
Die erste Tanne aus dem
eigenen Wald
Wie Lisa und Matthias ihren ersten Weihnachtsbaum aus dem Wald holten Mutter wollte, wie sie es aus der Stadt gewohnt war, einen Weihnachtsbaum kaufen. Sie hatte auch schon einen schönen gesehen. Der war zwar ziemlich teuer, er war es ihr aber trotzdem wert. Doch beim Abendessen protestierte Vater. Was, einen Tannenbaum kaufen, das komme überhaupt nicht in Frage, gleich morgen würde er in den Wald gehen und einen Baum ausgraben. Schließlich hatten sie jetzt ein eigenes kleines Fleckchen Wald und Wiese. Lisa, seine 8 Jahre alte Tochter klatschte vor Begeisterung in die Hände und auch Matthias, der vierjährige Spross der Familie fand das ganz toll. Nur Mutter runzelte die Stirn. Sie war von den Qualitäten ihres Mannes als Holzfäller nicht so überzeugt. Doch bis zum Heiligen Abend waren es noch zwei Tage und zur Not konnte sie ja immer noch einen Baum kaufen. Gleich am nächsten Tag nach dem Mittagessen, zogen sie los. Vorneweg der Vater. Auf dem Kopf trug er einen alten Bauarbeiter-Helm, seine zarten, feingliedrigen Hände steckten in etwas zu großen Arbeitshandschuhen, doch seine Füße zierten die neuen Arbeitsschuhe mit Stahlkappen. Vater fand das zwar ziemlich überflüssig, doch Mutter hatte so lange gezetert, bis er sie endlich anzog. Unter dem Arm trug er eine Spitzhacke und eine Schaufel. Hinterher trotteten Lisa und Matthias dick eingepackt in ihre Schneeanzüge und Strolch, der Hund, sprang laut bellend um das seltsame Gespann herum. Es hatte zwar nicht geschneit, doch es war klirrend kalt und die Kinder hatten schon nach wenigen Metern knallrote Nasen. Vater schaute und schaute, blieb hier und dort stehen, doch immer hatte er etwas an den Bäumen auszusetzen. Auch die Kinder suchten eifrig. Sie wollten einen riesengroßen Baum, obwohl der nie und nimmer in ihre kleine Bauernstube mit den niedrigen Decken passen würde. Plötzlich blieb Vater stehen. Da stand er – der Traumbaum. Wunderschön kerzengrade gewachsen, genau richtig groß und mit Zweigen, die förmlich danach schrieen mit Kerzen und Kugeln geschmückt zu werden. Vater beäugte ihn noch einmal von allen Seiten und sein Entschluss stand fest. „Papa, du hast die Säge vergessen,“ sagte da Matthias, doch der Vater schüttelte den Kopf. „Wir werden dieses Prachtexemplar natürlich ausgraben und nachher wieder einpflanzen“, verkündete er und Lisa nickte. Ihr Vater dachte eben an alles, was hatte der Baum für ein Glück, das ausgerechnet er ihn gefunden hatte. Doch Vater war schon dabei das dichte Gestrüpp rund um die Tanne zu entfernen, das mit etlichen Dornen versehen war und ziemlich piekste.
Ja selbst durch die alte Jeans drangen die kleinen Biester und Vater fluchte leise. Erst jetzt bemerkte er den kleinen Riss in der Hose, der schnell größer wurde. Dann hatte er es geschafft und nun konnte er den steinharten Boden bearbeiten. Seine Spitzhacke flog nur so durch die Luft um dann mit voller Wucht auf dem Waldboden zu landen. Leider nur mit mäßigem Erfolg. Und nach ein paar Minuten stand ihm schon der Schweiß auf der Stirn. „Papa, schau mal, da hast Du schon ganz viele klitze kleine Löcher geschafft“, sagte Matthias voller Begeisterung und zeigte auf etliche Dellen – das ziemlich magere Ergebnis von Vaters wilder Hackerei. Ungefähr eine Viertelstunde später sah es nicht viel anders aus und Matthias beschloss lieber mit Lisa und Strolch zu spielen, denen es schon lange langweilig geworden war. Als sein Sohn nicht mehr in Sichtweite war, machte Vater erst mal einen Augenblick Pause, wischte sich den Schweiß von der Stirn und schaute den Baum ziemlich sauer an. „Wenn das so weitergeht, dann hole ich doch die Säge“, drohte der überzeugte Umweltschützer der Tanne, was diese aber nicht beeindruckte. Vater holte wieder aus, diesmal landete die Spitzhacke nur wenige Zentimeter neben seinem Fuß und jetzt hatte er genug. Er konnte auch anders! Wütend schmiss er sie auf den Boden, lief zurück zum Bauernhaus, holte schnell die Säge aus dem Stall und überlegte auf dem Weg zu seinem vermeintlichen Christbaum, das sie ja jetzt im Schwarzwald wohnten und hier gäbe es ja genug Bäume und eigentlich sei es ja ziemlich notwendig, den Wald auszudünnen. Und wenn er jetzt den Baum absägen würde, dann hätten ja die anderen Bäume auch viel mehr Luft zum Atmen...Vater setzte gerade die Säge an, als Lisa plötzlich neben ihm stand. „Aber Papa, was machst du denn da?“ fragte sie entsetzt. Jetzt kam auch Matthias angelaufen. Und während Lisa heulte, weil der arme Baum jetzt abgesägt wurde, ließ das Matthias ziemlich ungerührt. Er wollte unbedingt helfen und zog wie wild an der Säge. Doch dieses Teil war auch nicht mehr das Neueste. Vater zog und zerrte, Matthias drückte, zerrte und zog mit seinen kleinen Händchen und blockierte Vater völlig. Und der wurde ziemlich ungeduldig mit seinem kleinen Sohn. Langsam hatte er die Nase voll von der Tannenbaum-Aktion. „Ich mach das jetzt alleine, du bist noch zu klein“, schnautzte er Matthias an, schmiss die Säge auf den Boden und trat vor lauter Wut gegen den Baum. Dieser hatte wohl beschlossen aufzugeben und mit einem leisen Seufzen fiel er um. Vaters Fuß tat jetzt zwar fürchterlich weh, doch er triumphierte. Nur ein kleines bisschen musste er noch sägen und schon war das Werk vollendet. Jetzt musste das Prachtexemplar nur noch nach Hause und Vater gab genaue Anweisung. Er hielt den Stamm und die Kinder mussten die Spitze tragen. Und so zog die kleine Prozession los. Vorneweg wieder Vater, dahinter zwei heulende Kinder und ein bellender Hund. Mutter hörte sie schon von weitem, kam ihnen entgegen gelaufen und sah ihren Mann entsetzt an. Er humpelte, die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, seine Hose war völlig zerrissen, Knie und Waden blutig und er sah ziemlich fertig aus.
Doch der Baum war wirklich schön, dass musste sie zugeben. Leider fand das auch Franz, ihr Nachbar, der sie schon vor der Tür des kleinen windschiefen Bauernhauses erwartete. Wortlos griff er nach dem Baum und wollte ihn auf seinen Trecker laden. Vater protestierte laut und die Kinder hörten vor Schreck auf zu heulen. Selbst Strolch, der kleine Hund winselte leise, hob sein Bein und musste erst mal Pipi machen. Dass er dabei die Spitze des zukünftigen Weihnachtsbaumes reichlich begoss, merkte nur Lisa. „Was soll das“, schrie Vater, der sich um den Lohn seiner Mühe betrogen sah. „Ich nehme den Baum, denn das ist meiner“, sagte Franz ziemlich ungerührt, „ Du warst in meinem Wald, dankschön auch für`s absägen“, und damit schnappte er dieses Prachtstück endgültig, lud ihn auf seiner Trecker und fuhr davon. Vater war sprachlos, dass hatte er nicht gewusst, denn bis heute kannte der die Grundstücksgrenzen nicht. Mutter war ziemlich sauer über die ganze Aktion, über die zerrissene Hose und Matthias heulte schon wieder. „Wir ha-haben keinen Weihnachtsbaum“, schluchzte er voller Wehmut. „Vielleicht können wir doch noch einen kaufen“, tröstete Mutter ihren kleinen Liebling, obwohl sie ihre Zweifel hatte. Doch davon wollte Vater nichts wissen. Morgen war ja erst der Heilige Abend und Vater schwor hoch und heilig, dass er ganz bestimmt und wirklich gleich am Morgen den schönsten aller schönen Bäume finden würde...
Er fand tatsächlich einen Tannenbaum, er war zwar krumm und schief, hatte ziemlich wenig Äste und seine besten Tage schon hinter sich. „Das ist ein großer Vorteil,“ verkündete Vater, „ da können wir jetzt viel mehr Christbaumkugeln dranhängen.“ Matthias verstand das nicht so richtig, bewachte ihn aber trotzdem wie ein Luchs denn er hatte große Sorge, das Nachbar Franz auch dieses Exemplar wieder holen würde. Doch Mutter konnte ihn da voll beruhigen – egal ob Nachbargrundstück oder nicht, dieses verbogene Teil wollte Nachbar Franz ganz bestimmt nicht haben. Nur Vater war sehr stolz auf sein Werk. „Ein Tannenbaum von der eigenen Scholle und mit den eigenen Händen gefällt ist doch etwas Wunderbares“, schwärmte er und verarztete seine ziemlich Dornen geschädigten Waden, „ Kinder, ist das Leben auf dem Land nicht einfach wunderbar?“ fragte er. Alle nickten, selbst der Hund, denn das Leben auf dem Land ist wirklich wunderbar und ausnahmsweise hatte Vater einmal Recht.
Er fand tatsächlich einen Tannenbaum, er war zwar krumm und schief, hatte ziemlich wenig Äste und seine besten Tage schon hinter sich. „Das ist ein großer Vorteil,“ verkündete Vater, „ da können wir jetzt viel mehr Christbaumkugeln dranhängen.“ Matthias verstand das nicht so richtig, bewachte ihn aber trotzdem wie ein Luchs denn er hatte große Sorge, das Nachbar Franz auch dieses Exemplar wieder holen würde. Doch Mutter konnte ihn da voll beruhigen – egal ob Nachbargrundstück oder nicht, dieses verbogene Teil wollte Nachbar Franz ganz bestimmt nicht haben. Nur Vater war sehr stolz auf sein Werk. „Ein Tannenbaum von der eigenen Scholle und mit den eigenen Händen gefällt ist doch etwas Wunderbares“, schwärmte er und verarztete seine ziemlich Dornen geschädigten Waden, „ Kinder, ist das Leben auf dem Land nicht einfach wunderbar?“ fragte er. Alle nickten, selbst der Hund, denn das Leben auf dem Land ist wirklich wunderbar und ausnahmsweise hatte Vater einmal Recht.
