Das Ende der Sprachlosigkeit

- Holger Stoffler und sein Weg zum Sprechen -

Holger ist 26 Jahre jung und lebt mit seiner Freundin in Geisingen und ist total glücklich in seinem Job. Als Informatiker macht er Schulungen, bespricht Abläufe, informiert über die neuen Programme und muss auch oft in die Schweiz. Holger redet den ganzen Tag - mal im vertrauten Kreis der Arbeitskollegen, mal mit völlig Fremden. Kein Problem werden Sie jetzt vielleicht denken, doch Holger kennt die Sprachlosigkeit. Und was er erreicht hat und wo er jetzt im Leben steht, ist ein Kraftakt der besonderen Art, der tagtäglich wiederholt werden muss.
Denn Holger stottert! Manchmal fällt das kaum auf. Doch manchmal kommen die Worte einfach nicht heraus, manchmal dauert es eine kleine Ewigkeit, ehe der Satz vollständig ist und manchmal muss er zwischendurch Atemübungen machen, damit es überhaupt klappt. Mensch Holger, wie schaffst du das bei fremden Leuten? Ist die Frage, die sich jeder stellt. Und Holger hat natürlich seine besonderen Methoden entwickelt. ,, Bei Fremden sage ich immer als erstes etwas über das Stottern, sonst denken sie noch ich hätte irgend etwas eingenommen oder getrunken", sagt er und lacht, denn Holger ist für Aufklärung damit es keine Missverständnisse gibt. Das leuchtet ein, doch auch seine Gesprächspartner haben ein Problem und Holger weiß das natürlich. Wie reagiert man, wenn sein Gegenüber stottert? Schaut man lieber weg, wenn Holger hängt, oder guckt man ihm direkt in die Augen? Gibt man ihm das Wort, das nicht herauskommen will oder wartet man lieber bis er es alleine schafft?
Wie auch immer die Reaktionen sind, für Holger ist das heute kein Problem mehr, obwohl es natürlich schon besser für sein Ego ist, wenn er die Worte alleine schafft - egal wie lange es auch dauern mag. Holger hat schon immer gestottert, er kennt es gar nicht anders und kann heute gut damit umgehen. Doch das war nicht immer so und natürlich hat auch er seine Therapiegeschichte. Im Kindergarten fällt es nicht so auf, doch mit der Schulzeit geht es richtig los. Die Lehrer sind O.K., doch das Umfeld macht ihm zu schaffen. ,,Du stotterst ja,", hört er oft genug und wer stottert gilt als dumm. ,,Vielleicht liegt das auch daran, dass ein Stotterer automatisch weniger spricht, denn jeden Tag aufs Neue muss er über seinen Schatten springen und manchmal um jedes Wort kämpfen," glaubt er heute. Auch Holger geht zum Logopäden, besucht eine Sprachheilschule und danach ein Institut in Paderborn, dessen Methode nicht ganz unumstritten ist. Danach geht es besser, doch noch lange nicht gut. Vor zwei Jahren geht er von sich aus die ganze Geschichte noch einmal an, sucht nach Informationen und entdeckt im Internet das Stotterer-Training von Hans Liebelt. Die Methode gefällt ihm, denn es geht nicht nur um das Sprechen als

solches. Denn Stottern ist ein vielschichtiges Problem, das auch vielschichtig angegangen werden muss. Ein Training der Atemmuskulatur hilft zwar kurzfristig, auch Sprechtechniken verlieren oft nach anfänglichen Erfolgen ihre Wirkung und psychotherapeutische Arbeit ist oft schwierig, weil gerade zu Beginn viel gesprochen werden muss und dabei das Stottern überwiegt. Holger glaubt, dass ihm das Persönlichkeitstraining, das Anpacken des Problems, die Meditation weitergebracht haben. ,,Stottern verändert die Persönlichkeit, wenn man nicht sehr aufpasst", berichtet er. Denn geht ein Stotterer in die Kneipe und möchte eine Cola trinken, ist das gar nicht so leicht. Er weiß, das ,,K" ist schwer, also überlegt er immer noch, wenn der Keller vor ihm steht. Geht es ihm gut und ist er mutig versucht er es - doch wenn nicht, bestellt er lieber ein Bier, denn das ,,B" fällt ihm viel leichter. Und so wundern sich Außenstehende über die Unentschlossenheit des Stotterers, der dann auch noch zum Alkohol greift, obwohl er gar nicht will.
Auch bei Diskussionen sieht ein Stottern alt aus, denn egal wie viel er zu sagen hat, wenn es gerade mal nicht so gut geht, schafft er nur wenige Worte. Auch Holger kennt solche Situationen. ,, Na toll, denke ich dann, jetzt steh ich wieder da, als wenn ich zu blöd wäre und nichts gewusst hätte", beschreibt Holger das Gefühl, das er auch manchmal hat. ,, Es gibt wirklich diese Tageskondition", berichtet Holger,. Geht es ihm gut, dann stottert er kaum, doch geht es ihm schlecht, bringt er kein Wort heraus. Fazit für Holger: ,, Ich muss einfach dafür sorgen, dass es mir gut geht". Auch extreme Schwankungen sind Gift für einen Stotterer, der Alltag muss gut geregelt sein und - wenn es geht - die Beziehung stabil. Therapien, nach denen selbst ein schwer stotternder Mensch schon nach ein paar Tagen flüssig sprechen kann, gibt es tatsächlich, doch nach einem halben Jahr ist der Erfolg schon wieder dahin. ,, Es gibt keine Wunderheilung und keine dauerhafte Therapie", weiß Holger aus eigener Erfahrung. Warum er stottert, weiß Holger nicht. Er hat weder extreme Erlebnisse noch sonst irgendeinen Auslöser gehabt. Er fing einfach an zu stottern, als er zu sprechen begann. Und eigentlich dürfte er gar nicht stottern, denn praktisch wie theoretisch gibt es wahrscheinlich nichts, was Holger nicht über das Stottern und deren Heilung weiß und auch schon ausprobiert hat. Doch stottern ist nicht gleich stottern und jeder hat seine eignen, schwierigen Buchstaben. Bei dem einen hängst am ,A`, bei dem anderen am ,K`. Holgers schlimmstes Erlebnis sitzt ihm heute noch in den Knochen, obwohl es schon ewig her ist: Holger ist 12 oder 13 Jahre alt und sitzt in einer Runde von

gleichaltrigen. Keiner kennt keinen und die übliche Vorstellungsrunde beginnt unter Leitung eines Erwachsenen. Noch sechs sind vor ihm, jetzt noch fünf, noch vier.... Holger zählt im stillen.... und dann ist er dran. Holger will seinen Namen sagen, er will sich vorstellen, sagen, warum er hier ist, was er erwartet.....doch er schafft es nicht, kein Wort, kein einziger Buchstabe kommt aus ihm heraus. Holger steht sprachlos vor einer Gruppe von Jugendlichen, die ihn anstarren. Der erwachsene Betreuer starrt ihn auch an - keiner sagt etwas, keiner macht etwas, keine Reaktion. Nach wenigen Minuten, die ihm wie Stunden vorkommen, gibt der Leiter das Wort einfach an den nächsten weiter und Holger setzt sich, den Tränen nahe und so beschämt, wie noch nie in seinem Leben. ,,Das werde ich nie vergessen," sagt er heute, ,, dieses nicht beachtet werden, dieses einfach nicht vorhanden sein. Jede Reaktion, ja selbst lautes Lachen, wäre besser gewesen, als dieses Gefühl der Unsichtbarkeit." Wie froh wäre Holger über jede Art von Hilfe gewesen, vielleicht über das Angebot später noch etwas zu sagen. Damals hat Holger bitterlich geweint - heute würde ihm das nicht passieren. Wenn ihm einer blöd kommt wegen seines Sprechens, lässt er ihn einfach stehen. Er muss sich nicht entschuldigen, weil er stottert, ein bisschen Toleranz erwartet er einfach von seinen Mitmenschen. Heute hält Holger zusammen mit seiner Logopädin Vorträge über das Stottern und möchte eine Selbsthilfegruppe gründen. Interessiert, dann lesen Sie nebenstehende Info.
Selbsthilfegruppe Es gibt ca. 1.000.000 Stotterer in Deutschland. Stotterer sind oft besondere Menschen mit besonderen Qualitäten und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Stottern ist eine nicht flüssige Sprechweise, die meist unter Stress verstärkt auftritt. Sprechängste und Unsicherheiten rufen eine Blockade der Koordination zwischen Atmung und Stimmbildung an den Stimmbändern hervor. Diese Unfähigkeit, mit dem Ausatmen, den Stimmbändern und Zunge, Gaumen, Lippen, Zähne die beabsichtigten Laute zu bilden, lässt den Stotterer ein negatives Selbstbild kreieren, das sein Stottern zunehmend ausgeprägter werden lässt. (von Hans Liebelt, www.stotterer-training.de). Holger Stoffler hat sein negatives Selbstbild in ein positves umgewandelt und möchte ein Selbsthilfegruppe für Stotterer gründen, die sich regelmäßig trifft, sich austauscht und Erfahrungen weitergibt. Interessiert? Holger freut sich auf ihren Anruf unter Tel. 07704-923774. ck.

Barbara Dickmann