Lebensbejahend gestorben

- Randy Pauschs Buch "Last Lecture, die Lehren meines Lebens" -

Randy Pausch mit seiner Familie. Bild Copyright: Laura O' Malley Duzyk

Lebe deine Träume! Das ist das Lebensmotto von Randy Pausch, Jahrgang 1960 und Professor für Computer-wissenschaften, Mensch-Computer- Interaktion und Design an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania. Er ist Vater von drei kleinen Kindern und verheiratet mit seiner Traumfrau schlechthin. Im Sommer 2006 empfindet er einen leichten, unerklärlichen Schmerz in der oberen Bauchgegend. Kurz darauf bekommt er Gelbsucht. Die Ärzte vermuten eine Hepatitis. Die Computer-tomografie enthüllt jedoch Bauchspeichel-drüsenkrebs, und Randy braucht nur zehn Sekunden zu googeln, um herauszufinden, wie schlecht diese Nachricht ist. Die Hälfte aller Menschen, bei denen er diagnostiziert wird, stirbt binnen eines halben Jahres, von den übrigen sterben 96 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Randy Pausch will leben. Er riskiert eine komplizierte Operation, hochgiftige Chemo und tägliche Bestrahlung. Er magert ab, kann kaum noch laufen und ist total geschwächt.
Im Januar 2007 zeigen die Scans keinen Krebs mehr. Allmählich kommt er wieder zu Kräften. Doch schon vor Beginn der Behandlung wird er gebeten, die "Last Lecture" zu halten, die an vielen Universitäten von Amerika eine Tradition ist. Professoren werden gebeten, eine Vorlesung zu halten, als wäre es ihre letzte, in der sie ihren Studenten die Quintessenz ihres wissenschaftlichen Lebens vortragen. Randy Pausch sagt zu, voller Zuversicht und Lebenswillen.
Am 15. August 2007 ist die Routine-Untersuchung fällig. Das Ergebnis: Zehn Metastasen in der Leber, es gibt keine lebensrettende Behandlung mehr, sondern nur noch Mittel und Wege, um ihm seine

verbleibende Zeit so angenehm und aktiv wie möglich zu gestalten. Es ist einfach grauenvoll. Wie lange noch? Etwa drei bis sechs Monate bei guter Gesundheit! Randy hätte jetzt die Vorlesung absagen können. Jeder hätte das verstanden. Plötzlich gibt es so viel Wichtigeres zu tun. Randy braucht seine Kraft, um die Ange-legenheiten seiner Familie in Ordnung zu bringen. Doch Randy kann einfach nicht. Er ist fast besessen von der Idee, eine Last Lecture zu halten, die wirklich seine letzte sein würde.
Seine Frau ist entsetzt. Er soll seine kostbare Zeit lieber mit den Kindern verbringen oder wenigstens mithelfen, das neue Haus einzurichten, denn als ersten Schritt sind sie von Pittsburgh in südöstliche Virginia gezogen - in die Nähe der Familie, damit seine Frau und die Kinder nach seinem Tod Unterstützung haben. Doch Randy, der schon so oft brillante Reden gehalten hat, hat diesmal das Gefühl, dass da viel mehr dahinter steckt. Er weiß, dass er den Menschen etwas Besonderes anbieten kann und er will diesen letzten Akt seiner Karriere. Und er will sich von seiner "Arbeitsfamilie" verabschieden. Will viele Menschen, die ihm etwas bedeuten, noch einmal sehen. Und gleichzeitig gibt ihm diese Last Lecture die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was ihm am meisten bedeutet und die Chance, noch einmal alles zu tun, was ihm auf dem Weg a u s dem Leben möglich ist.
Und Randy will es noch mal zeigen. Er will noch ein letztes Mal auf den Putz hauen. "Ein verletzter Löwe will wissen, ob er noch brüllen kann", sagt er zu seiner Frau. Es geht um Würde und Selbstachtung. Es geht um seine Hinterlassenschaft an die Kinder, die erfahren sollen, wer ihr Vater war, wie ihr Vater war, denn eine Last Lecture wird immer aufgezeichnet. Der angesetzte Termin ist der Tag nach dem 41. Geburtstag seiner Frau. Er muss also an ihrem letzten Geburtstag, den sie gemeinsam feiern können, fliegen. Trotzdem! Jai, seine Frau, gibt grünes Licht - ihr sterbender Showman soll seinen letzten Auftritt haben.
Randy steht vor einer Herausforderung. Er weiß nur, worüber er nicht reden will. Nicht über Krebs und nicht über das Sterben. Randy will über das Leben reden. Über das, was ihn einzigartig macht, was ihn unterscheidet von allen anderen Menschen. Randy ist Lehrer, Wissen-schaftler, Ehemann, Vater, Sohn, Freund, Bruder, Mentor seiner Studenten und Randy hat Krebs. Jede dieser Rollen schätzt er, doch was unterscheidet ihn von anderen Menschen? Was hat er wirklich allein anzubieten?
Und im Wartezimmer eines Krankenhauses weiß er plötzlich die Antwort. Was auch immer er erreicht hat

im Leben, war die Folge seiner kindlichen Vorlieben, waren die Träume und Ziele seiner Kindheit und vor allen Dingen - deren Erfüllung. Ja Randy hat es tatsächlich geschafft, diese Träume zu erfüllen, sie auszuleben. Im Wartezimmer dieses Krankenhauses weiß er auf einmal, dass er ein rundherum glücklicher Mann ist.
Randy versucht beides - die Vorlesung vorzubereiten und sich um seine Familie zu kümmern. Jai, seine Frau, will nicht zu seiner letzten Vorlesung mitkommen, doch Randy bedrängt sie. Er braucht sie. Er will sie dort haben. Am 17. September 2007, an Jais 41. Geburtstag fliegt er mittags um zwei los. Es ist der erste Tag von vielen, den sie ohne Randy verbringen muss. Am nächsten Morgen, dem Tag der Vorlesung, wird sie nachkommen. Randy ist nervös, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Um halb zwei nachmittags, wird das Computer Lab auf dem Campus, auf dem er den größten Teil seines Lebens verbracht hat, auf seinen Namen getauft. Randy ist vollkommen erschöpft. Dann geht es los.
Jai ist bereits im Saal und mit ihr über vierhundert Menschen. Randy reißt ein paar Witze und zeigt das erste Bild. Es ist seit CT-Scan. Und mit hilfreichen roten Pfeilen versehen, zeigt es jeden einzelnen seiner zehn Tumore. "Okay", sagt er, "das ist die Realität. Wir können sie nicht ändern. Wir können nur bestimmen, wie wir damit umgehen. Wir können nichts an den Karten ändern, die wir bekommen, nur an dem Spiel, das wir mit diesem Blatt machen." In diesem Moment fühlt er sich gesund. Ganz der alte Randy. Mutig und stark, er schmeißt sich auf den Boden und macht Liegenstützen. Da steht nicht einfach irgendein Sterblicher, da steht Randy Pausch, der Mann, der seine Kindheitsträume wahr gemacht hat...
Randy Pausch beschließt seine letzte Vorlesung mit einer Geburtstagstorte für Jai, seiner Frau. Und über vierhundert Menschen singen: "Happy birthday, dear Jai!" Es ist wunderbar und jetzt schaut Randy seine Frau an. Sie sitzt in der ersten Reihe und wischt sich mit einem Lächeln auf dem Gesicht die Tränen weg. Er winkt sie zu sich und als sie ihm entgegen kommt, überwältigt es beide. Sie nehmen sich in die Arme und küssen sich. Die Menge applaudiert, doch die beiden Menschen hören sie nicht einmal. Jai flüstert etwas in sein Ohr. "Bitte stirb nicht", sagt sie.
Anfang Juli 2008 erscheint die deutschsprachige Ausgabe von "Last Lecture, die Lehren meines Lebens"(ISBN 978-3-570-01049-5). Wenige Tage später ist Randy Pausch tot. Schon heute ist das Buch ein Bestseller. Lebensbejahend, ehrlich, inspirierend und voller Hoffnung - mehr darüber in der kommenden "typisch frau".

Barbara Dickmann