Es gibt Schicksale, die einem Horrorfilm gleichen. Doch trotz Krankheit, Elend oder Not ergibt sich oft ein positiver Aspekt im Nachhinein, wachsen Menschen und entwickeln Fähigkeiten, die sie sich nie zuvor erträumt hätten. Der nachfolgende Lebensbericht einer Frau aus der Region lässt diesen Aspekt leider vermissen - oder vielleicht ist es einfach noch zu früh. Hier ihre Geschichte:
Ich bin Französin und 45 Jahre alt. Ich komme aus einer sehr strengen Familie und durfte mich nicht einmal 20 Meter vom Haus entfernen. Auch als wir heranwuchsen, wurden meine zwei Geschwister und ich wie Gefangene gehalten und zusätzlich noch von den Eltern oft verprügelt. Als ich 18 war, nahm mich eine Tante mit auf einen Ball. Ich verliebte mich in einen netten, jungen Mann und schon passierte es. 1978 haben wir geheiratet und ich schwebte auf Wolke sieben, wir würden glücklich miteinander alt werden, das wusste ich genau. Doch dann passierten ganz seltsame Unfälle. Er fiel vom Lastwagen, brach sich beim Fahrrad fahren ein Bein und hatte Gleichgewichtsstörungen. Dein Mann hat einen Knall, sagten die Leute um mich herum, doch keiner kam auf die Idee, dass es krankhaft sein könnte. Es waren die Anfänge einer ganz seltenen Krankheit, die mit Muskelschwäche anfängt und mit dem totalen Gedächtnisverlust bis hin zum Tod aufhört.
1981 wurde unsere Tochter geboren und obwohl ich jetzt Mutter war, war ich selbst noch ein Kind. Krankhaft schüchtern wechselte ich die Straßenseite wenn mir nur ein Mann entgegenkam und ich wurde nicht nur rot, sondern lief lila an. Meine Ehe scheiterte nicht an der Krankheit meines Mannes, sondern am Sex. Er war ziemlich aktiv und verlangte Dinge, die ich nicht wollte. Er kaufte Pornovideos und ich habe mich so geekelt, dass ich nicht mehr essen konnte. Als dann noch andere Frauen dazu kamen und mein Mann behauptete, alle Frauen würden das für ihre Männer tun, war ich am Ende. Ich wog nur noch 33 Kilo, als ich mich einer Nachbarin anvertraute. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen, schickte mich sofort zu einer Anwältin und ich ließ mich scheiden. Ich bekam nur wenige France Unterhalt und rutschte immer mehr in die Isolation. Ich hatte keine Arbeit, keine Freunde und 1983 schrieb ich einen Abschiedsbrief und nahm Tabletten.
Die Feuerwehr rettete mich und mein Vater nahm mich und meine Tochter mit nach Hause. Es änderte sich nichts und die gleiche Hölle, die ich in meiner Kindheit erlebt hatte, setzte sich fort. Es wurde erst besser, als ich eine Arbeit fand und mir von meinem ersten Lohn ein Auto kaufte.
Im Betrieb lernte ich einen Mann kennen. Er war ein richtiger Arbeiter mit riesigen Händen und erbärmlich angezogen. Er war nicht gewaschen und nicht rasiert und schlief im Auto, da er keine Wohnung hatte. Ich war voller Mitleid, brachte ihm etwas zu essen mit, nähte sein Klamotten und traf mich manchmal mit ihm. Er bat mich, bei ihm zu bleiben und da die Eltern mich mit 25 immer noch behandelten wie
ein kleines Kind, gab ich schließlich nach. Wir renovierten einen alten Schuppen und holten dann meine Tochter. 1986 haben wir geheiratet, dann wurde er arbeitslos und über eine Annonce fand er einen Job in einer Fabrik im Schwarzwald. Wir zogen um und wieder in eine mehr als einfache Wohnung.
Mein Mann arbeitete regelmäßig, doch er gab das ganze Geld für sich aus und machte noch obendrein Schulden. Ich bekam nur ein Minimum an Haushaltsgeld und doch verlangte er jeden Abend ein fürstliches Essen mit Wein. Dann kamen immer mehr Päckchen von etlichen Versandhäusern und er legte sich eine Fotoausrüstung vom feinsten zu. Fotografieren war sein Hobby und ständig versuchte er, seine Bilder auf den Markt zu bringen.
In dieser mehr als armseligen Situation wurde ich schwanger und es ging mir sehr schlecht. Ich musste oft ins Krankenhaus, bekam Nierensteine und war froh, als mein Sohn durch einen Kaiserschnitt endlich auf die Welt kam. Die ganze Zeit über waren mein Mann und seine Stieftochter ein Herz und eine Seele und schon im Krankenhaus merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Meine kleine, inzwischen sechs Jahre alte Tochter trug auf einmal hübsche Kleider und war geschminkt. Es lag auf der Hand und mein Mann gab es auch zu, er missbrauchte meine Tochter. Ich war wie gelähmt, klammerte mich an das Baby und war mehr im Krankenhaus als zu Hause. Dann ging ich wieder zu meinen Eltern, doch kehrte wieder zu ihm zurück, als er mir versprach, meine Tochter nicht mehr anzurühren.
Ich habe viel geweint in dieser Zeit und wurde dieses seltsame Gefühl nicht los. Drei Jahre später habe ich meine Tochter und meinen Mann bei sexuellen Handlungen erwischt und an diesem Tag brach meine Welt endgültig zusammen. Ich zog mich zurück und schenkte meine Liebe meinem kleinen Sohn. 1996, als meine Tochter fünfzehn war, zogen wir in den Nachbarort. Im gleichen Jahr starb mein Vater an Mundkrebs und ich glaube, das war bei mir der Auslöser. Ich brach zusammen und drehte durch. Ich hatte schwerste Depressionen und Panikattacken, konnte nicht mehr aufstehen oder kochen und wurde medikamentös behandelt. Meine Tochter übernahm nun völlig meine Rolle und versorgte meinen Mann. 1998 habe ich zum zweiten Mal versucht mich umzubringen. Meine Tochter war mittlerweile meine Rivalin, mein Mann ging und kam wann er wollte, gab weiterhin viel Geld aus und mein Sohn war schon zwölf und kam gut ohne mich zurecht. Ich war zu nichts mehr nutze und schluckte wieder Tabletten. Doch mein Sohn fand mich, rief meinen Mann auf seinem Handy an und er sorgte dafür, dass ich sofort in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Eine Woche lag ich auf der Intensivstation und fand einen Arzt meines Vertrauens. Ihm musste ich versprechen, in eine Psychiatrie zu gehen. Vier Monate war ich dort und habe viel gelernt. Von den vielen Tabletten war ich süchtig geworden, doch jetzt wollte
ich ohne sie leben. Ich habe gemerkt, dass ich mich abhängig machte von meinem Mann, dass ich mich wertlos fühlte und überhaupt nicht als Frau. ,,Mich will eh kein Mann", habe ich immer gedacht, doch da waren nette, attraktive und kluge Männer, die mich einfach nett, ja sogar wundervoll, fanden. Ich musste Röcke anziehen und lernte durch etliche Rollenspiele mich durchzusetzen und auch mal zu schimpfen. In dieser Zeit blühte ich richtig auf, doch zu Hause ging dann gar nichts mehr. Mein Mann benutzte mich nur, er gab weiter viel mehr Geld für sich aus, als er verdiente und ich vertraute mich einer Arbeitskollegin an. Sie riet mir, doch endlich eine eigene Wohnung zu nehmen und gleich am nächsten Tag fand ich eine. Da hat mir Gott geholfen, da bin ich ganz sicher. Alle Arbeitskolleginnen haben beim Umzug mit angefasst und ich habe nur mitgenommen, was mir gehörte. Mein Sohn und meine Tochter sind beide mit mir gekommen. Doch mein Mann suchte sich gleich auch eine neue Wohnung und wollte, dass meine Tochter zu ihm zog. Doch meine Tochter blieb bei mir und ich habe von ihr verlangt, dass sie ihren Vater anzeigt, denn ich wollte, dass er seine Strafe bekommt. Das geschah alles im Februar 2000. Mein Mann ist mittlerweile wegen Kindesmissbrauchs zu Gefängnis mit Bewährung verurteilt worden und musste meiner Tochter ein Schmerzensgeld zahlen. Doch Ruhe ist bei uns keine eingekehrt. Ich bin zwar geschieden und meine Tochter wohnt zwar immer noch bei mir, doch dafür hat mein Mann mir meinen Sohn genommen, der jetzt bei ihm wohnt. Eines Tages war er einfach weg und ich vermisse ihn sehr. Ständig zeigt mein Ex-Mann mich an, schreibt verleumderische Briefe an meinen Chef, an meine Freundinnen, an das Jugendamt und macht meine Auto-Reifen platt. Und für seine Schulden soll ich auch noch aufkommen. Immer wieder steht der Gerichtsvollzieher auf der Matte, der das Geld für seine fälligen Kredite und den Unterhalt für unseren Sohn eintreiben will. Mittlerweile habe ich überhaupt kein Geld mehr und in mir ist eine große Wut. Meine Tochter ist sehr schwierig, hat häufig Migräne und ist in psychiatrischer Behandlung. Sie lebt in ständiger Angst vor ihrem Stiefvater, der uns bedroht und so verletzende Briefe schickt, dass wir nur noch heulen können. Wir haben manchmal kaum etwas zu essen, ich habe kein Bankkonto mehr und weiß nicht, wovon ich die nächste Miete bezahlen soll - doch er lebt weiter wie die Made im Speck.
Heute weiß ich, dass die Trennung von ihm das Beste war, was ich je geleistet habe, dass ich viele Fehler gemacht habe und meine Tochter hätte schützen sollen. Ich habe immer geglaubt, mittlerweile viel Kraft zu haben. Doch jetzt bin ich am Ende. Er wird uns nie in Ruhe lassen, er wird niemals aufhören uns zu belästigen - er ist zu allem bereit. Und ich werde tagtäglich um das Nötigste zum leben kämpfen müssen und habe meinen Sohn verloren. Ich stehe am Abgrund und rutsche immer tiefer - und er fühlt sich gut dabei. Protokolliert von Barbara Dickmann
Barbara Dickmann
