Aus der Zeit der Blümchenkleider

- Zwischen vierzehn und achtzehn: Ein Buch anno 1961, herausgegeben in der Deutschen Demokratischen Republik -

Bildu.: O-Ton Sonja Walter 1961: Ausgeruht und frisch in den neuen Tag. Bild: Buch zwischen vierzehn und achtzehn.

Das Cover ist brüchig und voller Flecken. Direkt auf der ersten Seite steht eine kleine Widmung in altdeutscher Schrift, auf der nächsten eine verblichene Fotografie eines jungen Mädchens. Es ist ein Buch für Teenies zwischen vierzehn und achtzehn, geschrieben von Sonja Walter. Vierte, überarbeitete Auflage, herausgegeben 1961, Verlag Neues Leben, Ostberlin, Deutsche Demokratische Republik.
"Du bist wunderbar jung, und das Leben liegt vor dir. Es ist schön, am Anfang zu stehen, im sonnigen Frühling. In deiner Hand liegt es, wie sich dein Leben später einmal gestalten wird. Über dreihundert Seiten lang wollen wir gemeinsam plaudern - über Pflege unserer Schönheit, die schlanke Linie, so etwas wie eine Verkehrsordnung des guten Tons, über Tiere und Pflanzen und kleine Besonderheiten des Alltags und auch die Liebe soll nicht zu kurz kommen..." so beginnt es.
1961 ist die "Bravo", das Magazin für die Jugend, gerade einmal sechs Jahre auf dem Markt, am 13. August beginnt der Berliner Mauerbau, die Arbeitslosigkeit liegt unter 1 % , die ersten "Gastarbeiter" kommen, der erste Mensch fliegt durch das All und die Jugend tanzt Twist. Und was trägt der Teenager von 1961? Natürlich Kleider! Kleider mit schwingenden Röcken, mit Puffärmeln, mit großen, weißen Kragen, mit Streifen, Blümchen, Karos, Äpfeln bedruckt. Handschuhe, Hut, halbhohe Schuhe und eine Handtasche - graziös am angewinkelten Arm getragen! Hosen? Natürlich nur zum Sport.
"Du kannst kein zweckmäßigeres Kleidungsstück für die Radtour auswählen als die Hose. Sie ist für Sport und Spiel unentbehrlich. Auch Vollschlanke brauchen sich nicht zu scheuen "die Hosen anzuziehen". Für sie eignen sich lange glatt

fallende Hosen, die die Körperformen unbetont lassen. Die bleistiftengen sind nur für Gertenschlanke tragbar - leider. Aber nicht traurig sein, wenn die liebe Rückseite ein bisschen mollig ist. Zwischen Shorts, die das Bein bis zum Oberschenkel frei lassen, wadenlangen mit und ohne Aufschlägen und knöchellangen bleibt dir die Wahl..."Keine Frage, wichtige Dinge für ein junges Mädchen.
Doch mitten drin wird es immer mal wieder politisch: ,,...Ein Mädchen, das mit viel Eifer ihren Körper verschönt, aber die Hände in den Schoß legt, wenn in Algerien junge Patrioten gefoltert werden, das ihre Stimme nicht erhebt, wenn im Bonner Bundestag der Krieg vorbereitet wird, das sich vor Arbeitseinsätzen drückt, weil ihre Fingernägel abbrechen könnten - solch ein egoistisches Mädchen wird eine kalte frostige Atmosphäre um sich verbreiten. Bewunderung verdient vielmehr jene, die den Gang zum Friseur auf morgen verschiebt, wenn es heute gilt, für unsere sozialistische Heimat eine gute Tat zu vollbringen..."
Und weiter geht es mit Sprüchen, die wohl nie aus der Mode kommen: Kosmetik beginnt innen! Gesunde Ernährung macht schön! Jeder braucht eine Mütze voll Schlaf! Pflege deinen Körper! Nicht zuviel Sonne! Ja selbst ein leichtes Make-up ist erlaubt. Doch Wimperntusche allein reicht der Autorin nicht. Hier ihre mahnenden Worte: "Augen vermögen vieles zu sagen. Hass, Liebe, Schmerz - alles spiegeln sie wieder. Das innerste Ich tritt im Ausdruck der Augen zutage. Ein Funke glüht auf, bei diesem warm und strahlend - bei jenem kalt und herrschsüchtig. Zwei Charakterzüge offenbaren sich. Das Auge hat sie preisgegeben. Wer seine Augen pflegen will, forme seinen inneren Menschen. Ein sauberes, furchtloses Wesen ist die beste Garantie für einen offenen, geraden Blick, der andere Menschen anzieht. ..."
Jeden Morgen soll der Teenie anno 1961 zehn Minuten früher aufstehen, das Fenster öffnen und turnen. "Fange rechtzeitig damit an, wenn du noch rank und schlank bist. Geschmeidige Glieder bewegen sich ganz von selbst in rhythmischem Takt. Jeder Steifheit fern, gewöhnt sich der Körper an jene stolze, aufrechte Haltung, der die Menschen bewundernd nachschauen..." Ein anmutiges Geschöpf zu sein, ist das Ziel. Und die Turnübungen, die dann folgen, kennen wir nur alle allzu gut. Aufklärung à la Dr. Sommer findet nicht statt. Dafür ist die Gleichberechtigung ein großes Thema.
Hier O-Ton von Sonja Walter: ...Im Kapitalismus spielt sich das Leben der einfachen Frau nicht mehr ausschließlich in der häuslichen Enge ab. Die Not zwingt

viele Frauen, in den Fabriken zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Mehr Rechte räumte man der Frau deshalb nicht ein - abgesehen von dem Recht, 18 Stunden täglich zu arbeiten. So legte das französische Gesetz fest, dass die Frau keinerlei Anspruch auf das von ihr erworbene Geld hat. Der Mann konnte sich ihren Lohn auszahlen lassen und ihn für sich verbrauchen oder für seine Geliebte! Er war nicht verpflichtet, seiner Ehefrau und ihren Kindern auch nur einen Sou zu überlassen. Das bürgerliche Gesetzbuch stand dem Code civil in keiner Weise nach. Erst die politisch organisierten Frauen, geführt von Clara Zetkin, erzwangen sich gewisse Rechte. Die völlige Gleichstellung der Geschlechter konnten sie allerdings unter den Bedingungen der Ausbeutergesellschaft nicht erreichen. Die Frau ist in kapitalistischen Ländern noch immer benachteiligt. In wenigen Grundgesetzen der Welt wirst Du die Formulierung wie im Artikel 7 unserer Verfassung finden, der lautet: ,,Mann und Frau sind gleichberechtigt. Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben. Unsere Moral ist nicht verlogen wie die bürgerliche, die dem Mann zugesteht, sich "auszutoben", von der Frau aber fordert, dass sie unberührt in die Ehe tritt. Keiner übt auf Dich einen moralischen Druck aus, einen ungeliebten Mann zu heiraten. Das ist selbstverständlich kein Freibrief, wahllos ohne Bedenken sexuelle Beziehungen einzugehen. Du musst immer damit rechnen, dass dein Tun Folgen haben kann. Obwohl die ledige Mutter bei uns keine Benachteiligung zu fürchten hat, lastet auf ihr die Sorge um das junge Leben, und für ein Kind ist es immer besser, in der ehelichen Gesellschaft aufzuwachsen..."
Doch auch die sozialistische Frau soll in der Küche ihre Frau stehen. Es folgt, was immer folgen muss - Kochrezepte, ein bisschen Etikette, wie frau Blumen pflegt und hartnäckige Flecken entfernt. Die Freizeit im sozialistischen Deutschland: Handarbeit, Sport, Lagerfeuer, Zeltplatz, Jugendherberge, FDJ. Die Berufe: Nach Lust, Laune und Begabung, denn ,,Die Frau hat große Aufgaben beim Aufbau des Sozialismus zu erfüllen. Dank der Fürsorge unseres Staates ist sie in der Lage, auch in der Ehe ihren Beruf auszuführen..." Egal ob Bundesrepublik Deutschland oder Deutsche Demokratische Republik, das junge Mädchen anno 1961 ist heute eine Frau um die sechzig. Sie hatten alle die gleichen Probleme und doch wurden sie geprägt durch Sozialismus oder Demokratie, durch unterschiedliche Leitbilder, die sie auch heute nicht verleugnen können.

Barbara Dickmann