Die Wohnung ist nicht klein - und doch fällt es schwer, sich einen Weg zu bahnen. Schon im Flur stapeln sich Kisten und Kartons, auch im Wohnzimmer sind die Ecken voll und jeder Zentimeter gut genutzt. Auf den Fensterbänken stehen Figuren und Skulpturen wie die Zinnsoldaten und dort, wo keine Möbel stehen, liegen Kissen für die Sonnenliege, Stoffe und Spitzen und, und, und...... Keine Frage, hier wird gerade gründlich ausgemistet oder steht vielleicht steht ein Umzug an?
Auf der Terrasse warten schon Kaffee und Kuchen, jede Menge Blumen und wieder Figuren und Skulpturen in Hülle und Fülle. Gabi M. (Name geändert), mein Gegenüber, entpuppt sich als sehr sympathische Frau um die 50, die viel erlebt und entsprechend viel zu erzählen hat. Eigentlich wollten wir uns in einem Cafe in Villingen treffen, das war ihr ausdrücklicher Wunsch, doch in letzter Minute hat sie umgeplant. "Haben Sie sich nicht darüber gewundert?" fragt sie. Nein, das habe ich eigentlich nicht, denn es gibt immer Interviewpartner, die lieber die Anonymität vorziehen, als ihr zu Hause zu offenbaren. "Wissen Sie denn, was ein Messi ist?" ist ihre nächste Frage und ich nicke. Na klar, wer hat nicht schon einmal die schockierenden Berichte im Fernsehen gesehen - Wohnungen, die einem Schlachtfeld glichen, vollgemüllt und verdreckt , mit verschimmelten Essensresten, schmutzigem Geschirr, das sogar noch in der Dusche gestapelt wurde. Und wenn noch Tiere dort lebten, lag in den Ecken womöglich noch Schlimmeres. Diese nicht gerade appetitliche Geruchsmischung von Schimmel, Urin und Kot schien förmlich durch den Fernseher zu dringen und nur schon Gedanke daran, lässt jeden Kaffeedurst verschwinden. "ch bin ein Messi", sagt mein Gegenüber jetzt und ich schaue sie entgeistert an. Doch dann sprudelt es weiter aus ihr heraus: "Deshalb wollte ich auch nicht, dass Sie zu mir kommen. Ich schäme mich einfach, weil es hier so unordentlich ist". "aber so schlimm ist es doch gar nicht...", stottere ich völlig verblüfft und erzähle ihr meine Messi-Visionen. "ch habe extra aufgeräumt", sagt Gabi M. und lächelt. Natürlich kennt sie diese Berichte auch, doch das ist nicht ihr Problem. Nein, Essensreste und Schmutz findet man bei ihr weiß Gott nicht, aber Andenken von ihren vielen Reisen, Geschenke, die sie schon zur Kommunion bekommen hat und Papier, Papier, Papier und nochmals Papier. Denn alles, was gedruckt ist, kann sie einfach nicht wegschmeißen - egal ob es ein Möbelkatalog oder eine Zeitung ist. Immer hat sie das Gefühl, es noch einmal lesen oder studieren zu müssen. Auch Einpackpapier, Schleifen, die auf Pralinen-
dosen sind, Silberpapier, Stoffe, einfach alles kann sie gebrauchen, will sie noch einmal irgendwann verwenden und hebt es auf. In Kisten und Kartons, die sich in der ganzen Wohnung stapeln. Mittlerweile kauft Gabi M. nur noch durchsichtige Kisten, damit sie sofort erkennen kann, was für Dinge darin liegen. "Und erst meine Video-Sammlung", sagt sie, denn ihr Interesse an historischen Filmen, Landschaften und fernen Ländern ist unendlich groß. Mittlerweile hat sie so viele Filme, dass sie mindestens 100 Jahre alt werden müsste, um sie alle noch einmal zu sehen. Doch Gabi M. nimmt weiter unverdrossen auf und überlegt, wohin sie die nächste volle Kiste stapeln kann. Selbst unter ihrem Bett ist schon kein Platz mehr, doch jetzt hat sie einen Entschluss gefasst. "Ich werde nur noch etwas neues aufnehmen, wenn ich gleichzeitig etwas altes überspiele", sagt sie, denn das ist einer der Tricks, mit denen sie versucht, ihr Problem in den Griff zu kriegen. Denn Gabi M. ist im Thema. Aus dem Stadium des Verdrängens ist sie heraus und mittlerweile hat sie schon einige Schritte unternommen, um aus dem Chaos herauszukommen.
"Ein Messi ist jemand, der unter massiven Problemen mit der Organisation von Zeit und der räumlichen Umgebung leidet. Diese Desorganisation ist fast immer mit dem Horten von wertlosen Gegenständen und der Unfähigkeit, Brauchbares von Unbrauchbarem, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, so definiert der Förderverein zur Erforschung des Messi-Syndroms FEM e.V. diesen Begriff. Einer der Ursachen können in der Kindheit begründet sein. "Ich habe als Kind nie Anerkennung oder Sicherheit gehabt. Ich musste meine Spielsachen verstecken, damit mein Vater sie nicht verschenkte und groß geworden bin ich eigentlich bei meinem Großeltern und in Pflegefamilien", erzählt Gabi M., die diese These kennt und eine Psychotherapie bereits hinter sich hat. "Das hab ich erst mal verkraften müssen", sagt sie, denn dieses Gefühl überhaupt nicht wichtig zu sein, begleitet sie schon ihr ganzes Leben. "Wenn sich Männer für mich interessierten, habe ich das oft gar nicht gemerkt, weil ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, dass sich jemand für mich interessiert", sagt sie nachdenklich und doch weigert sie sich, einfach nur den Eltern die Schuld in die Schuhe zu schieben. Gabi M.`s Messi- Probleme waren lange Zeit nicht sichtbar. In ihrer Ehe hatte sie nur eine kleine Ecke in der Wohnung für ihre persönlichen Sachen, in der das reine Chaos herrscht, doch als die Beziehung auseinander geht und sie ihre eigene Wohnung bezieht, ändert sich das schlagartig und ihre Sammelwut wächst ins Unendliche. Zuerst hat sie immer gedacht,
dass sie es alleine schafft, dass sie einfach einmal aufräumen muss, doch irgendwann, als der Leidensdruck zu groß wird, hat sie es vor sich selbst eingestanden. Gabi M. vereinsamt, seitdem sie alleine lebt. Einladungen schlägt sie aus, weil sie sich nicht revanchieren kann, weil einfach alles voll steht, kaum Platz zum Sitzen ist und sie sich dafür schämt. "Man verliert die Achtung vor sich selbst und das ist das Schlimmste", sagt sie. Und dann gibt es noch ein zweites Problem, was ihr zu schaffen macht. Oft kauft sie Dinge, die sie gar nicht braucht - und zwar aus Mitleid. Gabi M. gibt den Gegenständen zu viel Seele und dann passiert es, dass sie ein gelbes Kleid kauft, das sie gar nicht mag. Einfach so, weil ihr ein Kleid Leid tut - weil es kein anderer haben wollte.
Gabi M. ist intelligent. Sie kennt ihre Schwächen in- und auswendig. Die Therapie hat sie vorläufig abgebrochen, weil sich alles nur noch um das Messi-Problem drehte. Doch die Tipps, die sie bekommen hat, versucht sie konsequent umzusetzen. Sie hat sich ein Karteikartensystem ausgedacht, schreibt alles auf, was sie an Schätzen angesammelt hat. Besitzen hilft gegen mangelnde soziale Anerkennung und Akzeptanz. Wo fehlt`s bei ihr und wie kann sie es ändern? Und Gabi versucht, ihren Tag mit einer Arbeitsübersicht zu strukturieren, denn das Chaos sitzt auch manchmal im Kopf, Dann hat sie keine Lust auf nichts, ist unsicher und kein Vertrauen zu sich selbst und in ihre Fähigkeiten. Jeden Abend versucht sie, den kommenden Tag mit allen anfallenden Arbeiten und Aktivitäten zu planen und das gelingt immer öfter. Und egal ob Zeitschrift, Kleid oder Kochtopf - für alles, was sie neu kauft, wirft sie ein altes Stück weg. " Das ist die schlimmste Regel, die ich mir auferlegt habe", sagt Gabi M., doch absolut notwendig, damit sich nicht noch mehr ansammelt. Und dann will sie endlich ausmisten - Stück für Stück und Karton für Karton. "Ich bin so viel gereist", sagt sie zum Abschied " und viele Dinge, die ich habe sind wertvolle Erinnerungen oder haben eine besondere Geschichte. Das kann ich doch nicht einfach wegschmeißen?" Nein, das kann man auch nicht, doch irgendwann schafft sie es, die Berge von Möbelkatalogen und Zeitungen, das Silberpapier, die Schleifen von hunderten von Pralinendosen, die Stoffreste und, und, und..... einfach auf den Müll zu werfen. Am ehesten dann, wenn jemand da ist, dem das ziemlich schnuppe ist, denn unterhält man sich mit Gabi M., schaut man in ihre lebhaften Augen und hört man ihr zu, sind Kisten und Kartons sofort vergessen.
Barbara Dickmann
