerechte Ferienwohnung für Frühchenfamilien herzurichten. „Wir sind inzwischen eine kleine glückliche Familie, die das Schlimmste (so hoffen wir doch) überstanden hat und sehr zuversichtlich, dass wir uns einer guten Sache widmen, „ sagt sie. Natürlich koste das viel Zeit, Arbeit und Energie, doch es sei auch eine Erfüllung. Und vielleicht habe das Schicksal es ja so vorherbestimmt.
Frühchen:
Als Frühchen werden Neugeborene bezeichnet, die ein extrem niedriges Geburtsgewicht unter 1.000 Gramm aufweisen und in der Regel vor der 29. Schwangerschaftswoche geboren werden. Intensive medizinische Hilfe brauchen in der Regel Babys, die bei der Geburt weniger als 1500 Gramm wiegen. Ungefähr 12.000 dieser sehr kleinen Frühgeborenen werden jährlich vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren. Die häufigste Ursache sind vaginale Infektionen, doch oft genug lässt sich gar kein Auslöser finden, eventuell spielt das steigende Alter der Frauen bei ihrer ersten Schwangerschaft eine Rolle. Um eine Frühgeburt zu verhindern, ist es wichtig, vorhandene Risikofaktoren rechtzeitig zu erfassen und die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen.
Nach der 24. Schwangerschaftswoche hat ein Frühchen eine Überlebenswahrscheinlichkeit von über 60 Prozent – schnell ansteigend mit zunehmender Reifung, vor der 24. Schwangerschaftswoche liegt die Chance bei knapp einem Drittel.
