Draußen sitzt ein Papagei auf der Stange, der Hund schaut interessiert und wachsam und dass irgendwo im Stall noch ein Pferd wartet, rundet das Bild nur noch ob. In der Tür ihres Bauernhauses in Königsfeld- Weiler steht Hannelore Neumeyer, 56 Jahre alt, schlank, ja fast zerbrechlich und auf dem Esstisch wartet schon der Apfelstrudel. "Ich habe immer etwas im Haus, falls Besuch kommt", sagt sie. Was sie nicht sagt, ist einfach die Tatsache, dass sie nicht mehr so kann, wie sie will. Denn Auto fahren ist nicht mehr drin und Fahrrad fahren auch nur, wenn es ebene Strecken sind. Und wo gibt es die schon im Schwarzwald? Kontakte finden also bei ihr zu Hause statt und auch ihr Arbeitsplatz ist dort. Doch das war nicht immer so. Hannelore Neumeyer ist Designerin für Maschenware, hat nach ihrer Ausbildung als junge Frau in Reutlingen und München gearbeitet, Schnitttechnik studiert und sich dann selbständig gemacht. Ihr Hauptkunde war eine Firma in Hamburg und auf den großen Messen in Mailand und Paris war sie zu Hause. Als dann die Produktion nach Hongkong verlegt wird, eröffnet sie 1976 in Pfullingen ein Handarbeitsgeschäft als zweites Standbein. Für Zeitschriften strickt sie Modelle und liefert die entsprechenden Anleitungen und wer weiß? Vielleicht haben auch Sie zu Hause noch einen Pullover, den Sie selbst gestrickt haben, doch nach den Entwürfen von Hannelore Neumeyer. Im Januar 1986, nach 19 Jahren, schließt sie ihr Geschäft, weil die Kosten ihr davonlaufen und im März hat sie einen schweren Autounfall mit einer schwerwiegenden Folge: Hannelore kann nicht mehr stricken. Doch sie gibt nicht auf. 1988 holt sie sich ganz dünne Garne, eine Gerät zum mischen und zaubert die ungewöhnlichsten Farbkombinationen und entwirft die passenden Modelle. Das Leben ist wieder im Lot - auch wenn mit etwas weniger Power als vorher. Zwei Jahre später kann sie eines morgens nicht mehr aufstehen. Ihre linke Körperseite ist gelähmt und die Diagnose ist niederschmetternd. Hannelore Neumayer hat MS (Multiple Sklerose). "Natürlich gab es schon vorher Anzeichen, doch ich habe sie einfach ignoriert", sagt sie heute im Nachhinein. Einen Monat liegt
sie in der Uni in Freiburg, danach zwei Monate Reha in Bad Krotzingen mit dem Erfolg, dass die Lähmung langsam zurückgeht. Mit dem Stricken ist es nun endgültig vorbei, doch Hannelore greift zur Häkelnadel. Feine Gardinen und Tischdecken entstehen, die Bekannte und Freunde gerne kaufen. Mit ihrem Lebenspartner kauft sie 1992 ein Bauernhaus in Königsfeld-Weiler und mischt wieder ihre Garne für eine Firma. "Häkel mir doch etwas", wird sie immer wieder von den Freunden gefragt, die etwas Besonderes tragen oder verschenken möchten und Hannelore Neumeyer häkelt. Ganz allmählich beginnt sie damit und mittlerweile ist eine Kollektion daraus entstanden. Pullis für Babys und Kinder bis 5 Jahre und auch einige in Damengrößen hat sie angefertigt. "Häkeln hat den Tatsch von Bettjäckchen und Bettschuhen - von angestaubt und altmodisch", sagt sie, doch das sei nicht gerechtfertigt. Und schaut man ihre kleine Kollektion mit kritischen, modischen Blicken an, dann hat das nichts mit antiquiert zu tun. Zarte, ungewöhnliche Farbkombinationen und zeitlose Formen und weiß Gott keine Supermarktware. Zwischen 50 und 200 Euro kosten die Unikate, was nicht gerade preiswert ist, doch rechnet man Material und Arbeitszeit dagegen, sieht es schon anders aus. Denn trotz MS schafft sie es, täglich zwei Stunden zu häkeln, vierzig Arbeitsstunden stecken in jedem Pullover und so dauert es einen knappen Monat, bis ein ungewöhnlich schönes Stück fertig ist.
Ihre Krankheit hat Hannelore Neumeyer gut im Griff. "Es gibt so viele Formen von MS", sagt sie, ,, man muss sich nur nicht hängen lassen." Sie kennt ihre Grenzen ganz genau und doch muss sie immer ein bisschen darüber hinausgehen. "Körperliche Arbeiten, bei denen ich viel stehen muss, sind sehr schwierig", doch mit dem Hund geht sie immer raus. Wenn die Schmerzen zu groß sind, greift sie zum Schmerzmittel und mittlerweile hat sie auch Medikamente gefunden, die sie ziemlich gut vertragen kann, doch das war nicht immer so. "Mit den Spritzen hatte ich mehr Nebenwirkungen als Erleichterung und manche Medikamente gingen auf die
Leber", berichtet sie. Hannelore Neumeyer kennt ihre Grenzen ganz genau und doch geht sie immer darüber hinaus. "Ich kann auch harte Gartenarbeit erledigen und halte mein Haus ganz allein in Ordnung", sagt sie, denn diese Erfolgserlebnisse braucht sie einfach für sich selbst. Die Schmerzen kommen dann in der Ruhephase, doch das ist ihr egal. "In den Rehakliniken habe ich so viel gesehen, doch ich will mich nicht hängen lassen, mir geht es gut, auch wenn ich genau weiß, dass ich im Rollstuhl landen kann!" Es ist kein Verdrängen, sondern eher ein Auseinandersetzen mit der Krankheit und der feste Wille, ihren Körper zu trainieren. "Mit Konzentration kann man viel machen", erzählt Hannelore und Konzentration ist praktisch den ganzen Tag angesagt. Ist der Weg uneben muss sie beim Laufen genau hinschauen und wenn sie mit der linken Hand arbeitet, muss sie genau darauf achten, sonst fällt ihr alles hin. "Das geht irgendwann in Fleisch und Blut über", sagt sie, auch wenn der Schock nach der Diagnose für sie, die noch nie krank war, sehr groß war. Wenn die Schmerzen zu stark werden, lenkt sie sich ab und wenn das nicht mit Arbeiten geht, dann schaut sie sich ihre Garne an, denn diese besondere Farbkombination kann keine Maschine allein herstellen.
Vermarktungshilfe gesucht
Hannelore Neumeyer kann die herrlichsten Farben mischen, die zartesten Muster häkeln und kennt sich in Konfektionsgrößen aus. Doch eins kann sie nicht und das ist verkaufen. Doch vielleicht ist das gerade ihre Stärke, liebe Leserinnen und Leser, vielleicht haben Sie das richtige Vermarktungskonzept, ein Geschäft oder einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Gerne würde die gelernte Designerin für Maschenware nicht nur auf Bestellung arbeiten, sondern auch Kurse geben. "Die Sachen herzustellen und Farben zu mischen macht mir viel mehr Spaß als zu verkaufen", sagt Hannelore Neumeyer, doch das eine ist nun mal mit dem anderen verbunden und hier ihre Telefon-Nummer, falls Sie eine Verkaufsidee haben: 07725/5473. ck.
Barbara Dickmann
