Der Erfahrungsbericht eines Pflegekindes: "Meine Geschichte begann mit meiner Geburt im Sommer 1963. Meine Eltern, beide erst knapp 20 Jahre als, waren gerade in den Westen gekommen. Meine Mutter trennte sich kurz darauf von meinem Vater, sie wollte beruflich vorankommen und selbstständig sein. So begann meine Karriere als Pflegekind. Früh wechselte ich immer wieder die Pflegefamilie und war an den Wochenenden immer bei meiner Mutter. Das war eine komplizierte Angelegenheit. Sie war gereizt und schlechter Laune. Da wenig Seele meiner Mutter für mich übrig war, kam ich regelmäßig in merkwürdige Gefühlsschwankungen. Ich suchte die Fehler bei mir. Ich war bestimmt nicht in Ordnung. Mit fünfeinhalb Jahren kam ich in eine Pflegefamilie mit drei Kindern und jedes Wochenende in eine andere, für mich nicht fühlbare und nicht geliebte Welt. Vor meiner Abreise schrie und tobte ich
regelmäßig. Ich wollte mein Leben, die vertrauten Menschen um mich herum, nicht verlassen. Nicht mein Zimmer, meine Pflegeeltern, meine vertraute Umgebung, die nach einer kurzen, schwierigen Eingewöhnungszeit auch mein gefühltes Zuhause war. Es war immer wieder eine schwierige Heimkehr zurück in die Pflegefamilie, da ich bei meiner leiblichen Mutter Dinge erlebt habe, über die ich einfach noch nicht sprechen konnte. Meine Pflegemutter führte eine Kräftezehrende, langjährige Auseinandersetzung mit meiner Mutter, mit dem Jugendamt usw. Sie bekam ja hautnah mit, wie ich jedes Mal aufs Neue verstört und verschlossen in die Familie zurückkam. Ich weiß noch, dass ich ganz sicher war, dass ich nicht so bin, wie die anderen Kinder, denn die durften ja an einem Ort bleiben und mussten nicht packen und geliebte Dinge zurück lassen. Ich war mir sicher, dass ich es verdiene, weil ich nicht gut bin, nicht in Ordnung. An
dieser Stelle nahm meine spätere Erkrankung ihren Lauf. Meine Kräfte ließen immer mehr nach, meine körperlichen Defizite wurden immer stärker. In meiner dritten Lebensdekade wurde mein Zustand für mich unerträglich und ich spürte, dass ich jetzt handeln musste. Ich begann mit einer Therapie. Mir wurde klar, dass ich unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung litt. Dauerkopfschmerzen, Tinitus, Schlaf-störungen, Rückenschmerzen und all die anderen Symptome bekamen endlich einen Namen. Ich brauchte noch viele Jahre, um alles aufzuarbeiten. Dank den vielen Menschen und an meine Pflegemutter, die zu jedem Zeitpunkt an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben und die für mich da waren." (Quelle: Praxisbuch Pflegekinderwesen von Paula Zwernemann, ISBN 978-3-00-021440-0).
Barbara Dickmann
