Michel Heinrich im Kreise seiner Verwandten und Freunde. Links von ihm seine Frau, Barbara Frommherz-Heinrich. Foto: Privat
Michel Heinrich feiert Geburtstag. In der Schweiz, im Kreise seiner Verwandten, Freunde und Patenkinder. Es ist sein siebter im zweiten Leben. Das erste Leben: Dr. Michel Heinrich, bekannter Psychiater und Psychotherapeut aus Königsfeld, Gründer des "Arbeitskreis Leben" in Stuttgart, Buchautor, in Fachkreisen anerkannter Experte. Aktiv, charismatisch! Ein Mann, den man nicht so schnell vergisst. An seiner Seite: Barbara Frommherz-Heinrich, Schweizerin, Logo-pädin, genauso aktiv, lebensbejahend, glücklich. Irgendwann zieht es ihn zurück in seine Heimat. In Königsfeld finden sie ein Bauernhaus, eröffnen eine Praxis. Wir lernen uns bei einem "typisch frau"- Vortrag kennen und gründen gemeinsam
den "Arbeitskreis Leben", der Hilfe bieten soll für Suizid gefährdete Menschen. Wir treffen uns. Mitinitiator: Siegfried Schreiber aus Villingen, der leider in 2008 erkrankt ist.
Dann die unfassbare Nachricht. Ein Unfall, Notoperation - Michel Heinrich liegt im Koma. Etliche Operationen. Sein erstes Leben endet! Mit 63 Jahren ist es vorbei - weiter geht es! Intensive Behandlung in einer Spezialklinik, Michel Heinrich gleitet ins Wachkoma. Barbara Frommherz-Heinrich sucht ein spezielles Pflegeheim und findet nichts. Am 2. Juni 2002 holt sie ihn nach Hause und übernimmt die Pflege ihres Mannes. Michel Heinrich ist völlig bewegungsunfähig, kann nicht ausreichend schlucken und muss 24 Stunden am Tag betreut werden.
Laut Personalausweis ist er jetzt 70 Jahre alt. Seit mehr als sechs Jahren wird er von seiner Frau gepflegt. Dr. Michel Heinrich ist hellwach und klar. Er versteht, er begreift, sein Verstand arbeitet so präzise wie ein Uhrwerk. Doch sein Körper streikt! Er kann den Kopf bewegen, einen Daumen, kann ein bisschen essen. Mit den Augen macht er sich verständlich. Eine Schreibtafel, mit der mühsam Buchstabe für Buchstabe zusammen gefügt wird, hilft.
Barbara Frommherz-Heinrich lebt in einem Kosmos, der uns nur schwer zugänglich ist.
Und Glück definiert sie so: "Es ist ein großes Glück, dass mein Mann keinen Hirnschaden hat. Das Erfahren von Liebe, Respekt und wahrem Mitgefühl ist ein großer Segen. Es ist einfach wunderbar, wenn mein Mann über einen Witz herzhaft lacht."
Finanzmarktkrise? Auch hier kein Thema. Dafür aber kümmert sich Barbara Frommherz-Heinrich noch um andere Menschen. Hält Kontakt zu anderen pflegenden Angehörigen und gibt Hilfestellung. Denn was das Leben sie gelehrt hat in diesen letzten sieben Jahren, schafft keine Uni. Alles, was an privatem Geld da war, ist längst verbraucht. Auch sie kämpft um die nötigen Mittel, um halbwegs zu überleben, denn was sie leistet ist Schwerstarbeit rund um die Uhr. Und das ist hier die große Frage, die sich immer wieder stellt: Warum nur kann man pflegende Angehörige nicht besser unterstützen? Warum nur sind sie fast immer auf Spenden angewiesen? Wo sie doch Monat für Monat dem Gesundheitswesen eine Menge Geld ersparen! Gertrud Götz, die ihren Sohn seit 29 Jahren pflegt (wir berichteten) und Barbara Frommherz-Heinrich - zwei Frauen, zwei ähnliche Schicksale! Sie meistern sie.
Barbara Dickmann
