Edda Schröder reist durch die Welt - in Deutschland auf der Suche nach Investoren und in Asien auf der Suche nach Finanzinstituten, die die Kreditvergabe vor Ort managen. Bild: B. Dickmann
Als Kind erlebt sie die Freiheit der Natur, behütet in einem Vier-Generationen-Haushalt wächst sie auf dem Land in der Nähe von Minden auf. Doch nach dem Abitur fühlt sie zum ersten Mal den Drang, die Welt kennen zulernen. Edda Schröder, Jahrgang 64 möchte nach Asien, doch die Vernunft siegt. ,,Kind, geh zur Bank, da hast Du einen sicheren Job", ist der gut gemeinte Rat der Familie. Edda geht nach Göttingen und wird Bankkauffrau. Das war's oder nicht? Jetzt fehlen nur noch Mann und Kinder. Eine Stiftung sucht Entwicklungshelfer, Edda bewirbt sich und hat keine Chance. ,,Vor 25 Jahren nahm man keine Banker, sondern nur Krankenschwestern", sagt sie. Edda wechselt in die Wirtschaft, übernimmt den Vertrieb einer großen Firma, dann studiert sie Betriebswirtschaftslehre und landet wieder bei einer Bank in Frankfurt. Mit einer Freundin bereist sie Malaysia und ab da gibt es kein Halten.
Edda arbeitet und in ihrem Urlaub wird sie Rucksacktouristin und lernt Asien kennen. Edda geht ins Hinterland, sieht, wie die Menschen dort leben und was es für Verhältnisse auf der Welt gibt. Sie geht in die Slums der großen Städte mit offenen Augen und mit dem Gefühl, das Entwicklungshilfe, so wie sie betrieben wird, einfach nicht richtig ist. Es muss etwas anderes passieren... Edda spezialisiert sich auf den Vertrieb von Investmentfonds und wird Geschäftsführerin einer englischen Privatbank. ,,Das ist etwas ganz anderes als das normale Bankgeschäft", sagt sie. Durch den Kontakt zur Bankakademie International, ist auf einmal das Thema ,,Mikro-Kredite" wieder da. Edda kennt das. Bereits bei ihrer ersten Reise 1994 hat sie erlebt, dass ein paar Dollar
und eine gute ,,Geschäftsidee" in Asien reichen, um die ganze Familie zu ernähren.
Und in Eddas Kopf setzt sich eine Idee fest, die immer klarere Konturen annimmt. Was bis jetzt nur industriellen Investoren ab einer Summe von 50.000,-- Euro möglich ist, soll jedem zugänglich werden. Eddas Ziel: Einen Fond aufzulegen, in dem man viel, viel kleinere Beträge einzahlen kann, mit dem ausschließlichen Ziel den Menschen in Entwicklungsländern Geld ohne Sicherheiten zu geben. Hier ist die Chance, mit einer sinnvollen Geldanlage auch noch Geld zu verdienen. Warum soll Entwicklungshilfe immer nur ein Geben sein, ein Schenken? Warum nicht ein Leihen, ein Kick, ein Anschub? Ein: Ich helfe Dir, aber machen musst Du und zurückzahlen musst Du auch! Und warum soll eine sinnvolle Geldanlage nicht wirtschaftlich für alle Beteiligten sein? Warum nicht Geld verdienen und gleichzeitig armen Menschen eine Chance geben?
Edda fällt ein Leserbrief ein, den sie in einer großen Tageszeitung gelesen hat. Arme Menschen könnten genauso kreativ und intelligent sein wie reiche, wenn das soziale Umfeld stimme, hieß es darin. Im April 2006 gründet sie Invest in Visions (Tel. 06174249638) und seit Juni ist sie ausschließlich selbständig. Ohne Sicherheit, ohne soziales Netz und lange nicht mehr so kreditwürdig wie vorher. Edda fühlt sich manchmal wie eine Pionierin. Viel Erklärungsarbeit in ganz Deutschland ist nötig, genauso wie der Besuch der Mikrofinanzinstitute vor Ort.
Erst Ende August war Edda in Peru und ist mit den Kreditanalysten (so heißen die Menschen vor Ort) zu den Kunden gefahren. Auf dem Mofa, stundenlang auf einem Feldweg durch viel Staub, um eine kleine Schneiderei zu besuchen, die mit 20 Dollar finanziert wurde und jetzt schon vier Frauen beschäftigt, die ihre Familien ernähren.
Das ganze Dorf wartete schon, um die fällige Rate zu zahlen, denn das ist Ehrensache. Eddas Ziel: Bis 2010 will sie eine Milliarde Euro einsammeln. Eddas große Freude: Überraschend geht der Friedensnobelpreis 2006 an Mohammad Yunus, dem Begründer der Grameen Bank in Bangladesh. Der ehemalige Professor für Volkswirtschaft bietet mit seiner 1976 gegründeten Bank Mikrokredite für die arme Bevölkerung in Bangladesh an. Eddas Gefühl: Ihr Beruf ist ihre Berufung. Unser Gefühl: 80 % der Mikrokreditnehmer im fernen Asien sind Frauen. Die Mehrzahl der Menschen, die ihr Geld hier anlegen werden, werden Frauen sein!
Mit Nudelküche zum Erfolg
- Die Idee von Mikrokrediten-
Der Markt und seine Zahlen:
Mehr als 4 Milliarden Menschen leben von weniger als 4 Euro täglich. Mehr als 1 Milliarde Menschen leben von weniger als 1 Euro täglich. 800 Millionen Menschen hungern. 500 Millionen von ihnen leiden unter chronischer Unterernährung. Mehr als 840 Millionen Erwachsene sind Analphabeten, mehr als 100 Millionen Kinder haben nie eine Schule besucht. 800 Millionen Menschen leben ohne Zugang zu ärztlicher Behandlung. 70 Prozent der Armen der Welt sind Frauen und Kinder. (Quelle www.investinvisions.com)
Die Idee:
Phorn Hun besitzt kein eigenes Land, keinerlei Sicherheiten und keine Chance auf Kredit. Erst ein Mikrokredit von 25 Dollar ermöglicht es ihr, eine kleine Nudelküche in Kambodscha zu eröffnen. Ein paar Jahre später erwirbt Phorn Hun ein eigenes Stück Land und baut ein Holzhaus mit festem Dach - zuvor ein fast unvorstellbarer Luxus für sie. Heute ist Phorn Hun im zehnten Mikrokredit-Zyklus und betreibt nach wie vor ihr erfolgreiches Kleinstunternehmen.
Mikrofinanz ist Entwicklungshilfe der besonderen Art. Geld wird an arme Menschen ohne Sicherheiten verliehen. Mikrofinanz verleiht nicht nur Geld, sondern auch Würde. Die Laufzeit beträgt zwischen sechs und 36 Monaten. Die Kredite sind immer an eine Geschäftsidee gekoppelt. Um Ausfälle zu vermeiden, werden häufig Gruppenkredite vergeben. Falls ein erster Kredit nicht beglichen wird, gibt es keine weiteren mehr. Die Zinsen betragen durchschnittlich 20 % pro Jahr. Nicht gerade ein Schnäppchen! Doch lokale Kredithaie verlangen eine tägliche Zinszahlung von 20 %. Das ergibt einen jährlichen Zinssatz von 7.200 %! Vergeben werden die Kredite vor Ort von Mikrofinanzinstituten, einer Organisation, die Finanzdienstleistungen Menschen anbietet, die von traditionellen Banken keine Dienstleistungen bekommen. Sie sind arm und haben außer ihrer Arbeitskraft keine Sicherheiten anzubieten.
Mikrofinanz-Fonds helfen Armen und Reichen. Durch unsere Investition in Mikrofinanz ermöglichen wir die Vergabe tausender Kleinkredite an Menschen in Entwicklungsländern in Lateinamerika, Osteuropa, Asien und Afrika. Edda Schröder will mit ihren Produkten bis 2010 eine Milliarde Euro für Mikrokredite einsammeln und so 10 Millionen Familien helfen, aus eigener Kraft und in Würde aus der Armutsfalle auszubrechen. Ziel: Von Investoren eingezahlte Gelder werden an ausgewählte und von internationalen Rating-Agenturen bewertete Mikrofinanz -Instituten weitergeleitet. Die wiederum unterstützen und überwachen die Vielzahl an Einzelprojekten rund um den Globus. Verzinst werden soll das Kapital mit sechs bis 10 Prozent, so dass Anlegern nach Abzug der Kosten neben einem guten Gewissen auch eine Rendite von bis zu 6 Prozent bleibt. Gut zehntausend spezialisierte Mikrofinanz- Institute gibt es mittlerweile weltweit. Von Nicaragua über Uganda bis Laos versorgen sie vor allem Kleinunternehmerinnen mit Startkapital. Es fließt für die Anschaffung von Nähmaschinen, Töpferscheiben, land-wirtschaftlichen Geräten - in alles, womit sich Geld verdienen lässt. In Indien sind die Zielgruppe beispielsweise 600.000 Dörfer. Mikrofinanz ist wahrscheinlich das wirkungsvollste Werkzeug, die Armut nachhaltig zu bekämpfen. (Quelle: www.investinvisions.com).
Barbara Dickmann
