Fürstin Maximiliane zu Fürstenberg - eine Frau in verschiedenen Rollen. Bild: B. Dickmann
Manchmal ist Deutschland immer noch ein zwei geteiltes Land. Wenn es zum Beispiel um Titel geht! Die eine Hälfte erstarrt in Ehrfurcht, ernährt Paparazzi und Regen-bogenpresse aufs Feinste, lebt deren Leben und träumt im Stillen von dem Prinzen auf dem weißen Pferd, von Kutschen und Schlössern, von einer rauschenden Gala unter riesigen Kronleuchtern. Noch immer hat Hedwig Courths- Mahler Hochsaison, werden ihre Bücher von Frauen aller Altersklassen verschlungen. Und in ARD und ZDF laufen deren Verfilmungen zur besten Sendezeit. Einschaltquote: sensationell! Und die andere Hälfte? Die findet Titel einfach lächerlich. Für die sind Prinz und Prinzessin, Fürst oder Fürstin ein Relikt aus der Urzeit - völlig überflüssig und so unnütz wie ein Kropf...
Sie ist schlank, ungeschminkt, ihre rotblonden Haare sind schulterlang und ihre Schuhe sehr bequem. Ihre Hände sind nicht geschmückt von künstlichen Fingernägeln, sondern sehen eher nach Arbeit aus. Sie lacht gerne und oft und dann sieht sie aus, wie ein junges Mädchen. Doch Fürstin Maximiliane zu Fürstenberg, meine Gesprächspartnerin an einem herrlichen Sommernachmittag auf der Terrasse von Schloss Fürstenberg in Donaueschingen, ist 55 Jahre alt, nicht die ehemalige Sekretärin, sondern eine geborene Prinzessin zu Windisch-Graetz.
Dass mit der Sekretärin soll jetzt keine Wertigkeit sein, sondern einfach nur folgendes klarstellen: diese Frau hat nicht hineingeheiratet, sondern ist hineingeboren worden in ein Leben, von dem viele einfach träumen. Dass für sie ein großes Schloss genauso normal ist, wie für uns ein kleines Reihenhaus. Dass ein Empfang in Königshäusern im teuren Abendkleid zu ihrem Leben gehört, wie für uns der Biergarten. Doch wie sieht es aus - das "normale" Leben einer Fürstin?
"Ich habe eine sehr strenge Erziehung gehabt", sagt die Fürstin, "und dafür bin ich
dankbar. Das macht das Leben etwas einfacher." Sie kennt keine gemeinsamen Mahlzeiten mit den Eltern, doch sie sieht sie jeden Tag. Sie und ihre Schwester haben zu folgen, es gibt keine Diskussionen und der Alltag wird von dem Kindermädchen geregelt. Nur am Wochenende sitzen sie mit bei Tisch, in aufrechter Haltung und mit tadellosem Benehmen und Antworten, wenn sie gefragt werden. Obwohl die Familie zum verarmten Adel gehört, schicken die Eltern ihre Töchter in ein englisches Internat. "Das ist eine bevorzugte Erziehung, es ist etwas sehr Schönes, mit anderen Kindern zusammen zu sein", sagt sie heute. Sprachen spielen eine große Rolle, im Fechten ist sie gut, doch für das Ballet nicht graziös genug. Die Interessen der jungen Prinzessin liegen eindeutig im künstlerischen Bereich. Sie besucht eine Akademie und lernt Botanische Malerei: "Davon profitiere ich heute noch." Maximiliane Fürstin zu Fürstenberg malt jetzt auch auf Porzellan.
Als erwachsene verheiratete Frau, macht sie einiges anders als ihre Eltern. Christian und Antonitus, die Söhne der fürstlichen Familie, zieht sie selbst groß. Und sie werden nicht weggeschickt, sie sind immer mit dabei. Bei Empfängen müssen sie sich elegant anziehen, auf die Leute zugehen und sie begrüßen. Beide Jungen lernen auch die andere Seite der Medaille kennen. Die der Dienenden oder der Bedienenden. Sie arbeiten in der Küche, tragen bei Tisch die Speisen auf und sammeln dabei Erfahrungen, die sie für ihr Leben prägen. Denn als Diener sind sie auf einmal Menschen, die nicht existieren, die nicht angeschaut werden, nicht beachtet. Die Gespräche nach solchen Abenden sind sehr interessant.
Einmal erleben die beiden, dass ein Onkel, den sie sehr lieben, sie gar nicht erkennt, obwohl sie ihn bedienen. Warum? Weil er sie nicht anschaut. "Man muss den Menschen in die Augen schauen und man muss mit ihnen reden!" Ihr Mann und die Kinder stehen an erster Stelle und die Kinder sind bis heute der Mittelpunkt ihres Lebens. Beide Söhne haben ein Internat besucht und schon sehr früh übernehmen sie Aufgaben, diskutieren mit und üben auch Kritik aus.
Der Wald, die Natur und das Gärtnern ist ihre Leidenschaft. Vor drei Jahren hat sie einen Gemüsegarten angelegt, hält Schweine und Hühner und versorgt das alles ganz allein. Sie will sehen, wie man eine Familie selbst ernähren kann. Ihre Augen leuchten vor Begeisterung, bis sie von ihren zwei Eseln erzählt, die auch zu ihrer Tierfamilie gehörten und in ihrem Privatbereich frei herumliefen. Sie sind tot. Erst seit ein paar Wochen. Die Todes-ursache: Gift. Wie das passiert ist? Sie weiß es nicht und ist darüber sehr traurig.
Ihr Handy läutet. Ihre Gesichtszüge verändern sich. Aus der Familienfrau wird eine Unternehmerin. Eine Entscheidung wird gefordert. Sie überlegt nur einen Augenblick und gibt sie. Sie muss drei große Häuser führen, sitzt in Aufsichtsräten, leitet mit viel Ideologie das Haus Antonius, ein behindertengerechtes Apartmenthaus für MS-Kranke, organisiert zwanzig Großveranstaltungen jährlich, ist zuständig für all die wertvollen Stoffe in den Schlössern, für die bauliche Instand-haltung und, und, und...
Natürlich hat sie Personal, doch eine persönliche Kammerzofe gibt es wohl nur im Film. Jedenfalls kennt sie keine Adelige, die im Entferntesten mit "Sissi" Ähnlichkeit hat. "Wir sind nicht nur ein Fürstenhaus, wir sind Steuerzahler, wie alle anderen auch", sagt sie. Die Familie hat sehr schwierige Zeiten durchlebt, sie müssen gut rechnen und wirtschaften und sie wollen die Schlösser und Kunstschätze erhalten. Auch die, die für die Allgemeinheit zugänglich sind. Das kostet viel Geld. "Wir sind stolz darauf", sagt sie. Trotz allem, sie sind Unternehmer und müssen es sein.
Sie lernt interessante Menschen kennen, hat eine ganz spezielle Rolle in der Gesellschaft und genießt dieses Privileg. Sie liebt die Menschen, liebt Donaueschingen, ist sehr gläubig, wünscht sich einmal Schwiegertöchter, die es auch sind und träumt als waschechte Italienerin von einer Großfamilie. Von einem großen Tisch, an dem ihre Söhne, ihre Schwieger-töchter, ihre Enkelkinder tagtäglich zusammen mit den Großeltern essen. Und jetzt ist sie wieder eine Frau, mit weichen Gesichtszügen. Eine Frau, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und sich stellt. Die Anfeindungen gewöhnt ist, die manchmal weh tun. Die stark sein muss, auch wenn sie lieber schwach wäre. Eine Frau, die gerne lacht und lebt. Eine Frau, die liebt. Eine (fast) normale Frau.
Manchmal ist Deutschland eben immer noch ein zweigeteiltes Land. Und für mich? Für mich liegt das Problem eigentlich nur in der Anrede. Was sagt man zu einer Fürstin Maximiliane zu Fürstenberg, geborene zu Windisch-Graetz? Natürlich kenn ich den offiziellen Titel und der lautet: Durchlaucht oder Fürstin. Doch da grummelt es leicht in mir. Und Frau Fürstenberg? Auch das ist mir irgendwie nicht ganz geheuer... Vielleicht steh' ich ja mittendrin - vielleicht geht es den Adeligen heute ähnlich - nämlich mittendrin in der Balance zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Tradition und Verpflichtung, zwischen Jeans und Krone und knallharter Realität, wenn es um die Knete geht.
Barbara Dickmann
