Fernsehen nein danke - lesen ja bitte!

- Madlen Schlak lebt ganz ohne Glotze -
- Lieber kochen oder in die Natur mit den Hunden -

Madlen Schlak aus Triberg liest lieber ein Buch, als vor dem Fernseher zu sitzen. Sie hat ihr Hobby sogar zum Beruf gemacht.
Bild: B. Dickmann

Wenn der Tag geht und der Abend kommt, flimmert es in Deutschlands Haushalten - spätestens. Denn oft genug geht die ganze Geschichte schon am Nachmittag los und wenn es hart auf hart kommt, dann schon zum Frühstück. Fernsehen zählt in Deutschland heute zu den Leitmedien. 95 Prozent der Haushalte verfügen über mindestens einen Fernseher. Die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49jährigen schaut täglich zwischen 182 und 262 Minuten (je nach Bundesland) und über 50jährige Berliner sogar 333 Minuten. Drei, vier, sogar über fünf Stunden vor der Glotze, deren Hauptthemen Gewalt, Krieg und Sex sind. Daneben sucht der Bauer eine Frau, kommt man raus aus den Schulden und erlebt eine Vielzahl von Talk-,Quiz-, und Richter-Shows.
Doch "das Fernsehen in Deutschland ist äußerst vielfältig und stellt einen wichtigen kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Teil der deutschen Medienlandschaft dar", so steht es im Wikipedia der freien Enzyklopädie im Internet.
Madlen Schlak, 31 Jahre jung aus Triberg, kann da nicht mitreden. Sie hat keinen Fernseher, was nicht bedeutet, dass sie ein fanatischer Fernsehgegner ist. Sie sieht das eher gelassen. "Es kommen bestimmt auch gute Reportagen", sagt sie, doch irgendwie habe sie keine Lust ihre Zeit damit zu verbringen, sie auszusuchen und dann vielleicht bis Mitternacht aufzubleiben. Wer das möchte, soll das gerne tun, denn "das muss jeder für sich selbst entscheiden", ist ihre Meinung...
Madlens Eltern haben einen Fernseher, doch schon als Kind geht sie lieber raus und spielt. Als Jugendliche engagiert sie sich in der Gemeinde und als sie nach Frankfurt am Main zieht, um eine

Ausbildung als Verlagskauffrau zu beginnen, kommt sie nicht auf die Idee, sich einen Fernseher anzuschaffen. Sie hat wenig Geld, fährt mit dem Rad, kann nur ab und zu ins Kino und entdeckt ihre Liebe zum Buch. "Für die Schule musste ich lesen, doch nach Feierabend habe ich mir Bücher rausgesucht, die ich einfach mag". Madlen lebt allein und arbeitet nach ihrer Ausbildung in einer Buchhandlung in Idar-Oberstein. Fernsehen? Nein danke. Doch der Wunsch, eine eigene Buchhandlung zu besitzen, wird immer größer. In 2007 ist es soweit. Madlen Schlak zieht wieder um. Diesmal geht es nach Triberg und in ihre eigene Buchhandlung. "Das war ein ziemlich schneller Entschluss, schon nach dem ersten Telefonat mit dem damaligen Eigentümer war ich mir sicher", Madlen Schlak lacht. Dass auch dieser keinen Fernseher besaß, war wirklich nicht ausschlaggebend.
Triberg ist ihr zu Hause geworden. Sie fühlt sich wohl in ihrer Buchhandlung und genießt einfach, dass man sich kennt, dass man nicht so anonym ist, wie in der Großstadt. Ihr Tag ist ausgefüllt mit Arbeit, am Abend fordern sie ihre beiden Hunde, sie kocht, sie liest, sie ist viel in der Natur. Fast jeden Mittwoch - der Tag des besonderen Films in Triberg - geht sie ins Kino. Ihre Informationen holt sie sich aus der Zeitung und auch aus dem Internet - ein weiteres Lieblingsmedium von Groß und Klein. "Internet brauche ich für das Geschäft", sagt sie und ist sich nicht sicher, ob sie ausschließlich für private Zwecke einen Computer hätte. Ein Auto hat sie, doch das Fahrrad ist nach wie vor ihr Lieblingstransportmittel. Die Freizeit sei einfach intensiver ohne Fernsehen. Und ihren Freund habe sie auch schon angesteckt, der guckt zwar noch, doch ziemlich reduziert.
Wie gesagt, ein erwachsener Mensch muss selbst entscheiden, wie er seine Freizeit verbringt, doch was mit Kindern passiert, die viel vor der Glotze sitzen, findet sie einfach schrecklich. Und wenn Jugendliche durchschnittlich sieben Stunden schlafen und über fünf Stunden fernsehen, hört bei ihr das Verständnis auf. Fernsehen als Kindermädchen, oder gar einen Zweitfernseher im Kinderzimmer, findet sie einfach verantwortungslos. Kinder und Jugendliche brauchen das gar nicht. Ihr dreizehnjähriger Neffe ist gerne bei ihr zu Besuch

- auch ohne Flimmerkiste. Oder vielleicht gerade deshalb?

Barbara Dickmann

Fernsehen und Kinder
Wenn erwachsene Menschen ihre Tage vor der Glotze verbringen, ist das ihre ureigenste Entscheidung. Doch was ist, wenn schon Kleinkinder, ja manchmal sogar Babys, völlig gebannt und fast bewegungslos tagtäglich berieselt werden? Hat das wirklich Einfluss auf die physische und psychische Entwicklung unserer Kinder? Und wenn ja, welche? Manfred Spitzer, einer der populärsten Hirnforscher Deutschlands, beschreibt in seinem Buch "Vorsicht Bildschirm, Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft" (ISBN 978-3-423-34327-5) sehr eindringlich, welche Auswirkung die Bildschirm- Medien auf die körperliche und geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben. Hier einige Sätze, die erschrecken: "Fernbedienungen bergen Gefahren. Im Jahr 1996 wurden vom Südwestfunk Werbespots gegen Gewalt im Fernsehen produziert, die teilweise preisgekrönt wurden. Einer davon trägt den Titel `Die Waffe` und verdeutlicht, dass sich mit der Fernbedienung in einer Woche 14 Vergewaltigungen, 44 Folterungen und 536 Morde abrufen lassen...". Der Fernsehalltag bei Kindern sieht ungefähr so aus: Beträgt der tägliche Fernsehkonsum im Vorschulalter noch etwa 70 Minuten, so liegt er bei den Sechs- bis Neunjährigen bei gut 1,5 Stunden, bei den Zehn- bis Dreizehnjährigen bei knapp zwei Stunden. Besitzt ein Kind ein eigenes Fernsehgerät, schaut es mehr fern. Der Anteil dieser Kinder nimmt zu und lag im Jahr 2003 bei 37 %. (Quelle Manfred Spitzer). "Zu viel Medienkonsum macht dick, krank, dumm und traurig", sagt Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen und eine Studie bestätigt, dass in bildungsschwachen Familien täglich drei Stunden Fernseher und Computer genutzt werden, im bildungsstarken Familien etwas mehr als eine Stunde. An Wochenenden fällt dieser Unterschied noch krasser aus. (Quelle: Welt) Doch vielleicht läuft es auch umgekehrt: Dicke, traurige Kinder ohne Bildungsangebot und ohne Freunde haben einfach nur die Glotze!