Eine einsame, alte Frau auf der Parkbank, in Rente und ohne Aufgabe - ein trauriges Bild. Bild: Privat
Unter Kaiser Wilhelm II. wird 1916 das Renteneintrittsalter für Arbeitnehmer auf 65 Jahre gesenkt - und Gerti L. wird geboren. 2002 sehen wir Gerti L. (Name geändert) zum ersten Mal. Zart und klein, etwas gebeugt, läuft sie durch ein Lokal, in dem wir nur schnell etwas essen möchten. Es wird unser Stammlokal. Und jedes Mal, wenn wir auch da sind, ist Gerti da. Immer im direkten Weg von der Küche zu den Hotelzimmern. Mal mit einem Wäschekorb bewaffnet, mal mit dem Putzeimer in der Hand. Kommen wir so gegen 14 Uhr, sitzt sie immer mit der Wirtin zu Tisch. Ihr Essen: Etwas Gemüse oder Salat, ein paar Kartoffeln, ganz wenig Fleisch. Alles andere verschmäht sie und mit Pommes Frites oder Pizza kann man sie jagen.
2009 sprechen wir sie an. Sie interessiert uns. Warum arbeitet diese Frau? Denn dass sie älter ist als 65, liegt auf der Hand - doch ihr wahres Alter lässt sprachlos werden. Gerti L. ist 93 Jahre alt, hat somit ihr "Renteneintrittsalter" um schlappe 28 Jahre überschritten und arbeitet jeden Wochentag. Von morgens um 6 Uhr bis am Abend. Sie macht Feierabend, wenn sie fertig ist, manchmal um 15 Uhr, manchmal um 17 Uhr, manchmal um 18 Uhr. Dann geht sie nach Hause, zieht sich um, versorgt ihren großen Garten, ihr Haus, liest die Zeitung. Sie hat viele Bücher, doch kein Radio, kein Fernsehen. "Das ist nicht gut, immer diese furchtbaren Nachrichten", sagt sie und außerdem habe sie dafür keine Zeit. Nein, nein, nähen auf ihrer Nähmaschine sei ihr viel wichtiger. Schließlich habe sie immer alles selbst genäht. Und außerdem sind Gertis Rosen berühmt in der ganzen Nachbarschaft. Auch ihr Schleierkraut und ihre Silberdisteln - das braucht einfach Zeit.
Gerti geht es gut. Sie hat weder Schmerzen, noch Zipperlein, dafür lustige Augen, wenig Falten und einen sonnigen Humor. Gerti ist gerne allein und hat ihre eigene Philosophie. Das Essen heute könne ja nur krank machen, sagt sie. Einmal habe sie eine Lungenentzündung gehabt und sonst? Ja sonst eigentlich nie etwas und dabei war sie wirklich nicht auf Rosen gebettet.
1916, als Gerti geboren wird, herrscht Krieg. Sie ist die Zweitälteste, noch dreizehn Geschwister werden nach ihr geboren. Die Familie besitzt einen großen,
Gerti lebt alleine, ist alt, arbeitet jeden Tag und ist glücklich und zufrieden - genau so wie diese Frau hier auf dem Bild. Bild: sxc.hu
landwirtschaftlichen Betrieb. Neben der Schule müssen alle Kinder mithelfen. "Die Eltern waren sehr streng, aber sehr liebevoll und immer für uns da", sagt sie. Gerti lernt gerne, wird erwachsen und beginnt die Ausbildung in einer Hauswirtschaftsschule, über zweihundert Kilometer entfernt von zu Hause. Sie ist gerade 22 Jahre alt, als die Mutter stirbt und der Vater sie nach Hause holt. Neun von ihren 13 Geschwistern müssen versorgt werden, der jüngste Bruder ist sieben Jahre alt. Gerti kommt sofort und zieht sie alle groß.
1939 beginnt der zweite Weltkrieg. Vier Brüder und der Vater werden eingezogen, ein Bruder bleibt im Krieg, der zweitälteste wird verwundet. Gerti managt Landwirtschaft, Kindererziehung, Haushalt - ohne Waschmaschine, ohne Melkanlage. Eine zarte, zähe, junge Frau. 1958, als alle Geschwister auf eigenen Füßen stehen, sucht Gerti wieder Arbeit. Das Hotel am Ort sucht eine Hauswirtschafterin. Gerti steigt ein. Ihre heutige Chefin sieht sie zum ersten Mal als Kleinkind. Später richtet sie ihr die Vesperbrote für die Schule. Sie sind berühmt im ganzen Ort. Keiner packt so viel Wurst zwischen zwei Brote wie die Gerti...
Viele Jahre später schmiert sie wieder Vesperbrote. Diesmal sind es die Kinder ihrer Chefin, die morgens auf dem Weg zur Schule durch die Hotelküche sausen... Und irgendwie ist die Zeit vergangen. Ein Jahr, folgt dem nächsten. Ihre Geschwister haben Familien gegründet, haben Kinder bekommen, Enkelkinder und mittlerweile Urenkel. Gerti hat sie alle begleitet, viele von ihnen mit großgezogen. Doch eigene Kinder, einen Mann? Gerti verneint. "Es ist einfach nie der Richtige gekommen", sagt sie. "Vielleicht hatte ich auch keine Zeit". Doch dann erzählt sie. Alle Kinder, Enkelkinder und Urenkel sind etwas geworden. Keiner sei auf der Strecke
geblieben. Keine Drogen, dafür aber Lebensläufe, die sich sehen lassen können. Sie leben in Frankreich, in der Schweiz und kommen oft. Sonntags ist Gerti nie allein.
Gerti bekommt eine Rente. Sie muss nicht arbeiten, doch sie will. "Arbeiten macht Freude", sagt sie. Und wenn dann am Abend alles erledigt ist, könne man doch erst richtig zufrieden sein. Gerti hat viel erlebt in ihren 93 Lebensjahren. Der Krieg mit all seinen Schrecken. Die Judenverfolgung steckt ihr heute noch in den Knochen. "Man hat doch alles mit ansehen müssen, man hat gar nicht helfen können", sagt sie. Und was eine Hyperinflation ist, kann Gerti sehr genau erklären. "Wir leben in keinen schönen Zeiten", sagt sie. Und eine gewisse Furcht steckt immer noch in ihr. "Von früher", sagt sie, " von der Zeit, als sie uns alles abgenommen haben, um den Krieg zu gewinnen..." Doch mehr will sie nicht sagen und diskutieren will Gerti erst recht nicht. "Das bringt doch alles nichts". Gertis Lebensphilosophie ist einfach: "Ich habe immer solide gelebt, nicht gestänkert, selten gestritten und mich immer nach dem Schönsten gerichtet. Das hat doch keinen Wert, wenn man sich immer rum streitet! Man kann sich doch auch einigen. Dann macht man einen schönen Witz und dann ist wieder alles in Ordnung."
2009 ist die schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre beschlossene Sache. Darüber kann Gerti nur lachen. Sie hat beschlossen, ihr Arbeitsaustrittsalter zu erhöhen. Vielleicht auf 95 Jahre? Vielleicht auf 97 Jahre? Gerti weiß es nicht. Sie weiß nur eins. Sie wird arbeiten, solange es geht. Warum? Weil es ihr Freude macht, ihr Bestätigung gibt, sie ausfüllt und zufrieden macht.
Balance das Beste?
Wie gesagt, Gerti ist zart und zäh, mit lustigen Augen, einen freundlichen, zufriedenen Gesicht und sieht mit ihren 93 Jahren mindestens so gut aus, wie andere Frauen, die viel jünger sind und ihre Tage ausschließlich im Fitnesscenter, auf Mallorca oder bei der Kosmetikerin verbringen. Was jetzt keine Wertigkeit sein soll. Ganz im Gegenteil, gerade Urlaub ist eine wunderbare Angelegenheit, ein Fitnesscenter hat durchaus seine Berechtigung und drei Stunden Massage, Reinigung und Pflege bei der Kosmetikerin sind ein wahrer Genuss. Doch wenn man Gerti ziemlich oft sieht, stellen sich einfach folgende Fragen: Bringt die viele Freizeit (Kosmetikerin und so...) wirklich so viel mehr Lebensfreude und Zufriedenheit als ein ausgefülltes Arbeitsleben? Oder ist es genau umgekehrt? Sind wir vielleicht zum Arbeiten geboren? Oder ist der goldene Mittelweg, die Balance zwischen Arbeiten, Leben und Erleben das Beste? Was meinen Sie? Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Wie immer per Telefon, per Email oder per Post.
Barbara Dickmann
