Familie Bildhauer 1992 auf den Cook Inseln. Von links: Kai (vorne), Jan, Gabriele und Wolfgang Bildhauer. Bild: Privat
Alles ist hell und freundlich. Die Wände in gelb-orange - eine offene Ebene und wo man geht und steht wird Geschichte erzählt. Nein, nein, nichts Welt bewegendes. Keine Dokumente aus frühester Urzeit, keine wertvollen Bilder berühmter Maler oder gar irgendwelche anderen künstlerischen Ergüsse. Was uns entgegenstrahlt, ist die ureigene Geschichte einer Familie. Die Geschichte zweier Menschen, die seit Jahrzehnten zusammenleben, Kinder gezeugt und ein Haus gebaut haben und als Familie mit fast erwachsenen Kindern immer noch eng beieinander sind.
Na ja, so eng nun auch wieder nicht, zumindest, was den ältesten Spross der Familie Bildhauer aus Königsfeld betrifft und wenn man das in Kilometern ausrechnet. ,,Jan ist in Südafrika und arbeitet in einem Waisenhaus", berichtet Wolfgang Bildhauer. Und dann legt er los, denn Afrika ist sein Thema.
1978 war er zum ersten Mal da. Und da begann etwas, was er als seinen ganz persönlichen ,,Afrika-Wahn" bezeichnet. Während des Studiums baut er in seiner Freizeit einen VW-Bus aus, 1983 startet er damit die erste Expedition, 1984 die zweite. Er nutzt Förderprogramme, um ein Buschhospital zu unterstützen, nimmt Medikamente im Wert von 20.000 DM mit, sammelt Brillen und, und, und...Vom ersten Tage an mit dabei ist seine Frau Gabi. Sie kündigt ihren Job als Friseuse und arbeitet am Fließband und sammelt. Sammelt für
Afrika, genau wie ihr Mann, denn einfach nur als Tourist durch die Gegend zu fahren, ist auch nicht ihr Ding.
Die Familie wächst. Jan wird geboren und ist gerade sechs Monate alt, als er vier Monate durch die ganze Welt reist - natürlich im Wohnmobil.
1994 beginnt das große Abenteuer. Gabi und Wolfgang Bildhauer bringen ihr Wohnmobil ,,Marke Selbstausbau" und so einfach, dass es in Deutschland nur belächelt würde, nach Afrika. Mit von der Partie, Jan-Philipp und Kai-Uwe, gerade einmal 8 und 6 Jahre alt. Und von da an fährt die Familie jedes Jahr für ein paar Wochen - entweder im Sommer oder im Winter - nach Afrika. Von einem Land ins andere. Sechs Jahre lang on Tour mit Kind und Kegel und oft genug mit den Großeltern.
Faszination pur - Natur pur - Wüste, die lebt! Gabi Bildhauer schwärmt, wenn sie nur daran denkt. Ein Nachmittag allein mit 1000 Elefanten, mit einer Antilopenherde - ein Löwe, der im fünfzig Meter Entfernung liegt! Einfach die Schöpfung erleben. ,,Man denkt in anderen Dimensionen und wird nachdenklich über unseren Umgang mit der Natur", sagen die Bildhauers. Fröhliche Menschen ohne Berührungsängste, buntes Treiben auf den Märkten, Lebensfreude pur! Aber auch viel Leid und Elend. Das belastet und macht nachdenklich. ,,Südafrika ist Luxus und extreme Armut", sagt Wolfgang Bildhauer, ,,Wir haben alles erlebt und alles als Familie. Vom Matratzenlager, über Jugendherberge bis zum Luxushotel. Wir sind auf einem heiligen Berg gewesen, um Mitternacht losgelaufen und haben den Sonnenaufgang auf dem Gipfel erlebt. Tage im Staub und die Gier nach einem guten Essen. Auch auf unseren Reisen ging es hoch und runter. Die Kinder sollten das breite Spektrum des Lebens kennen lernen".
Immer haben sie etwas dabei, was den Menschen dort fehlt. Sie fahren voll bepackt los und kommen mit dem Hemd am Leib wieder. Soziales Engagement ist immer im Gepäck. ,,Natürlich habe ich auch manchmal Angst gehabt," sagt Gabi Bildhauer, ,,doch unser Horizont ist einfach größer geworden und wir als Familie haben einfach einmal Ruhe gehabt. Haben uns nur mit uns beschäftigen können und mussten das auch. Vielleicht wächst man dadurch zusammen?"
Mit von der Partie sind oft genug die Großeltern. Ursula Kopp, Mutter von Gabi Bildhauer, geht mit 68 Jahren noch dafür
arbeiten, und hält sich fit, damit sie noch möglichst lange mitreisen kann. ,,Das ist jedes Mal ein Abenteuer, das powert mich so richtig auf. Gabi und Wolfgang gehen wirklich überall hin, die zwei sind schon was Tolles und das Beste, was mir im Leben passiert ist!" Na, wenn das kein Kompliment ist aus dem Mund der Schwiegermutter und auf ihre beiden Enkel ist sie natürlich besonders stolz. Jan erhielt 2005 den Elternpreis des Zinzendorfgymnasiums für besondere soziale Leistungen, weil er sich ganz selbstverständlich engagierte und nie als Einzelkämpfer auftrat. Auch jetzt absolviert er in Afrika seinen Zivildienst im Ausland (mehr über Jan in der kommenden typisch frau). Nach einigen Wochen Afrika ist die kleine Welt zu Hause nicht mehr so wie sie war. Was sind das für Probleme, mit denen wir uns herumschlagen? Das kaputte Auto, der teure Kredit? Oft sitzt der Kulturschock tief. Und obwohl ihr Leben in Deutschland ein Leben im Wohlstand ist, fühlen sie sich frei dabei. Keine Frage, Luxus ist schön. Doch sie könnten auch ohne!
Wirkung auf die Familie
Fern von zu Haus fühlt man sich so nah wie nie zuvor! Dieser Satz aus dem neuen Buch von Nicholas Sparks ,,Nah und Fern", könnte auch von den Bildhauers stammen. Doch das ist es nicht allein. Denn wenn es dann mal kracht an allen Ecken und Enden, der Partner nur noch nervt und schier unausstehlich scheint, kommt aus dem hintersten Winkel des Herzens dieses ,,Afrika-Gefühl" wieder hervor. Und vor dem inneren Auge sieht man ihn (oder sie) beim letzten gemeinsamen Abenteuer. Wie souverän er (oder sie) die Löwen-Situation meisterte, wie wunderbar sie (oder er) mit dem Menschen umgeht, immer wieder schafft sie (oder er) es, wirklich zu helfen.
Und dann wird dieses "Afrika-Gefühl" immer stärker, die Nähe immer größer und die Vorstellung von Scheidung oder Trennung rückt in weite Ferne. Denn die Werte die man gemeinsam hat, sind immer noch da und werden gelebt - gemeinsam. Und man fühlt es ganz genau: Das Gemeinsame überwiegt und nicht das Trennende. Zugegeben, es muss nicht immer Afrika sein. Und das ist nur ein Beispiel. Doch wer dieses ,,Afrika-Gefühl" nicht kennt, wo dieses gemeinsam Erlebte oder Durchstandene nicht abrufbar ist, wenn die Krise kommt, hat es wesentlich schwerer aus ihr herauszukommen.
Barbara Dickmann
