Über die geistige Intimität bei Paaren

Barbara Frommherz-Heinrich pflegt seit zehn Jahren ihren Mann

Barbara Frommherz-Heinrich erzählt, wie sie ihren Mann ohne Selbstaufgabe pflegt.
Bild: B. Dickmann

Barbara Frommherz-Heinrich findet den Mann ihres Lebens. Beruflich und privat sind sie eine Einheit. Dann kommt der Tag X. Am 18. September 2001 erleidet Dr. Michel Heinrich, bekannter Psychiater und Psychotherapeut aus Königsfeld, eine subdurale Hirnblutung, fällt ins Wachkoma, erwacht wieder und wird seitdem von seiner Frau zu Hause gepflegt. Ist das Schicksal, was ist das für ein Leben und wie schafft man das? fragten wir Barbara Frommherz-Heinrich, deren ungewöhnliche Biografie in der vergangenen ` typisch frau` erschien.

Hier ihre Antwort: „Schicksal sagt man, wenn man den Sinn nicht versteht. Ich glaube an eine tiefe Ordnung und verstehe jetzt, warum wir keine Kinder haben. Darüber bin ich heute froh, denn dann hätte ich mich entscheiden müssen zwischen den Kindern und meinem Mann. Doch ich hätte meinen Mann nicht in ein Heim geben können. Dafür teile ich den Alltag viel zu gerne mit ihm. Meine Überzeugung ist: Man muss das Schicksal annehmen und das Beste daraus machen. Ich weiß, das klingt trivial, es ist aber so für mich und meinen Mann. Und noch etwas lehrt mich unser persönliches Schicksal : Es gibt eine Intimität, die noch schöner und langlebiger ist, als die sexuelle. Es ist die geistig seelische Intimität, die man mit einem geliebten Menschen teilen darf. Das schönste ist aber, dass mein Mann wieder ganz wach geworden ist und wir wieder einen interessanten geistigen Dialog führen können - auch ohne gesprochene Sprache. Mit Buchstabentafel, mit Telepathie oder jetzt mit dem Sprachcomputer.. Natürlich ist unser Alltag manchmal sehr beschwerlich, doch ich würde meinen Mann jeder Zeit wieder heiraten, so wie er ist. Er ist ja nur körperlich ein Pflegefall. Wir haben ein interessantes geistiges Leben, das wir nicht hätten wenn er im Heim wäre. Noch heute rufen ehemalige Patienten an, denen mein Mann dadurch hilft, indem sie miterleben, wie tapfer er sein Schicksal trägt. Zehn Jahre lebten und arbeiteten wir in Stuttgart und neun Jahre pflege, therapiere und teile ich jetzt das

Leben mit meinem Mann in Burgberg. Wir haben viele gute menschliche Begleitung und erleben immer wieder wunderbare “überpersönliche Hilfe“. In der neunjährigen Begleitung meines stark körperbehinderten Mannes habe ich mehr und mehr verstehen gelernt, was folgende christliche Botschaft meint: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - ohne Selbstaufgabe.. Doch ich spüre, dass sich etwas verändern muss, denn ich komme heute an körperliche Grenzen, wie ich sie noch nie erlebt habe. Und ich habe vermehrt eine große Sehnsucht nach Stille. Ich bin auf der Suche nach der Lösung für die Zukunft. Ich bin gespannt auf das Leben und auf die Aufgaben, die noch auf mich warten. Was ich noch sagen möchte: Humor und angemessene Perspektiven nehmen meinem manchmal auch mühsamen Leben den schlimmsten Stachel. Wir halten es weiterhin durch, nein wir tragen es weiterhin. Unser und nur unser persönliches Schicksal mit der Einstellung, die Erich Kästner so schön ausgedrückt hat mit den Worten: Wird`s besser, wird`s schlechter fragt man sich alljährlich! Leben ist immer lebensgefährlich.“