Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau

Siegfried Schreiber kämpft mit seiner Frau Heidi gegen den Schicksalsschlag

Siegfried und Heidi Schreiber genießen ein MIttagessen in einer Gaststätte

Im Körper herrscht Chaos. Keime überschwemmen den gesamten Organismus und vergiften das Blut. Niere, Leber und Lunge können versagen und Teile im Gehirn zerstört werden. Sepsis, so heißt diese Killerkrankheit! Hervorgerufen durch Bakterien, Pilze oder Viren fordert sie jedes Jahr erschreckend viele Todesfälle. Siegfried Schreiber, bekannter `typisch frau`-Referent aus Villingen, erwischt es in den letzten Tagen des Jahres 2007 nach einer Herzoperation. Wachkoma, Reanimation, Dauerbeatmung – das volle Programm. Doch Siegfried überlebt – wider aller Erwartungen. Am 10. Juni 2008 kommt er wieder heim – als Schwerstpflegefall mit Darminkontinenz und regelmäßiger Dialyse. Laufen? Keine Chance, meinen die Ärzte...
Februar 2011: Siegfried sitzt im Sessel und trinkt genüsslich seinen Kaffee. Darminkontinenz ist längst Vergangenheit und gestern war er mit seiner Frau in der Stadt. Mit dem Auto, doch ein Stück weit sind sie gelaufen. „Vom Amtsgericht in Villingen bis zum Marktplatz“, sagt Siegfried. Eine ziemlich weite Strecke für ihn, doch genau das schien vor einem Jahr noch ein unerreichbares Ziel zu sein. Zugegeben, manchmal schwankt er wie im Rausch, „ weil einfach Areale im Gehirn kaputt sind“. Sein Gehör würde auch immer schlechter, er

sei oft so müde, sein Geschmack habe sich total verändert und sein Bruch könne auch nicht operiert werden. Seit seiner Krankheit hat Siegfried einen nie dagewesenen Bauch, in dem sich seine Därme ausbreiten. Heidi Schreiber will davon nichts hören. Schlank und rank sitzt sie neben ihm, voller Aktivität und Optimismus. „Das ist doch klar, dass wir das ein oder andere Zipperlein haben, wir sind ja auch schon über siebzig!“ Keine Frage: Heidi Schreibers Lebensmotto lautet: Mache aus jedem Tag das Beste und denke nicht an Morgen! Doch Siegfried ist genau das Gegenteil. Nach Jahren schwerster Depressionen mit zwei Suizidversuchen und anschließender vermeintlicher Heilung, kämpft er heute wieder tagtäglich um seine innere, positive Einstellung – um das halbvolle Glas, das für ihn so oft halbleer ist. „Früher hätte ich Heidi oft erwürgen können, weil sie immer so optimistisch ist, doch heute bin ich so froh, dass sie in diesen Lebensbereichen eine völlig andere Einstellung hat.“
Denn Heidi fordert! So oft wie möglich geht sie mit ihrem Mann unter das Volk. Sie gehen auswärts essen oder ins Café , fahren sogar mit dem Zug nach Allensbach ins Bad und besuchen wieder den Stammtisch. Dann spürt Siegfried auch seinen Kopf nicht mehr und fühlt sich „normal“. „Man kann das gar nicht beschreiben“, sagt er, denn im Kopf habe sich wirklich etwas verändert. „Es fühlt sich so an, wie ein Kater, oder als ob du den Kopf angeschlagen hättest und manchmal summt es so eigenartig.“ Und dann kommen lauter komische Gedanken - er fühle sich überflüssig, wie ein lästiges Anhängsel und ganz tief im Kopf drin stecken wohl immer noch die Depressionen und die Selbstmordgedanken, die er eigentlich längst überwunden glaubte. Heidi will das gar nicht hören. „Sei froh, dass Du lebst“, sagt sie

sehr energisch und sofort hellt sich seine Miene auf. Denn das stimmt. Sein Dialyse-Arzt sagte das auch neulich, denn im stillen habe er sich bei der ersten Behandlung im Juni 2008 gefragt, ob sich die Dialyse überhaupt noch lohne, so erschrocken war er über seinen Zustand. Doch eine Sache geht Heidi nicht aus dem Kopf. „ Als Siegfried im Wachkoma lag, beatmet wurde und es keine Hoffnung mehr gab, wollten wir ihn in Würde sterben lassen. Wenn wir eine Patientenverfügung gehabt hätten, wären die Maschinen abgeschaltet worden und Siegfried würde nicht mehr leben. Das ist schon ein furchtbarer Gedanke“, sagt sie sehr nachdenklich. Doch gleich darauf lacht sie wieder. Glück gehabt!
Noch heute wird Siegfried auf die Vorträge angesprochen, die er für „typisch frau“ gehalten hat. Und oft genug nehmen ihn Menschen mitten auf der Straße in den Arm und freuen sich, dass es ihm schon wieder so viel besser geht. Und dann gibt es andere „Freunde“, die ihn auf einmal nicht mehr kennen und den Kontakt meiden. Doch Heidis Bekanntenkreis steht zu ihr und zu Siegfried. „Jetzt kommt er mit uns mit“, sagt Heidi und schon ist das Problem gelöst. Keine Frage: Siegfried hat doppelt Glück gehabt: Er hat es noch einmal geschafft und eine Partnerin, die für ihn da ist und trotzdem ihr Leben lebt.
„Hinter jedem starken Mann steht immer eine starke Frau“, sagt Siegfried, „ ohne meine starke Frau würde ich nicht mehr leben!“