Wenn sich der Kreis des Lebens schließt

- Der todkranke Randy Pausch schreibt ein letztes Buch: "Last Lecture - die Lehren meines Lebens" - Ein glücklicher Mensch -

Erfülle deine Träume - vielleicht ist es dieser Sport, der Sie schon immer reizte. Bild: www.aboutpixel.de

Es ist ein warmer, wundervoller Frühlingsabend. Ein Mann sitzt in einem offenen Cabrio, hat das Seitenfenster heruntergelassen, sein Arm hängt locker über der Fahrertür, die Finger klopfen im Takt der Musik aus dem Radio, auch der Kopf bewegt sich rhythmisch und der Wind bläst ihm durch das Haar. Ein leises, etwas geistesabwesendes Lächeln hat er auf den Lippen, so als wenn er irgendwelchen schönen Gedanken nach-hängen würde. Kurz gesagt: der Inbegriff eines Menschen, der einen glücklichen Tag hatte und den Moment genießen kann.
Dieser Mann ist Randy Pausch, zu diesem Zeitpunkt 47 Jahre alt, Professor für Computerwissenschaften in Amerika, Familienvater von drei kleinen Kindern und mit einer Lebenserwartung, die sich zwischen drei und sechs Monaten bewegt. Er hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und hat sich für zweierlei entschieden. Er will eine letzte Vorlesung halten, die wirklich seine letzte sein wird und er will Spaß haben. Er weiß, dass er stirbt, doch er will jeden Tag, der ihm bleibt, Spaß haben. Warum? "Ganz einfach, weil es gar keinen anderen Weg gibt, dieses Spiel zu spielen. Ich könnte mir leidtun, aber das würde weder meinen Kindern noch mir gut bekommen", sagt er

in seinem Buch (Die Lehren meines Lebens (ISBN 978-3-570-01049-5). Sein Buch ist kein Buch über Krebs. Es ist kein Buch über das Sterben. Es ist eine Flaschenpost für seine Kinder, die er nicht mehr großziehen und auf dessen Fragen er nicht antworten kann. Es ist eine Flaschenpost, die jeden nachdenklich macht, der sie liest...
Am Ende seines Lebens ist sich Randy sehr sicher. Es ist wichtig, konkrete Träume zu haben. Ein großer Kindheitstraum von ihm war: Schwere-losigkeit erleben und das geht eigentlich nur, wenn man Astronaut wird. Doch für Randy wird schon früh klar, dass ihn die NASA nicht nehmen würde. Doch sie besitzt ein Flugzeug, das sie benutzt, um künftige Astronauten mit der Schwerelosigkeit vertraut zu machen. 25 Sekunden kann man durch eine besondere Flugtechnik einen Zustand erleben, der ungefähr mit der Schwerelosigkeit vergleichbar ist.
Randy hat mittlerweile eine Professur als er erfährt, dass es bei der NASA ein Programm für Collegestudenten gibt, die Vorschläge für Experimente genau für dieses Flugzeug einreichen dürfen. 2001 schlägt sein Studententeam genau so ein Forschungsprojekt vor. Und sie gewinnen, was bedeutet, dass sie fliegen dürfen.
Randy ist aufgeregter als seine Studenten. Endlich! Schweben! Schwerelos! Dann die schlechte Nachricht. Studenten ja, aber Fakultätsbetreuer dürfen unter keinen Umständen mit. Ausnahme? Keine. Randy ist am Boden zerstört, doch nicht ruhig gestellt. Er nimmt das Programm unter die Lupe und findet das Schlupfloch. Die NASA gestattet es den Studenten, einen Reporter aus ihrer Universitätsstadt auf dem Flug mitzunehmen. Randy kündigt als Fakultätsbetreuer und bewirbt sich als begleitender Reporter, als Mitglied der Presse. Das sei wohl ziemlich durchsichtig, meint der offizielle NASA-Vertreter. Randy Pausch gibt das sofort zu und bietet ihm eine neue Website mit Informationen und Filmmaterial an, das er an populäre Journalisten schicken würde. Auch ein sehr durchsichtiger Deal, doch er funktioniert. Fast vier Jahrzehnte, nachdem die Schwerelosigkeit zum seinem Kindheitstraum wurde, verwirklicht er ihn...
In seinem Buch gibt es viele solcher Beispiele. Und das ist wieder so eine Stelle, an der man das Buch weglegt und

nachdenkt. Man hatte doch auch Träume, Wünsche, Sehnsüchte. Was ist mit denen? Schlummern sie irgendwo tief vergraben in uns? Oder gehören Sie zu den glücklichen, die sie erfüllen konnten? Und wenn nicht? Warum nicht? Und warum nicht jetzt? Wann sonst? Fragen über Fragen! Randy Pausch stirbt mit 48 Jahren, erfüllt von dem Gedanken, dass er alles verwirklichen konnte. Vielleicht kann er deshalb gelassener sterben? Vielleicht?
Randys Buch ist kein Buch über den Tod und doch ist es für viele Frauen, die den nahen Tod ihres Partners begleiten, ein versteckter Ratgeber. Jai, Randys Frau schafft den Umgang mit ihm, weil sie gerade heraus ist. Sie sagt, wenn es ihr zuviel wird, doch gleichzeitig hat sie gelernt, unwichtige Dinge durchgehen zu lassen. Randys Schlampigkeit zum Beispiel, lässt sie zwar nicht kalt, doch sie ignoriert sie einfach. Sollen sie sich in den letzten Monaten des gemeinsamen Lebens darüber streiten, dass Randy seine Hosen nicht aufhängt? Und Jai versucht sich auf den Tag zu konzentrieren und nicht auf das Negative, das ihr bevorsteht. Ihren Frust lässt sie aus in ihrem Tagebuch, das sie angefangen hat und im Gespräch mit Frauen, die in der gleichen Situation sind. Und was ganz wichtig ist: auch Jai ist eine Frau, die viele ihrer Träume verwirklicht hat! Welche Frau kann das von sich behaupten?
Randy schafft seine letzte Vorlesung im September 2007 und empfindet eine Art von erfülltem Frieden. Der Kreis seines Lebens hat sich geschlossen. Er erlebt noch einmal Silvester und stirbt im Juli 2008. Viele Krebspatienten sagen, dass sie durch ihre Krankheit das Leben auf neue und tiefer gehende Weise wertschätzen. Randy hat das nie so empfunden. Er war nur dankbar dafür, dass er rechtzeitig genug von seinem bevorstehenden Tod erfahren hat. Dass er seine Familie auf eine Zukunft ohne ihn vorbereiten konnte und dass er die Chance hatte, seine Last Lecture, seine letzte Vorlesung zu halten. Dass es ihm ermöglicht wurde aus eigener Kraft zu gehen. Last Lecture, die Lehren meines Lebens, ist ein faszinierendes Buch über das Leben - über die Freude am Leben, über Glück und ein erfülltes Leben und über die Wehmut, wenn man gehen muss, obwohl man gar nicht will.

Barbara Dickmann