Herbertle bleibt in der Familie

- 29 Jahre im Wachkoma dank Intensivpflege von Mutter Gertrud Götz | 22.09.2008 -

Die vertraute Hand, die liebevolle Stimme. Herbert heute, mit 41 Jahren und Gertrud Götz, seine Mutter. Bild: Sylvie Saverino-Vollmer

Herbert schläft! Sein Gesicht ist zur Wand gedreht. Was man sieht, sind braune, kurz geschnittene Haare und ein Drei-Tage- Bart. Unter der Bettdecke: Ein großer, sehr schlanker Männerkörper. Unglaublich schöne, feingliedrige Hände mit langen, gekrümmten Fingern. Die Hände eines Musikers? Die Hände eines Künstlers? Oder die Hände eines Architekten? Wir werden es nie erfahren...
Herbert wird wach. Jetzt dreht er den Kopf. Er öffnet die Augen. Große, dunkle, klare Augen, die nichts sehen. Herbert ist unruhig. Seine linke Hand bewegt sich. Dann hört er die Stimme: "Herbertle, mein Bub..." Herbert ist sofort ruhig. Seine Augen schauen jetzt genau in die Richtung. Sein immer leicht geöffneter Mund scheint zu lächeln. Er spürt die vertraute Hand. Die Hand, die ihn seit Jahren streichelt. Sie macht ihn glücklich.
Ich finde keine Worte. Es ist einfach nicht zu beschreiben. Dieser unendlich zarte, feingliedrige Mann, dessen Klein- und Großhirn eine leere Hülle ist, weckt Gefühle, die mir Tränen in die Augen treiben. Mein Gott!! Ich schäme mich. Wie konnte ich nur diese Frage stellen. Diese Frage nach dem Sinn eines Lebens, das aus künstlicher Ernährung, Schmerzen, Bewegungslosigkeit, Blindheit, Sprachlosigkeit und ohne die Fähigkeit zu Denken und zu Handeln besteht. Diese Frage, ob denn der Tod nicht die bessere Lösung wäre, als 29 Jahre Intensivpflege? Die ganz persönliche Antwort : Nein und nochmals nein!
Dieser zarte Körper, dieser Blick von Herbert, der unendliches Vertrauen, ja eigentlich grenzenlose Liebe ausdrückt, lässt jeden Gedanken daran ersticken. Jetzt verstehe ich Gertrud Götz, die Mutter. Ich verstehe die ganze Familie. Hier kann keiner Herrscher über Leben oder Tod sein. "Herbertle" bleibt in der Familie - solange er lebt. Solange es geht!
Gertrud Götz heiratet jung und wird Mutter von acht Kindern. Herbert ist der Zweitjüngste. Am 16. Oktober 1978 wird sie Witwe und verwaiste Mutter. Ihr Mann und ihr damals 18-jähriger Sohn verunglücken tödlich. Die Welt geht unter. Von einem Tag zum anderen steht sie allein mit sieben Kindern. Mit der Trauer im Herzen, mit einer kleinen Rente und der Angst im Nacken, dass sie das Haus nicht halten kann. Herbert ist damals zehn Jahre alt. Ein schlanker, ganz normaler Junge auf der Schwelle zur Pubertät, der versucht, mit dem Verlust des Vaters fertig zu werden.
Am 1. September 1979, dem letzten Ferientag und sechs Tage vor seinem Geburtstag, hat Herbert Stubenarrest. Draußen spielen viele Kinder und Herbert bettelt. "Mama", sagt er, "lass mich doch raus", und auch der Schwiegersohn will seinem kleinen Schwager helfen. "Nun lass ihn doch endlich!" Gertrud Götz gibt nach. Freudestrahlend rennt Herbert los, schnappt sich sein Fahrrad... Das sind die letzten Worte, die sie hört, das ist das letzte Mal, dass sie ihren Sohn aus eigener Kraft

Es ist das einzige Bild, das sie noch behalten halt. Herbert mit seiner Mutter als Kommunionkind. Bild: Privat

laufen sieht. 45 Minuten später geht die Welt zum zweiten Mal unter. Herbert wird von einem Auto erfasst, in die Luft geschleudert und Klein- und Großhirn werden bei dem Aufprall schwer verletzt. Herbert wird am zweiten Tag per Hubschrauber in die Uniklinik Freiburg eingeliefert, schon jetzt wissen die Ärzte, dass es hoffnungslos ist.
Gertrud Götz weint und weint. Noch heute macht sie sich Vorwürfe. Noch heute kann sie nicht darüber sprechen, ohne zu weinen. Immer wieder dieses Schuldgefühl. Warum habe ich Herbert nur rausgelassen! Und bis heute hat sie dem Fahrer des Autos nicht verziehen. Ganz im Gegenteil.

"Ich bin ehrlich", sagt sie unter Tränen, "immer ist er zu schnell gefahren und auch wenn er seine Strafe bekommen hat, ich hasse ihn!"

Was dann kommt, ist ein einziger Albtraum. Drei Jahre Hoffnung auf Besserung. Drei Jahre lebt Gertrud Götz aus dem Koffer - pendelt zwischen ihrem Haus in Wolterdingen und Spezialkliniken in Freiburg, Heidelberg und Neuenburg hin und her. Versucht, ihre sechs gesunden Kinder zu betreuen und Herbert nicht allein zu lassen. Nach fünf Jahren gibt sie endgültig auf. Die Diagnose: Herbert ist aus dem Wachkoma nicht mehr herauszuholen. Gertrud weint, während sie berichtet. "Von einem Krankenhaus ins andere ist die Hölle", sagt sie. "Ich hab lange überlegt, was ich jetzt machen soll. Und die Kinder und ich, wir haben dann gemeinsam beschlossen: Herbert bleibt bei uns."
Ganz am Anfang kann Herbert noch im Rollstuhl sitzen, doch das geht schon seit vielen Jahren nicht mehr. Herbert hat Muskelschwund, seine Knochen sind so schwach, dass sie bei der kleinsten Belastung brechen. Bewegen kann er nur noch seinen Kopf, sein rechtes Bein und seinen rechten Arm. Kontrolle hat er nicht darüber. Die ersten fünf Jahre kann Herbert noch gefüttert werden. Gertrud püriert ihn alles. Doch dann werden Kauen und Schlucken immer mühsamer. Entweder künstliche Ernährung oder Verhungern. Entweder weiter leben oder sterben! Gertrud muss nicht eine Sekunde darüber nachdenken.
Seit 24 Jahren wird Herbert jetzt künstlich ernährt, liegt Tag und Nacht im Bett. Einzige Abwechslung: Kurze Ausflüge

auf die Terrasse mit dem Rollbett, wenn die Mutter Hilfe hat. Seit 10 Jahren braucht Herbert Morphium, denn seine Gehirnkrämpfe sind sehr schmerzhaft. Spritzen reichen nicht mehr. Bis heute hat Herbert keine einzige Druckstelle. Rund um die Uhr wird er von Gertrud Götz betreut und umgelagert. Täglich kommt die Schwester von der Sozialstation für eine halbe Stunde um den Verband zu wechseln. Doch waschen und pflegen erledigt die Mutter selbst, sie braucht das Geld für die Dinge, die Herbert täglich braucht und die die Kasse nicht zahlt.
Auch bei Herbert versucht die Krankenkasse zu sparen. Vieles ist in den letzten Jahren gestrichen worden, doch Gertrud hat ihre Schwiegertochter zur Seite, die gemeinsam mit ihr kämpft und ihr die Behördengänge abnimmt, die immer wieder anstehen. Denn jedes Jahr muss alles wieder neu beantragt werden. Zum Beispiel Herberts Grundsicherung von € 204,-- im Monat und Gertrud Götzs Aufwandsentschädigung von € 323,-- im JAHR (und das ist kein Druckfehler). Kann man sich mehr Schwachsinn vorstellen? Außerdem bekommt sie monatlich € 652,-- Pflegegeld. Was wohl ein Heim kosten würde wollen wir nur kurz hinterfragen. Ein Beispiel: Pflegeteam Odenwald GmbH, Tagessatz ca. € 170 das sind ca. € 5.100 im Monat.
Gertrud Götz hat wenig Geld - wie alle Menschen in ihrer Situation. Sie kann ihren Enkeln nicht viel geben und oft genug springt eines der Kinder ein, wenn dringend etwas gebraucht wird. Sie ist eine stolze Frau. Sie weint wieder. Weil es ihr weh tut, Geld aus der Familie anzunehmen. Eine Stiftung anschreiben? "Ich geh nicht betteln", sagt sie. Zwei Menschen stehen ihr zur Seite. Es ist der Wolterdinger Pfarrer Werner Arnold und der Donaueschinger Arzt Manfred Walter. Beide kümmern sich um ihre Seele. Der Arzt kommt Tag wie Nacht, kommt am Wochenende und an Feiertagen, sobald Herbert Hilfe braucht. Und Pfarrer Arnold? Er war ganz jung und neu im Amt und Herbert war eines seiner ersten Kommunionkinder.
Gertrud Götz ist jetzt 71 Jahre alt. Sie schafft den Tag nicht ohne Medikamente. Ihre Psyche und ihr Körper sind einfach am Ende. Eine Kur würde sie sofort bewilligt bekommen, doch was ist dann mit Herbert. "Fünf Mal war er weg in all den Jahren", sagt sie," und immer war was anderes, musste ich wieder ein halbes Jahr schaffen, ehe wieder alles in Ordnung war!" Ihr größter Halt ist die Familie, sind die Kinder und Schwiegerkinder, ihre 21 Enkel und vier Urenkel. "Wenn die nicht wären, hätte ich mich schon längst umgebracht", sagt sie.
Herberts Zustand wird immer schlechter, das sieht Gertrud Götz, die examinierte Krankenschwester, nur zu genau. Jeden Tag, eigentlich jedes Mal, wenn sie in sein Zimmer geht, hat sie Angst, Angst vor seinem letzten Atemzug. Gertrud Götz war 41 als die Welt zu ersten Mal unterging. Sie war 42, als Herbert, ein ganz normaler Junge, sie verließ und als ein anderer wieder kam. 30 Jahre Tränen haben ihr Gesicht gezeichnet. Und die Frage, die sie quält, bleibt wohl ihr ganzes Leben lang unbeantwortet: Warum Herbert, warum ich und warum ist das Leben so ungerecht?
Auch für mich gibt es eine Frage, die nicht mehr zu beantworten ist: Was macht ein Leben lebenswert? Ist es der große Erfolg, die Liebe, die Schönheit, das Geld... oder ist es schon eine vertraute Stimme die leise spricht, eine liebevolle Hand, die einen bewegungslosen Körper streichelt?

Barbara Dickmann