Wenn der Lebenstraum in Flammen aufgeht

 

Karla Kreh hat wieder eine Kunstschule Bild: B. Dickmann

Sie weiß nicht mehr, wann es begann. War sie vier oder fünf Jahre alt oder sogar noch jünger? In jedem Fall war sie ganz früh da - diese Faszination, dieses Eintauchen in die geheimnisvolle Welt der Farben, der Bilder, der Kunst. Karla Kreh malt. Schon als Kind. Der Auslöser: Eine Kunstpostkarte, die sie jeden Tag anschaut. Die kleine Karla malt tagsüber und heimlich nachts. Sie täuscht Krankheit und Fieber vor, nur um in Ruhe zu malen. Doch es bleibt ihr Geheimnis, etwas, was sie nur für sich hat. Keiner kennt ihre Bilder. Ihre Bilder sind ihr ganz persönliches Tagebuch.
Doch irgendwann muss sie sich outen, wenn sie Kunst studieren will. Ihre Bewerbungsmappe wird analysiert und Karla muss sich zum ersten Mal mit ihren Bildern auseinandersetzen. Karla fühlt sich nackt, muss sich offenbaren und wird sofort aufgenommen. Sie lernt ihren ersten Mann kennen und nach Beendigung ihres Studiums geht sie mit Mann und Sohn nach Kassel.
Durch den Waldorf-Kindergarten zieht die Anthroposophie in ihr Leben ein. Karla absolviert die Ausbildung zur Waldorfpädagogin und hospitiert als Kunstlehrerin. Doch sie träumt von einer eigenen Kunstschule. Die Ehe geht in die Brüche. Karla zieht mit ihrem Sohn zurück nach Stuttgart und kämpft sich als Alleinerziehende durchs Leben. 15 Kurse an verschiedenen Volkshochschulen nebeneinander und immer dieser Traum im Hinterkopf. Karla malt jede freie Minute. Ihr Thema: Die Elemente, Feuer, Wasser, Luft, Erde. Ihr Hauptthema: Das Feuer. Ahnt sie etwas? Gibt es ein Schicksal, das vorbestimmt ist?
Karlas Ausstellungen sind erfolgreich - ihre Bilder kommen an. Sie arbeitet psychotherapeutisch, gibt Kreativkurse und ihr ´Traum von einer eigenen Kunstschule

nimmt immer mehr Formen an. Sie lernt Diet, ihren zweiten Mann kennen, der sie nicht bremst, sondern sie ermutigt. Sie schauen sich etliche Objekte an, fragen bei Gemeinden nach und irgendwann ist Hüfingen dabei mit einem ganz besonderen Haus. Ein altes Krankenhaus, ein historisches Gebäude, das unter Denkmalschutz steht. Karla und Diet planen: Ein Kunstschule mit Theaterraum, Töpferschule, Atelierhaus, Gästezimmern, die schon Kunstobjekte sind und, und, und ... ein Millionenprojekt. Und das Unwahrscheinliche geschieht - die Finanzierung wird bewilligt und Karla und Diet legen los. Jedes Detail wird exakt geplant, bis ins Detail fließt nicht nur viel Geld, sondern noch mehr Herzblut hinein.
Am 25.9.93 steht der Rohbau. Fast ein Jahr später, am 6. September 1994, haben sie es fast geschafft. Bis zur Eröffnung sind es nur noch wenige Wochen. Karla ist mit den Möbeln beschäftigt, Diet kümmert sich um das Haus, der erste Workshop ist geplant. Wie jeden Abend fallen sie müde ins Bett, ohne zu ahnen, was sich über ihren Köpfen zusammenbraut. Ein schweres Gewitter zieht auf und der Blitz schlägt ein. Karla und Diet werden unsanft geweckt - und sehen ihre Zukunft in Flammen aufgehen. Die Kunstschule brennt und ist nicht mehr zu retten. Fassungslos stehen sie davor. Da sind sie, die Flammen, das Feuer, das Motiv, das Karla immer und immer wieder gemalt hat. ,,Das war wie Krieg, nur bist Du da in der Mehrzahl und wir waren allein. Das war so eine Gewalt - ein Nichts bist Du daneben", auch heute kann Karla kaum in Worte fassen, was damals in ihr vorging.
1995 beginnt der Wiederaufbau - Karla und Diet haben keine Wahl als den Schritt nach vorn, vorhandene Verträge lassen keine andere Lösung zu. Das Brandgeld deckt gerade einmal 1/3 der kalkulierten Wiederaufbaukosten. Das Alte ist weg - es kann nur etwas Neues entstehen. Das Haus ist nur noch halb so hoch wie vorher. Sie bauen darauf auf und zusätzlich im Garten ein neues Haus für die Gästezimmer. Karla will kein Feuer mehr malen und doch kommt es immer wieder heraus.
Am 31.7.97, im halbfertigen Haus, fangen sie einfach an. Die ersten Workshops laufen und am 8.3.98 eröffnen sie das Restaurant. Karla und Diet kämpfen - doch sie verlieren. Das Geld ist zu Ende, die Bank gibt kein neues, sie müssen Leute entlassen und irgendwann geht gar nicht

mehr. Karla und Diet geben auf. Für eine Privatinsolvenz ist kein Geld da. Karla pendelt zwischen Luxemburg und Hüfingen und malt - Diet, von Beruf Softwareentwickler, findet immer wieder kleinere Aufträge. Karlas Kunst verändert sich. Am Anfang, nach dem Brand, werden aus einer Radierung nur ein paar Striche, wie Telegrafenmaste, die ins Unendliche führen. Eine ,,Frau im Brand" lässt sie in Tränen ausbrechen und danach gibt es nur noch graue und schwarze Bilder. Ihr Aufstieg aus der Asche dauert fast fünf Jahre. Irgendwann werden die Bilder wieder freundlicher, heller - irgendwann ist der Frühling wieder da. ,,Ich habe meine Zeit gebraucht", sagt sie. Heute hat Karla eine Kunstschule in Wolterdingen und Diet einen guten Job. Karla unterrichtet und malt, gibt Ausstellungen und führt Auftragsarbeiten aus. In Schiltach ist gerade eine ,,Kunstgarage" durch sie entstanden. Ein schlichter Baukörper, der durch farbige Köpfe aus Stahl zum Kunstwerk geworden ist. Der Folgeauftrag: Das historische, frisch sanierte ehemalige Krankenhaus von Schiltach, das in acht Eigentums-wohnungen umgewandelt wurde, soll einen künstlerischen Blickfang erhalten. ,,Eine schwierige Aufgabe", sagt Karla. Am kommenden Sonntag stellt sie ihre Kunstschule vor und die nächste Ausstellung eröffnet sie am 19. Juli.
,,Wir haben noch mal die Kurve gekriegt", sagt sie. Und ihre Beziehung hat nicht nur überlebt - sie lebt und ist intensiver als je zuvor. Karlas Kunst ist reifer und vielfältiger geworden, doch für welchen Preis? Karla hat gelernt, dass nicht alles funktioniert, was man machen will. Hat akzeptiert, dass es noch ein anderes Schicksal gibt, auf das sie keinen Einfluss hat. Sie hat versucht, einen Lebenstraum zu erfüllen und ist stolz, dass sie zu Zweit überhaupt so weit gekommen sind. ,,Vielleicht war ich zu ehrgeizig und vielleicht kommt es gar nicht darauf an, sich zu profilieren. Und vielleicht war es eine Übung für das Ende des Lebens, an dem man auch nichts mitnehmen kann," sagt sie. Karla weiß nicht mehr, wann die Faszination begann. Sie war ein kleines Mädchen. Es hat sie durch schwierige Zeiten geführt und es wird sie begleiten bis ans Ende ihrer Tage. Und es wird vielen Menschen etwas geben, wenn sie schon längst nicht mehr auf dieser Welt ist - ihre Kunst.

Barbara Dickmann