Vom Verlierer zum Gewinner

- Ein Held und Stolz der Familie - (Teil 2/2) -

Aus dem Familienalbum: 17. März 2005 - Noah ist geboren und Pascal übernimmt Verantwortung, beginnt eine Lehre und schließt sie erfolgreich ab. Bild: Privat

Pascal hinkt immer hinterher und bringt seine Mutter zur Verzweiflung. Sie will doch nur das Beste für ihn. Und das heißt Abitur und Studium. Doch der Junge spielt nicht mit. Schlechter Hauptschulabschluss, rumhängen , abgebrochene Lehre, keinen Job. Dann wird seine Freundin schwanger und Pascal kriegt die Kurve. Er beginnt eine Lehre, hält durch und wird im Februar 2007 zum zweiten Mal Vater eines Wunschkindes. Mit 23 Jahren hat er sein Leben im Griff. Dann erkrankt seine Mutter an Krebs und stirbt innerhalb von fünf Monaten mitten in den Abschlussprüfungen. Pascal begleitet seine Mutter bis zur letzten Minute und besteht. Treu an seiner Seite: Steffi, seine Lebensgefährtin. Das war der Stand im Oktober 2007. Wie geht es weiter mit dem jungen Paar?
2008 ist überschattet mit der Trauer um die Mutter. Sie war der Dreh- und Angelpunkt, war glücklich mit ihren Enkelkindern und oft genug der ruhende Pol. Die ganze Familie muss erst einmal Luft holen, erst einmal begreifen, dass sie nicht mehr da ist.
Juni 2009: Pascal und Steffi haben das kleine Haus, in dem sie gemeinsam mit der Mutter wohnten, geerbt. Die obere Etage ist eine Baustelle. Es werden einmal die Kinderzimmer von Noah und Maurice, den beiden Söhnen werden. Immer, wenn etwas Geld übrig ist, kaufen sie Material und bauen weiter. Keine Schulden - darin sind sie sich einig. Pascal will noch ein paar

Jahre Berufserfahrung sammeln und sich dann weiterbilden - Getreidetechnologie für das Bäckerwesen interessiert ihn sehr. Steffi ist zu Hause bei den Kindern. Ihr Ziel ist es, einmal Tagesmutter zu werden. Noch in diesem Jahr wollen sie heiraten. Ihre Kinder sollen in einer richtigen Familie groß werden und sich frei entwickeln können. Ob sie mal Abitur machen werden? Studieren? Klavier spielen? Pascal lächelt nur dazu. Wenn sie es wollen, gerne. Und wenn nicht, dann nicht!
5. Juni 2009, so gegen 18 Uhr. Es ist ein Abend wie jeder andere. Pascal will noch schnell zur Tankstelle. Doch irgendwie scheint alles seltsam. Kein Mensch ist zu sehen, Pascal steigt aus und traut seinen Augen nicht. Durch die Fenster sieht er umgestürzte Regale, alles ist übersät mit Bier- und Weinflaschen. Auf dem Boden liegt ein älterer Mann. Über ihm beugt sich eine Gestalt, ein Messer in der Hand. Jetzt hebt er den Arm - bereit zum Zustechen. Es ist, wie in einem schlechten Krimi. Pascal rennt los, hechtet über die Theke, fällt ihn von hinten an, knickt ihm die Hand ab, drückt ihn auf den Boden und haut ihm mit der Faust auf die Schläfe, immer wieder. Pascal schreit und schreit....Warum hört ihn denn keiner? Nach schier endlosen Minuten eilt ihm ein Mann zur Hilfe. Pascal ruft die Polizei an und geht. Er hat gerade einen lang gesuchten, 34jährigen Schwerverbrecher überwältigt und ein Leben gerettet.
Er zittert am ganzen Körper, will nur noch nach Hause und seine Familie sehen. „Kein Wort hat er davon gesagt“, erzählt Steffi, „er hat uns nur einfach in den Arm genommen!“
Für seine außerordentliche Zivilcourage ist er bereits geehrt worden. Es ist eine unglaubliche Geschichte. Es ist der Stoff, aus dem die Helden sind. Mensch Pascal, Deine Mutter hatte völlig Recht. Du bist der Stolz der Familie geworden. Du bist intelligent auf so vielen Ebenen. Du leistest so viel. Du bist einfach super! Wie gerne wäre sie jetzt bei Dir.

Was Pascal dazu sagt:

Das Thema ist brandaktuell. Wenn Du kein Abitur machst, kein Studium, dann wirst Du nichts im Leben. Das ist das Bild unserer Gesellschaft, das Erziehungsziel vieler Eltern, die es ja wirklich nur gut meinen. Doch nicht jeder, der einen Hauptschulabschluss hat, steht deshalb auf der Verliererseite. Hier die Meinung von Pascal: „Eigentlich habe ich schon immer gewusst, was ich wollte, habe schon immer gewusst, dass Schule einfach nicht mein Ding ist. Doch ich habe es immer wieder versucht. Meinen Eltern zuliebe und ganz besonders für meine Mutter. Sie hat sich doch so bemüht. Ist dafür arbeiten gegangen, dass sie ihren beiden Jungen etwas bieten konnte.
Auch mit dem Klavier spielen konnte man mich jagen. Sport, dass war immer mein Ding und etwas praktisches. Die erste Ausbildung ging in die Hose, doch die zweite Ausbildung als Bäcker, die ich mir dann ganz allein überlegt habe, war genau das Richtige. Als dann meine Freundin schwanger wurde, war das ein großer Schock. Doch dadurch bin ich wach geworden und habe mir gedacht, du machst jetzt dein eigenes Ding und lässt dich nicht mehr beeinflussen. Als meine Mutter dann so krank wurde, war das selbstverständlich, sie zu pflegen und zu begleiten. Und die Sache mit dem Tankstellenbesitzer, der da so hilflos und voller Angst auf dem Boden lag? Da habe ich gar nicht überlegt, da muss man doch einfach helfen! Im Nachhinein ist mir dann schon ein wenig anders geworden. Grundsätzlich finde ich, dass Eltern viel Zeit mit ihren Kindern verbringen sollten und das Geld nicht so wichtig ist. Als Bäcker verdient man ja nicht gerade viel. Was ich mir wünsche ist ganz einfach: Ich möchte, dass wir alle gesund bleiben und das mein Bruder uns so oft wie möglich besucht. Denn die Kinder hängen so an ihrem Onkel, der in London lebt“.

Barbara Dickmann