Sophie von la Roche - die Mutmacherin des 18. Jahrhunderts, die vergessen wurde.
Sie ist schön wie eine Mätresse, klug wie ein Gelehrter und schriftstellerisch innovativ. Sie spaltet die Gesellschaft in Bewunderer und Spötter. Auf Triumphe folgen Niederlagen. Und sie ist ehrgeizig. Sie dringt ein in männliche Reviere und lässt sich nicht wieder verdrängen. Sie ist Deutschlands erste Bestsellerautorin, gründet die erste Frauenzeitschrift, verfasst Reiseberichte und wagt einen Ausflug zum Montblanc - in einer Zeit, als es noch skandalös war, als Frau allein zu reisen. Keine Frage, Sophie von la Roche (1730 - 1807) war eine besondere Frau. Schlank und zart gebaut, eher groß als klein, befreundet mit Goethe, der sie in seinem 13. Buch als ,,wunderbarste Frau, und ich wüsste ihr keine andere zu vergleichen" bezeichnet, war sie viel mehr, als die Verlobte Wielands und die Großmutter der Brentanos. Doch haben Sie schon mal von ihr gehört? Sophie von la Roche, die schöne Hofdame, die die Bildung und das Selbstbild ihrer Geschlechtsgenossinnen verbessern wollte, ist längst vergessen.
Pünktlich zum 200. Todestag, am 18. Februar 2007, wird ihrer gedacht. Dr. Jeannine Meighörner, Journalistin, PR-Consultant aus Friedrichshafen (Tel. 07541-72705, www.blondundklug.de) lässt sie wieder lebendig werden. Sie begleitet Sophie an die Stationen ihres bewegten Lebens, führt uns an die Orte ihrer Kindheit und Jugend, an die Plätze höfischen Glanzes und an die Stätten ihres Erfolges. In ihrem Buch ,, Was ich als Frau dafür halte" (ISBN-10:3-86680-062-2 oder ISBN-13:978-3-86680-062-5, € 14,90) begleitet sie eine der faszinierendsten Frauen des 18. Jahrhunderts, die durchaus auch heute noch als ,Mutmacherin` fungieren kann. Hier eine kurze Zusammenfassung ihrer 122 Seiten starken Biographie:
Am Nikolaustag des Jahres 1730 wird Sophie in Kaufbeuren im Allgäu geboren. Sie ist das erste Kind des Arztes Georg Friedrich Gutermann und seiner Frau Regine. Gutermann ist Geburtshelfer, jede dritte Frau stirbt bei der Geburt, die hygienischen Bedingungen sind erbärmlich, Medizin ist eine Männerdomäne und Geburtshelfer nennt man ,,Weibermetzger". Sophies Erziehung würde man heute als pädagogische Früherziehung bezeichnen. Mit drei Jahren kann sie bereits lesen, in einer Zeit, als die Alphabetisierung der Frauen bei 10 % liegt. Sie erfährt viel Zuwendung und wächst in einem
Dr. Jeannine Meighörner, Journalistin aus dem 21. Jahrhundert lässt in ihrem Buch Sophie wieder aufleben.
protestantischen Haushalt mit festen Grundsätzen auf. Mit 13 Jahren begehrt sie zum ersten Mal auf. Sie hat genug von Handarbeit, Bibelstunde und französischer Konversation, sie sucht Bildung und findet sie in der Bibliothek des Vaters. Sie wird die Geliebte von Christoph Martin Wieland, doch heiratet mit 23 Jahren Georg Michael Frank, genannt la Roche - als .spätes Mädchen` und ziemlich überstürzt.
Sie landet im höfischen Mainz, das damals nach dem Vorbild Versailles ausgerichtet war. Der Mainzer Hof, als kulturelles und politisches Zentrum, bieten Sophie ungeahnte Bildungsmöglichkeiten. Als Hofdame verschafft sie sich Anerkennung. Man schätzt ihren Verstand und ihre Attraktivität. Im Mai 1755 wird ihr erstes von acht Kindern geboren, nur fünf überleben die Kleinkindphase. Allein ihr Leben als Mutter wäre ein Extra-Buch wert gewesen. Will sie doch wirklich Mutter sein, in einer Zeit, in der Babys von Ammen oder mit einer Mischung aus Kuhmilch, Brot, Eiern und Bier gefüttert und ausschließlich von ihnen betreut werden.
Sophie ist 17 Jahre verheiratet, als sie den gesellschaftlichen Abstieg erlebt. Sie wird schwermütig und muss sich neu definieren. ,,Der Grund meiner Seele ist voll Trauer", sagt sie. Die Ehe kriselt. Sie will keine Kinder mehr und ihr Mann akzeptiert diese Entscheidung zähneknirschend. Doch Sophie bewältigt die Krise mit ihrem ureigenen Allheilmittel, das ihr auch schon in ihrer Jugend geholfen hat. Sophie schreibt. Zwei Männer unterstützen sie und machen ihr immer wieder Mut. Ihr ehemaliger Verlobter Wieland und Johann Jakob Brechter, der Pfarrer von Bönnigheim. Die Lebenskrise einer ehemaligen Hofdame beschert Deutschland 1771 ,,das Fräulein von Sternheim", die Geschichte einer Frau die es schafft, trotz ihrer Zeit ihren Traumpartner zu finden. Bis heute ist das das Erfolgsrezept für Romanvorlagen. Im Mai 1771 erscheint der erste Teil und im September der zweite Band als Taschenbuch. Sophie beginnt ihre Laufbahn als ,,eine Freundin derselben aus Original-Papieren und anderen zuverlässigen Quellen gezogen", also anonym und ihr ehemaliger Verlobter tritt als Herausgeber auf - alles andere wäre undenkbar gewesen. Wieland vermarktet geschickt. Das Buch wird ein großer
Erfolg. Und als herauskommt, dass es von einer Frau ist, wird die Sensation perfekt. Die Kritiker reagieren verblüfft und dann erstaunlicherweise begeistert. Noch im Erscheinungsjahr erlebt die ,,Sternheim" drei Auflagen, bis 1785 noch weitere fünf. Der Roman wird ins Englische, Russische, Französische, Schwedische, Dänische und Niederländische übersetzt und ein wahrer Sternheim-Kult bricht los. Sophie ist vierzig Jahre alt und genießt ihren Ruhm. Sie wird zum Vorbild einer neuen Frauengeneration. Die Familie wird gesellschaftlich rehabilitiert und zieht in die Nähe von Koblenz. Sophie führt erstmals ein eigenes Haus, in dem auch Goethe häufiger Gast wird. Ihr Selbstvertrauen ist gestärkt, sie ignoriert die gängigen Verhaltensregeln und baut ihr Leben auf. Zuerst versammelt sie ihre Kinder um sich, veranstaltet einen Kongress nach dem anderen. Doch Sophie ist keine Heilige. Ihre Töchter verheiratet sie kaltherzig und macht sie unglücklich. Am 26. September 1780 fällt ihr Mann aufgrund einer Intrige in Ungnade. Notgedrungen bittet er um seine Entlassung - eine Katastrophe für die ganze Familie, die sie finanziell ruiniert. Doch Sophie plant den großen Wurf. Mittlerweile über 50 will sie ein Frauenmagazin herausbringen und als Verlegerin vertreiben. ,,Pomona für Teuschlands Töchter", soll es heißen. Sophie wagt viel. Ihr Motiv: Sie braucht Geld - Geld für die standesgemäße Ausbildung ihrer Kinder. Sophie hat konkrete Vorstellungen. Die Auflage soll bei 1.500 Stück liegen, was damals ziemlich hoch ist. Die ,Pomona` soll 100 Seiten stark sein und ein wahres Vermögen kosten, nämlich 4 Gulden und 30 Kreuzer Reichsgeld. Das ist der Monatslohn eines Kochs! Im Januar 1783 erscheint die erste Ausgabe. Das Magazin für Frauenzimmer ist frei von männlicher Berichterstattung und schlägt ein wie eine Bombe. Bis auf wenige Berichte schreibt sie den redaktionellen Teil alleine und hält zwei Jahre durch. Dann stellt sie ihr Magazin für Frauenzimmer wieder ein. Zu Hause gibt es Ärger, die Häme der Kritiker zermürbt sie und erste Absatzprobleme machen sich bemerkbar. Sophie plagt das Fernweh. Schon lange lebt sie mit der Sehnsucht nach neuen Horizonten. Sophie reist und so geschäftstüchtig wie sie ist, vermarktet sie die ganze Geschichte. Sophie schreibt Reiseberichte - wieder als erste Frau und wieder auf eine völlig neue Art. Doch die Familie geht oft vor. Sie pflegt ihren Mann bis zu seinem Tod, muss ihren Sohn Franz begraben und verliert viel Geld. Mit fast siebzig legt sie noch einmal los. In einer Zeit, in der einer Frau Handarbeiten und Küchendienst zustehen, präsentiert sie sich am Schreibtisch - hinter sich ein volles Bücherregal. Sophie stirbt im Alter von 77 Jahren, friedlich und bei vollem Bewusstsein (Quelle: ,,Was ich als Frau dafür halte"). Wir lernen durch Gespräche mit anderen Menschen und durch Bücher. ,,Was ich als Frau dafür halte", ist die Biographie einer Frau, die im 18. Jahrhundert lauthals verkündet, was sie von männlicher Bevormundung hält - aufgezeichnet und ausgezeichnet recherchiert von Jeannine Meighörner, einer Journalistin aus dem 21. Jahrhundert, die sie wieder lebendig werden lässt - mit all ihren Stärken und Fehlern.
Barbara Dickmann
