Brauch ich Bewegung, steht er schon mit der Leine im Maul an der Tür bevor ich zu Ende gedacht habe - will ich einfach nur faul auf der Couch liegen, liegt er schon vor mir da. Keine Frage, keiner versteht mich so gut wie mein Hund, keiner erkennt meine Stimmungsschwankungen so früh und reagiert so sensibel, wie mein Therapeut auf vier Beinen. Tiere sind der Spiegel unseres verborgenen Ichs, sie wissen um unsere Ängste oder Stärken und reagieren prompt. Tieren kann man nichts vormachen, sie geben nichts auf viele Worte oder antrainierte Gesten, sie reagieren auf unsere innere Einstellung - auf unsere Körpersprache, auf das, was wir tatsächlich sind.
Deshalb war die Zeit reif für uns, einfach einmal tierisch zu werden und uns einem Abenteuer zu stellen, das völlig aus dem Rahmen fällt. Und so fand der letzte ,,typisch frau"-Workshop am 6. November nicht im , Gasthaus Jägerhaus` in Villingen statt, sondern in der Reithalle der Reitsportanlage Hezel in Königsfeld- Buchenberg. Denn hier werden Karin Walz und Dagmar Zintl aus Villingen-Schwenningen ihr Management-Training vorstellen.
Dass zwei weitere, äußerst kritische und anspruchsvolle Trainer auf vier Beinen bereit stehen, die nur sehr schwer zu beeindrucken sind, überrascht jetzt wohl keinen mehr. Denn Willi, ein 23 Jahre alter, mächtiger ,,Budjonny" aus Russland und Parical, ein neunjähriger, zierlicher Apfelschimmel mit arabischer Abstammung und herrlichen Augen lassen sich nichts vormachen. Willi und Parical sind vorurteilslos und klar. Ihnen ist es egal, ob ihr Outfit passend ist oder nicht, sie akzeptieren nur Ehrlichkeit, Vertrauen, Zielstrebigkeit und mentale Stärke. Sie merken sofort, ob Sie eine natürliche Autorität besitzen, sicher sind oder sich nur hinter einer Maske verstecken.
Und während Willi und Parical zur Entspannung einen herrlichen Galopp hinlegen, gehen Karin Wald und Dagmar Zintl in die Theorie: ,,Führen ist nicht nur im Management wichtig. Auch in der Familie und im Beruf müssen Sie führen, ihre Lebensführung muss stimmen, Sie brauchen Stehvermögen und eine eindeutige Kommunikation, Sie müssen ein ,,Nein" einfordern, konsequent, konfliktfähig und zielorientiert sein, Selbstvertrauen, Vertrauen und Mut besitzen", beginnen die beiden Päda-goginnen mit etlichen Zusatzausbildungen und fünfzig interessierte SÜDKURIER-Leserinnen und -Leser und wir ,,typisch frau"-Autorinnen spitzen die Ohren und werden aufmerksam. Zugegeben, das sieht lange nicht so gut aus, wie bei Willi und Parical, doch wie schnell man Stehver-
mögen und eine aufrechte Haltung lernen kann, zeigt Karin Wald mit einer kleinen Übung, die uns streckt und locker macht und Energien fließen lässt. "Wenn man gerade hin steht gibt das Selbstvertrauen und in diesem Wort stecken Zutrauen und Mut", erklären Karin und Dagmar und während sie weiter sprechen genießen wir Kaffee, Saft, Süßes, Herzhaftes und Prosecco (das macht Mut, wenn einem Vierbeiner nicht geheuer sind) vom Catering-Team ,,Schinken, Schnaps und Bollenhut". Warum nur muss es ausgerechnet ein Pferd sein, ginge nicht etwas kleineres, zum Beispiel ein Hund?
Nein, nein, denn Pferde sind etwas ganz besonderes. Pferde sind zwar Herdentiere, wie wir eigentlich auch. Doch in jeder Pferdeherde gibt es eine Leitstute (also eine Chefin!) und einen Stellvertreter damit die Ruhezeiten geregelt sind. Die Herde wählt das Leittier und wenn es nicht gut für die Herde sorgt, wird es einfach abgewählt. Keine schlechte Idee, denkt jetzt so mancher von ihnen, denn wer kann sich schon seinen Chef aussuchen?
Pferde kennen kein Mobbing, ihr Charakter und ihre körperliche Haltung sind identisch, denn sie haben kein Pokerface. Doch Pferde testen ihre Grenzen aus und ein Pferd zu führen verlangt Wachsamkeit und Achtsamkeit, Zielorientiertheit, Be-wusstheit, Verantwortung, Weitblick und Voraussicht. Aber auch Respekt und Liebe. Denn wenn Sie vorneweg gehen, passiert etwas hinter ihrem Rücken, Sie müssen mögliche Hindernisse umgehen und schon im voraus darüber nachdenken, wie wohl die nächste Kurve zu bewältigen ist. Jedes Pferd ist anders, Sie müssen sich immer neu darauf einstellen, statt Angst zu haben mit Respekt und Vorsicht an die Führungsaufgabe herangehen, statt Hektik Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen und statt vieler Worte, kurze, klare Botschaften übermitteln und statt ,,ich" und ,,du" nur ,,wir" denken, statt Tricks und Rollenspiele nur authentisch sein, statt Zerstreutheit Fokussierung, Präsenz statt Verkopftheit und Ganzheitlichkeit statt Unterdrückung. Statt eines Patentrezepts müssen Sie immer neu hinterfragen, mit Herz arbeiten und nicht in die Knie zwingen, sondern anleiten.
Karin und Dagmar haben erst jetzt die Pferde kennen gelernt und das ist wie im Leben. Sie sind einfach den ersten Tag im neuen Betrieb und müssen sich orientieren. Karin legt los. Sie stellt sich auf das Pferd ein, führt es am Strick und dreht ihm den Rücken zu. Dann bleibt sie stehen und dreht sich zum Pferd. Parical, der Apfelschimmel, reagiert prompt und bald sind die zwei ein eingespieltes Team. Bleibt Karin stehen - steht auch das Pferd. Doch von Unterdrückung keine Spur, aufmerk-
sam und mit gespitzten Ohren scheint ihm die ganze Geschichte noch Spaß zu machen. Sechs mutige ,,typisch frau"-Leserinnen wollen das auch und Parical freut sich. Äußerst neugierig beobachtet er die ganze Geschichte und lässt sich bereitwillig führen. Doch oft nach seinen Regeln, denn er spürt die Unsicherheit. Mal tänzelt er neben dran statt hinterher, mal rückt er seiner ,,Führerin" auf die Pelle und dann interessiert ihn der Jackenärmel viel mehr als der Führungsstrick. Zugegeben, das sieht ausgesprochen nett aus und würde mich total verführen, Parical ausgiebig zu streicheln, denn wer kann solchen Augen widerstehen? Doch das ist nicht der Job und die Frauen lernen schnell. So ganz nebenbei werden jede Menge Tipps weitergegeben. Wann ist der Mensch der Chef und wann das Pferd? Was ist, wenn ich einen schlechten Tag habe? Und natürlich ist führen anstrengender als geführt zu werden! Je positiver meine Grundstimmung ist, desto besser klappt es. Nicht ständig loben, sondern nur, wenn etwas besonders gut ausgeführt worden ist. Und wie die Pferdeführ- Aktion deutlich zeigt, ist man nicht immer so eindeutig, wie man glaubt. Doch was ganz wichtig ist - um Pferde zu führen, muss man Pferde mögen und um Menschen zu führen, muss man Menschen mögen. An diesem Nachmittag ist nicht nur viel über Menschenführung, über Energie und Persönlichkeitsschulung vermittelt, sondern vielleicht noch bei manchem die Liebe zum Pferd entdeckt worden.
Und während Parical mit Freude mitspielt, ist Willi, unser in Menschenleben umgerechnete 91jährige Opa auf vier Beinen, nicht interessiert. Er kratzt sich ans Ohr und guckt nervös von links nach rechts. Die Botschaft ist klar - er bleibt lieber bei Sabine, die gleichzeitig Willi hält und fotografiert, denn sie ist die Nummer 1 in seinem Pferdeleben. Karin Walz und Dagmar Zintl bieten am 27.11. in der Reitsportanlage Königsfeld-Buchenberg, ein Kommunikations- und Mentaltraining mit 1 PS zum ,,typisch frau"-Sonderpreis von € 180,-an. Information und Anmeldung unter www.karin-walz.de oder unter Tel. 07545-936870.
Spenden für die Katharinenhöhe Wie immer bei unseren Veranstaltungen sammeln wir für einen guten Zweck. Diesmal für die Krebsnachsorge-Klinik Katharinenhöhe in Schönwald, die familienorientierte Rehabilitation für krebskranke Kinder und deren Angehörige durchführt. € an Spenden leiten wir weiter. Ck.
Barbara Dickmann
