Hand in Hand können Menschen auch ein schweres Schicksal meistern, wie das Protokoll von Valerias verlorenem Kampf zeigt. Bild: aboutpixel
Helfen hilft allen! Zu helfen macht Freude. Das weiß jeder, der sich schon einmal engagiert hat. Doch manchmal wird diese Aufgabe schwer und bereitet schlaflose Nächte. Hier Auszüge aus dem Schriftwechsel der Vorsitzenden einer Stiftung mit Valeria F., einer jungen Frau, die sie unterstützt hat - mit Geld, Zuwendung, mit Rat und Tat, mit Zeit zum Zuhören. Völlig ehrenamtlich und ohne Erstattung irgendwelcher Kosten:
30.1.07 Erstkontakt mit der Stiftung. Valeria F. hat seit dem 1. Mai 2006 Brustkrebs. 2 Operationen, 6 Chemo-therapien, Bestrahlung. Der Krebs ist aggressiv. Sie ist 39 Jahre alt, hat eine 13-jährige Tochter, lebt in Singen, hat Vergewaltigung, Brutalität und Scheidung hinter sich, versucht die Schulden ihres Ex-Mannes abzuzahlen und sich ein neues Leben aufzubauen. Durch die Krankheit fehlt das Geld und die Brustkrebs e.V. bittet die Stiftung um Hilfe. Die Vorsitzende nimmt Einsicht in die Vermögenslage und ärztlichen Befunde.
Email von Stiftung an Valeria: "...konnte Sie telefonisch nicht erreichen - deswegen kurz per Mail. Ich habe schon Rückmeldung von allen Stiftungs-ratsmitgliedern bekommen und werde Ihnen morgen € 1000 überweisen. Email von Valeria: "...werde den Betrag nach Eingang umgehend bestätigen. Ich freu mich so sehr und bin Ihnen und Ihren Stiftungsratmitgliedern unglaublich dank-bar. Viele meinen, es gäbe keine Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit mehr. Nun werde ich diejenigen, die daran zweifeln, eines Besseren belehren. Danke..."
3. Februar Email von Valeria: Hallo und guten Morgen, liebe Frau E. Ich bestätige den Eingang der 1000 €. Obwohl ich gestern nicht unbedingt so gute Nachrichten erhalten haben, konnte ich mich doch wenigstens darüber freuen. Die Ärzte haben an der Brust und in der Axilla etwas entdeckt, wo sie sich im Moment nicht schlüssig sind, ob sich erneut etwas in den 3,5 Wochen nach meiner letzten OP wieder gebildet hat. 6.4. Email von Valeria:. "...habe noch einige Unter-suchungen vor mir und hoffe, nein, nicht hoffen, es wird so sein, dass nicht zu finden sein wird..." In der Anlage die Rechnungen, die ich bezahlen konnte. Habe Katrin einiges an Kleidern kaufen können, die sie so dringend brauchte und einen neuen orangefarbenen Schreibtisch-stuhl, von dem sie schon seit einem Jahr redet.
16. April Email von Valeria: "...habe mal meine Geschichte aufgeschrieben, hoffe, das ist O.K. so, hab einfach drauf los geschrieben..." 15. Mai "...nun ist es bald soweit, in einer Woche fahren Katrin und ich in die Reha. Muss auch gleich zum Arzt, aber es geht ganz gut, außer den dauernden Knochenschmerzen, aber ich werde sicherlich nicht jammern. 7. August Stiftung an Valeria: "...Ihr Anruf heute Mittag hat mich sehr beschäftigt und ich lief hier fast wie Falschgeld rum..." Wollte Ihnen eben eine Grußkarte schicken, aber - ehrlich gesagt - nichts Passendes gefunden. Somit jetzt kurz - bevor Sie und ich ins Bett gehen... Auch wenn wir uns nicht persönlich kennen lernen konnten - ich habe Sie wirklich lieb gewonnen. Ich denke an Sie, und ich denke, dass Sie die aktuelle Diagnose mit ihrem Optimismus bewältigen können. Ich werde Ihnen dabei auf jeden Fall zur Seite stehen... 12. August Valeria an Stiftung: "...die Ereignisse hier überschlagen sich. Seit Freitag weiß ich definitiv, dass ich zwei Metastasen an den Lendenwirbeln habe. Nun steht alles offen, ob sie überhaupt operieren, ein ganz großes Fragezeichen. Am Donnerstag habe ich einen Termin in Großhadern, drücken Sie mir die Daumen, dass ich nicht noch mehr Metastasen irgendwo habe..." 14. August Vorsitzende der Stiftung trifft sich mit Valeria. 18. August Stiftung an Valeria: "...nach unserem Gespräch gestern kullerten mir schon ein paar Tränchen raus...Es ist so schade, dass selbst Großhadern keine Chancen mehr sieht. Ich war nach deiner Diagnose inzwischen sehr aktiv. Wie ich Dir schon gestern sagte, brauchst Du dir um die Entwicklung deiner Tochter wirklich keine Sorgen machen..." Valeria, ich umarme dich in Gedanken ganz fest, wie ich es am Mittwoch tat. 4. September Stiftung am Valeria: "...denke jeden Tag ganz fest an dich. Wie geht es Dir und deiner Katrin. Ist schon mit der Chemo begonnen worden? Wie war deine Geburtstagsfeier?
Antwort Valeria: "...meine Feier war etwas komisch. Es war schön und doch war eine sorgenvolle Stimmung in der Luft. Donnerstag habe ich den Termin zwecks Port und wenn das erledigt ist, wird es wohl losgehen mit der Chemo. Alles fängt von vorne an. Das macht mich ungemein traurig. Und meine innere Ruhe, die hab ich leider bis jetzt noch mehr gefunden. Ich bin eine Kämpferin, ich habe mich fürs Leben entschieden und daran werde ich festhalten und mir nieeeee den Mut nehmen lassen, auch wenn die kurzen Augenblicke mich manchmal erdrücken wollen..."
12. September Telefonat mit Valeria: "Weitere Metastasen in der Lunge, die Metastasen an der Wirbelsäule bereiten ihr starke Schmerzen, so dass sie schon Morphium nehmen muss. Freiburg nimmt sie jetzt in eine Studie. Der Tumor frisst jetzt die Wirbelsäule wohl auf. 14. September Die Stiftung finanziert eine neue Schultasche für Katrin und einen Zuschuss zur Winterkleidung. 19. Dezember Valeria ist im Krankenhaus, Probleme mit dem Magen. Die Stiftung beschließt, die Gelder zusammenzuhalten, um später für Katrin zu sorgen. Katrin ist in der Schule sehr schlecht geworden. Es fällt schwer, Weihnachtswünsche zu äußern. 25. Januar Email Stiftung an
Schwester von Valeria, die in Madrid lebt. Valeria hat Schulden von über 50.000 €. Verhandlungen mit den Gläubigern und einer weiteren Stiftung, die sich beteiligen will. Der Exmann und Schuldenver-ursacher, will nichts übernehmen. Valeria hat Angst, dass ihre Tochter dafür einstehen muss. Beste Lösung: Nichts tun und später das Erbe ausschlagen. Doch die Großeltern haben Angst vor Pfändung und Gerichtsvollzieher und sind total überfordert. 7. Februar 08 Valeria geht es sehr schlecht, 9 von 10 Gläubigern wären mit einer kleinen Abfindung zufrieden. Es wird weiter verhandelt. Valeria wird beruhigt, es wird alles geregelt werden. Es ist das letzte Telefongespräch. 22. Februar 08 Der Vater will das Sorgerecht und Katrin nach Hamburg holen. Katrin will nicht. Die Stiftung erklärt ausdrücklich, dass dann die Unterstützung wegfalle, da der Vater arbeiten könne. 28. Februar 08 Schwester an Stiftung: "…habe für morgen einen Flug gebucht. Man teilte mir mit, dass ich kommen solle um Abschied zu nehmen...meine Güte, ich weiß noch nicht, was dies heißen soll, die Stille und Trauer und die Grausamkeit scheinen schon in meiner Nähe zu sein..." 8. März Stiftung an Schwester: "...habe in den letzten 2 Wochen jeden Tag an Euch gedacht...Ich weiß, dass die Zeit traurig und hart für euch ist. Ihr könnt mich jederzeit anrufen...drücke Euch alle in Gedanken..." 13. März Schwester an Stiftung: "...es wird immer schlimmer und komplizierter. Am 20. März muss ich zurück, sonst bekomme ich Probleme. Valeria ist immer noch stationär in der Klinik. In Abwechslung übernachten meine Mutter und ich bei ihr. Täglich wird ihr 1 - 1,3 Liter Wasser aus den Lungen gezogen. Es ist schrecklich, wir kämpfen mit ihr mit, um alles auf dem besten Weg zu überstehen. Das Krankenhaus braucht das Bett, wir suchen ein Pflegeheim...Wir sind mit den Nerven am Ende." 23. März Valeria ist tot. Sie stirbt in dem Bewusstsein, dass die Stiftung für ihre Tochter sorgen wird. Stand Mai 2008: Katrin wohnt bei den Großeltern. Die Schwester lebt in Madrid und kommt so oft wie möglich. Die Stiftung sorgt nach wie vor für Nachhilfe, für zusätzliche psychologische Betreuung, finanziert Schulausflug und alles Nötige, was die Großeltern nicht leisten können. Kindergeld und Waisenrente betragen 280,-- € im Monat. Die Rente der Großeltern ist nicht üppig. Die Wohnverhältnisse sind sehr beengt. Die ganze Familie wird jetzt das Erbe ausschlagen, damit sie nicht für die Schulden von Valerias Exmann aufkommen muss. Die Wohnung ist aufgelöst und die Familie versucht in die Normalität zurückzukommen. Das Jugendamt befürwortet die Unterbringung von Katrin bei den Großeltern. Das Gericht wird in diesem Monat entscheiden. Die Stiftungsvorsitzende strebt eine Paten-schaft an, bis Katrin für sich selbst sorgen kann. Der Kontakt läuft jetzt per Email über Valerias Schwester und per Telefon mit den Großeltern und Katrin. Katrin leidet. Es ist sehr schwer. Nach wie vor hat die Vorsitzende der Stiftung manchmal schlaflose Nächte, weil wieder ein Problem ansteht. Trotzdem, sie ist froh, dass sie helfen kann - und das nicht nur mit Geld. Helfen hilft! Jedem!
Barbara Dickmann
