Mit einer Krankheit kann man leben - doch wenn Einsamkeit dazu kommt, wird es unerträglich. Bild: SK
Mitten im Regal, zwischen ausgesuchten Antiquitäten, kleinen Kostbarkeiten aus aller Welt und wertvollen, gebundenen Büchern steht ein kleiner, ziemlich ramponierter Blechelefant. Man sieht, dass er geputzt und poliert wurde und irgendwer hat versucht, die Farbe nachzutupfen. Doch schon neu war er nicht sehr teuer oder gar wertvoll. Und doch nimmt er einen besonderen Platz ein. Für ihn mussten die Antiquitäten zusammenrücken, mussten Platz machen, als ob dieses kleine, hässliche Ding etwas Besonderes wäre. Seine Geschichte liegt im Dunkeln. Vielleicht wurde er mal als kleines Mitbringsel von einer Reise gekauft, vielleicht für ein krankes Kind, vielleicht einfach so...Und irgendwann landete er auf dem Müll, wertlos und nutzlos geworden für seine Besitzer. Doch zwischen Papier und einer kaputten Tasse, entdeckt ihn ein 26jähriger, sehr kranker Mann. Der kleine Blechelefant wandert in seine Tasche.
Lars, so heißt der junge Mann, sitzt im Rollstuhl. Seit seiner Geburt leidet er unter dem Prune belly Syndrom (prune = engl. Back-Pflaume, belly = engl. Bauch/Unterleib), einer äußerst seltenen Krankheit. Lars hat überhaupt keine Bauchmuskulatur, sein Bauch gleicht einer runzeligen, getrockneten Pflaume. Lars hat nur eine kranke Niere, Missbildungen der ableitenden Harnwege, Bluthochdruck, Atembeschwerden, Toraxdeformation, Skoliose. Seit 1993 ist er nach einem Schlaganfall auch noch halbseitig gelähmt. Seitdem kann er keine Schule mehr besuchen. Lars braucht eine Diät und wenn das Geld nicht für zusätzliche Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel reicht, geht es ihm oft ganz schlecht. Doch Lars Kopf funktioniert. Er ist sehr intelligent. Er kann Englisch, Französisch und lernt ständig, wenn sein Körper halbwegs mitspielt.
Lars, war ein Wunschkind. Seine Eltern haben lange auf ihn gewartet. Doch vom ersten Tag steht fest, dass er nie ein
gesunder, kräftiger Mann werden wird, nie eine Familie gründen oder ein selbständiges Leben führen kann. Lars wird lebenslang Pflege brauchen und das rund um die Uhr. Lars Vater wird damit nicht fertig, die Ehe zerbricht und Lars Mutter übernimmt die Verantwortung alleine. Geld ist immer Mangelware. Lars und seine Mutter wohnen auf 35 qm. Die Möbel sind vom Sperrmüll. Lars hat ein eigenes Bett, seine Mutter eine Schaumstoffmatratze, die sie jeden Abend in die winzige Küche legt. Lars ist oft im Garten, das wichtigste an der Wohnung. Kontakte zur Außenwelt - gleich Null. Der nächste Discounter ist ein Fußweg von einer halben Stunde und nicht selten von Panikattacken begleitet.
Lars Mutter lebt nur für ihren Sohn. Sie ist selbst zu 60% behindert und hat gesundheitliche Probleme. Was werden soll, wenn sie nicht mehr kann, verdrängt sie einfach. Lars Mutter braucht nicht viel Geld. Sie jammert nicht, sie stellt keine Ansprüche, ihre Second-Hand-Klamotten reichen ihr. Doch als auch noch eine Zulage gestrichen wird, ist sie am Ende ihrer Kräfte. Sie weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Lars Mutter schreibt an eine Stiftung und bittet um Hilfe. Genau schreibt sie ihre Ausgaben und ihre Einnahmen auf, fügt Belege bei und Berichte der Ärzte. Und sie wird ganz mutig, als sie tatsächlich Antwort erhält. Denn der größte Wunsch ihres Sohnes ist die Verbindung zur Außenwelt - ist das Internet. Vielleicht wäre es ja möglich, ihrem Sohn einen günstigen, gebrauchten Laptop zu kaufen? Gerlinde E., die Vorsitzende einer Stiftung, die sich für Familien mit besonders schweren Schicksalsschlägen einsetzt, will noch mehr Zahlen. Sie prüft genau, bevor sie die Gelder der Stiftung ausgibt. Und irgendwie beschleicht sie ein seltsames Gefühl. Gerlinde E. leitet die Stiftung seit einigen Jahren, doch jetzt macht sie etwas, was sie noch nie getan hat. Sie setzt sich ins Auto und fährt hin. Sie will mit eigenen Augen sehen. Und ehrlich gesagt - sie ist geschockt. Was da auf Papier steht ist in Wirklichkeit nicht besser - eher viel, viel schlechter. Es ist nicht die Krankheit von Lars, damit kann sie gut umgehen. Es ist nicht die bedrückende Enge, die Armut. Es ist die grenzenlose Einsamkeit dieser zwei Menschen, die ihr zu schaffen macht. Keine Familie, keine Nachbarn, keine Freunde! Dieses ausgegrenzt sein vom Leben.
Es ist das klaglose Annehmen eines Schicksals, der Versuch das Beste daraus zu machen - in einer Gesellschaft, in der Gesundheit das höchste und Wohlstand das
zweihöchste Gut sind. In einer Welt, in der "Sozialschmarotzer" ein Schlagwort, das Fordern an Rundumversorgung durch den Staat gängiger Anspruch und ein Leben ohne Mallorca kein Leben ist, fühlt sie sich hier auf einer Insel. Gerlinde E. ist berührt und ihre Achtung vor dieser Frau und Mutter wächst. Keine Frage, die Stiftung wird einspringen. Doch wer jetzt meint, dass das große Geld wie ein Füllhorn ausgeschüttet wird, dass die Zukunft große Wohnung, Haushaltshilfe und, und, und... bedeuten, der ist schief gewickelt. Die Stiftung bezahlt das nötigste und besorgt einen Laptop für Lars. Der Sohn von Gerlinde E. - im gleichen Alter wie Lars - richtet ihn ein. Lars erstes Email geht an die Stiftung - geht an Gerlinde E. Einmal in der Woche haben Lars und seine Mutter jetzt Besuch. Jeden Mittwoch, so gegen 15 Uhr. Lars Mutter wartet dann, steht schon vor der Tür, um jede Minute auszukosten. Es ist nicht die zuständige Sozialarbeiterin oder eine bezahlte Helferin - es ist Gerlinde E. Manchmal bringt sie Kuchen mit, manchmal eine Kleinigkeit für Lars, meistens gar nichts, doch in jedem Fall zwei Stunden ihrer Zeit, zwei Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit, zwei Stunden Ansprache und Anregung. "Dass wir Sie kennenlernen durften, ist ein großes Glück", sagt Lars Mutter neulich und drückt dabei ganz feste ihre Hand. Gerlinde E. ist eine vielbeschäftigte Frau. Es wäre kein Problem gewesen, Betreuung einzukaufen. Doch so viel reine Freude, so viel kleines Glück und so viel Veränderung zu spüren, bereichert auch ihr Leben. "Es ist wirklich ein Geben und ein Nehmen - ich bekomme so viel zurück, ich mache das gerne", sagt sie. Lars hat jetzt einen Job. Für Gerlinde E. versucht er über ebay alles, was sie nicht mehr braucht, zu verkaufen. Und neulich war er sogar im Kino - im Heimkino. Gerlinde E. hatte eine DVD mitgebracht und natürlich Popcorn und Cola. Tja, und der Elefant ist natürlich ein Geschenk von Lars - gefunden auf dem Wertstoffhof, der schon Fundgrube für Tisch und Stühle war. Lars hat ihn wieder hergerichtet - in stundenlanger, tagelanger Arbeit und so gut es ging... Neulich war Gerlindes Freundin zu Besuch. Vor dem Regal mit den herrlichen Kostbarkeiten aus aller Welt bleibt sie plötzlich stehen und stutzt. ... Was willst Du denn damit, der ist ja hässlich wie die Nacht", sagt sie und nimmt den Blechelefanten mit spitzen Fingern aus dem Regal. Doch da wird Gerlinde richtig sauer. "Stell ihn sofort zurück", sagt sie, "das ist das Wertvollste, was ich je geschenkt bekommen habe".
Barbara Dickmann
