Siegfried und Heidi Schreiber - ein Paar, das seit 45 Jahren alle Höhen und Tiefen zusammen meistert. BILD: S. Przewolka
Carl Gustav Jung, der groĂe Denker und Psychiater sagte einmal: "Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz. Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und höre, was sie zu sagen hat".
Zwei Suizid-Versuche, sechs Jahre schwerste Depressionen! Keine Frage, Siegfried Schreiber aus Villingen- Schwenningen, kennt diese Dame in Schwarz, denn von 1992 bis 1998 sitzt sie an seinem Tisch, fast tĂ€glich. Irgendwann hört er ihr zu, nimmt auf, was sie zu sagen hat und die Heilung beginnt. Am 27. April 1999, berichten er und seine Frau Heidi ĂŒber die schlimmsten Jahre ihrer Ehe, am 7. Juli hĂ€lt er seinen ersten Vortrag fĂŒr `typisch frau`, Titel: Depression - Martyrium der Seele, Erlebnisbericht einer (vorlĂ€ufigen) Heilung. Etliche weitere VortrĂ€ge folgen, zusĂ€tzlich kostenlose Beratungsstunden und Seminare, denn Siegfried Schreiber wird Experte in Sachen Depression, deren mögliche Ursachen und ganz besonders: deren Behandlung. Auch wir `typisch frau`-Autorinnen haben seine Telefonnummer im Kopf und geben sie an alle Leserinnen und Leser weiter, die einen Menschen brauchen, dem sie sich anvertrauen können. Das Feedback ist ĂŒberwĂ€ltigend: Keine Frage, Siegfried Schreiber, der weder Psychologe noch Psychiater ist, kann durch seine eigene Erfahrung unendlich viel bewirken und genau dort ergĂ€nzend tĂ€tig sein, wo die Ă€rztliche Betreuung oft aufhört, denn er nimmt sich Zeit fĂŒr stundenlange GesprĂ€che, kann zuhören, nachhaken und wertvolle Tipps geben.
2007 ist alles vorbei. Es wird still um Siegfried und seine Frau Heidi. Siegfried, der gerne und oft Tennis spielt und stundenlang wandert, hat Schmerzen in der Brust. Wahnsinnige Schmerzen. Die Ă€rztliche Untersuchung ist ohne Befund. Das sei die Psyche, meint der Arzt. Im Oktober 2007, an seinem 67. Geburtstag, macht er bei einer Wanderung fast schlapp. Gott sei Dank ist sein Sohn dabei. Am 18. Dezember lĂ€sst er sich im Krankenhaus untersuchen. Das Ergebnis: Siegfried steht unmittelbar vor einem Herzinfarkt. "Ich lasse sie nicht mehr nach Hause, die kleinste Aufregung ist jetzt gefĂ€hrlich fĂŒr sie", sagt der Chefarzt. Weihnachten findet im Krankenhaus statt. Am 27. Dezember Operation in einem
Herzzentrum. Siegfried wacht wieder auf - alles wird gut.
Am zweiten Tag fĂŒhlt er sich furchtbar. "Ich kann nicht mehr, ich bin am Ende", sagt er zu seiner Frau, doch das weiĂ er schon nicht mehr. Siegfried fĂ€llt ins Koma. Was jetzt beginnt, ist der Blick in die Hölle. "Wir mĂŒssen noch einmal aufmachen", so lautet die erste Information fĂŒr Heidi Schreiber. Am nĂ€chsten Tag: Der Darm hat es nicht geschafft, ein kĂŒnstlicher Darmausgang muss im benachbarten Krankenhaus gelegt werden. Zwei Tage spĂ€ter: Es geht doch ohne, wieder zurĂŒck ins Herzzentrum. Dann LungenentzĂŒndung, hohes Fieber... Siegfried Schreiber hat es erwischt: Sepsis, eine heimtĂŒckische Krankheit, die Jahr fĂŒr Jahr erschreckend viele TodesfĂ€lle fordert. In Siegfrieds Körper herrscht Chaos: Keime ĂŒberschwemmen den gesamten Organismus und vergiften das Blut. Niere, Leber und Lunge können versagen. Sepsis ist eine Killerkrankheit, hervorgerufen von Bakterien, Pilzen oder Viren
Siegfried wird dauerbeatmet, sein Kreislauf versagt, er wird zweimal reanimiert, Luftröhrenschnitt... Heidi rechnet mit dem schlimmsten. Erst jetzt erfĂ€hrt sie, dass Siegfried ins Wachkoma gefallen ist und nicht kĂŒnstlich ins Koma versetzt wurde. Siegfried kann nicht mehr fĂŒr sich allein entscheiden. Das Amtgericht setzt Heidi als Vormund ein. Es ist einfach schrecklich. Warum lĂ€sst man Siegfried nicht in WĂŒrde sterben, denkt sie so manches Mal. Heidi bereitet sich auf das Ende von Siegfrieds Leben vor.
Das erste, was er sieht ist Heidi. Sie steht am Fenster und schaut hinaus. Es ist MĂ€rz, die Natur erwacht, Siegfried kommt zurĂŒck ins Leben. Er kann nicht sprechen und versucht zu schreiben. Zuerst ganz undeutlich. Doch Heidi kann es lesen: Ich liebe Dich...Heidi will eine Generalvollmacht, doch dafĂŒr muss Siegfried geschĂ€ftsfĂ€hig sein. Sie lĂ€uft zwischen Notar und Amtsgericht hin und her, bis auch das geregelt ist. Siegfried lebt! Seine Prognose: Er wird nie wieder laufen können, hat Darminkontinenz, die Haare werden nicht nachwachsen - ein Pflegefall zu 100 Prozent. FĂŒr Siegfried völlig inakzeptabel. Wer sich aus einer Depression kĂ€mpft, wird auch wieder laufen können - eines Tages.
Ende MÀrz geht er in die Reha. Am 10. Juni 2008 kommt er wieder heim - immer noch als Schwerstpflegefall. Ein Krankenzimmer wartet auf hin. Mit speziellem Bett, Wechseldruckmatratze, Badestuhl und Pflegestufe 1. Siegfried liegt, kann mit Hilfe des Pflegers kurz aufstehen, wird gewickelt, gebadet. Heidi macht alles. "Das hÀtte ich nie gedacht, dass ich so etwas kann", sagt sie im Nachhinein. Im Herbst kann er schon ein paar Schritte laufen und sitzt im Rollstuhl. In 2009 macht er Fortschritte. Je mehr er sich bewegen kann, desto besser
funktioniert sein Darm...Anfang 2009 hÀufen sich die Anfragen bei uns `typisch frau`- Autorinnen. "Was macht denn der Siegfried Schreiber? Man hört ja gar nichts mehr"! Dem Siegfried geht es schlecht! Das ist die Auskunft die wir geben.
Am 30. Dezember 2009 sitzen wir im Wohnzimmer der Familie Schreiber. Wie schon oft vorher in den vergangenen zehn Jahren. Es gibt Kaffee und Kuchen. Siegfried sitzt im Sessel. Seine Haare stehen zu Berge, denn er hat wieder welche. Man sieht ihm an, dass er so einiges hinter sich hat. Ein nie da gewesener Bauch wölbt sich ĂŒber seiner Hose. "Ein Bruch der nicht operiert wurde", sagt er, "darin sind meine ganzen DĂ€rme, damit muss ich leben!" Und auch mit der Dialyse, denn seine Nieren arbeiten nicht mehr richtig. Drei bis fĂŒnf Stunden am Tag ist er mittlerweile auf den Beinen, Weihnachten waren die Kinder und Enkelkinder da - wie immer. Er geht wieder ins Konzert, zu Veranstaltungen... Keine Frage: Es geht wieder aufwĂ€rts. Sein nĂ€chstes Ziel: Vom Amtsgericht in Villingen bis zum Marktplatz laufen. FĂŒr den ehemals passionierten Wanderer eine ungeheuerliche Strecke.
Sein Gehirn sei irgendwie anders geworden, sagt er. Die Zeit im Koma habe ihn einfach verĂ€ndert. Selbst sein Geschmack habe sich geĂ€ndert. "Wenn die Heidi nicht wĂ€re, wĂŒrde ich nicht mehr leben", sagt er. Ja die Heidi. Sie ist seit 45 Jahren sein guter Stern. Ein sehr selbstbewuĂter Stern, der in den Zeiten seiner tiefen Depression nicht zur Co-AbhĂ€ngigen wurde, sondern ihr Leben gelebt hat und auch heute genau weiĂ, was ihr gut tut und was ihr Kraft gibt. Kraft, die sie braucht und die sie wieder weitergibt an ihren Mann. "Wir haben ein schönes Leben gehabt, sind zusammen durch alle Höhen und Tiefen gegangen und sind viel gereist, " sagt sie, leider ginge das Reisen ja nun nicht mehr. Siegfried wird in diesem Jahr 70 und steht vor einer neuen Herausforderung. Er muss neue Wertigkeiten lernen, denn die alten funktionieren nicht mehr. "Wandern, Tennis, Fahrrad fahren, durch die Stadt laufen... alles, was ich gerne gemacht habe, ist einfach vorbei", sagt er etwas wehmĂŒtig.
Und dann sitzt noch jemand mit am Tisch. Die schwarze Dame! Seine Depression ist wieder da. Doch Siegfried schickt sie diesmal weg. Er nimmt wieder Tabletten und versucht einen anderen Film einzulegen, wenn die Gedanken abdriften und tiefschwarz werden. "Meine Hypothek ist der Selbstmord meines Vaters", sagt er, " und die Sorge, dass mein Sohn sie einmal erbt. Und das will ich auf keinen Fall". Siegfried wird es schaffen, auch diesmal - gemeinsam mit Heidi, seiner Frau seit 45 Jahren.
Barbara Dickmann
