Morgens um neun ist die Welt noch in Ordnung, doch eine Viertelstunde später geht es los. Ein Auto mit Stuttgarter Kennzeichen und voll bepackt mit Kisten und Koffern, mit Stativ und Kamera landet in Villingen. Zwei Männer und drei Frauen schleppen alles in den Fahrstuhl und bereits Minuten später wird aus Heidi und Siegfried Schreibers Schlafzimmer ein Fernsehstudio. It`s showtime - oder besser gesagt Drehtag, denn was am 4. Mai in der "drehscheibe Deutschland" von 12.15 bis 13 Uhr gesendet wird, entsteht zum Teil hier und heute. Welchen Anspruch die "drehscheibe" ein Live-Magazin im ZDF hat und was sie zur besten Mittagszeit zeigen will, erklärt Markus Niehaves, 1,98 Meter großer Redakteur, der mit sämtlichen Deckenleuchten an diesem Tag noch zusammenstoßen wird. " Wir wollen aufklären und informieren und Themen bearbeiten, die nicht nur eine Randgruppe betreffen, sondern viele Menschen berühren ", bringt er es auf den Punkt. So wie ,typisch frau`auf der regionalen Ebene arbeitet, hat die ,drehscheibe` landespolitischen Charakter . Hier kommen Menschen, Land und Leute zu Wort, werden unter die Lupe genommen oder porträtiert. In Dokumentationen und Reportagen aus den einzelnen Bundesländern werden überregional relevante Themen aufgegriffen und kompetente Antworten gesucht. Für diese Sendung steht die Depression, eine der größten und am häufigsten unterschätzten Volkskrankheiten, mit auf dem Programm. Wen wundert es, dass Siegfried Schreiber aus Villingen und Depression erfahren, gewachsen an eigener leidvoller Erfahrung und mittlerweile absoluter Fachmann rund um das Thema zu den Neuentdeckungen des ZDF gehört. Bekannt geworden durch ,typisch frau`, ist er seit kurzer Zeit sogar Mitglied des ,Kompetenznetz Depression` und mittlerweile weit über die Region hinaus anerkannt, hält er Vorträge und Seminare und gibt kostenlose Beratungsstunden für Betroffene und deren Angehörige, die immer ausgebucht sind.
Im Schlafzimmer, in einem kleinen Erker mit Fenstern, die bis zum Boden gehen, steht ein Sessel mit dezentem Muster. Siegfried kennt ihn nur zu gut. Sechs Jahre seines Lebens hat er viel in ihm verbracht - unfähig den Tag zu meistern und in Erwartung auf eine schlaflose Nacht. Für`s Fernsehen muss Siegfried wieder in den Sessel, stilecht im Jogging-Anzug und eingewickelt in eine Decke. Seine Augen sind geschlossen, sein Körper schlaff und nur die Hände bewegen sich leicht. Das war seine Haltung tagein - tagaus. Siegfried versucht sich zu erinnern. Was ging damals, in schwersten Depressionszeiten in seinem Kopf vor und worum drehten sich seine Gedanken? Doch sein Gehirn streikt, es will nicht mehr, es ist gesund! Solche trüben Szenen dreht das Team mit blauem, tristem Licht,
um noch mehr hervorzuheben, was in ihm Man kann über vorging. Dann wird von der Wiese vor dem Haus aus gedreht. Die Kamera schwenkt hoch auf das Schlafzimmerfenster und jetzt schauen die ersten Nachbarn nach, was denn wohl da bei Schreibers passiert. Herzinfarkt und Krebs sprechen, ja selbst Aids ist heute nicht mehr eine Krankheit die man verschweigen muss, doch wenn die Seele keine Flügel mehr hat, man sich leer und hohl und ohne jegliches Gefühl von Tag zu Tag schleppt, die Angst den Rücken hoch zu kriechen scheint und die kleinste Entscheidung nicht zu bewältigen ist, können das Anzeichen einer beginnenden Depression sein - einer Krankheit über die man auch heute nicht gern spricht und die doch so stark verbreitet ist. Umso wichtiger ist jeder Bericht und erst recht eine Fernsehsendung, die Betroffene und Angehörige zu Wort kommen lässt und zusätzlich noch Psychiater und andere Fachleute ins Studio einlädt. "Ich merke es ja selbst an mir", sagt sogar Siegfried heute, "ein Gesunder kann sich einfach nicht vorstellen, was eine Depression bedeutet und wie es ist, innerlich leer und tot zu sein".
Nach zwei Stunden ist die erste Szene im Kasten. Jetzt ist Heidi Schreiber an der Reihe. Auch sie muss sich umziehen. Und in Jeans und Windjacke verlässt sie allein die Wohnung, geht die Treppe hinunter und läuft los - hinaus in die Natur, die ihr Trost gab und mit einem letzten Blick hinauf zum Fenster, hinter dem ihr depressiver Mann so viele Jahre saß. Ein komisches Gefühl für Heidi, die nach sechs schweren Jahren schon wieder sechs glückliche hat, die die Gradwanderung zwischen Hilfestellung geben, aber auch Loslassen und eigenem Leben auch ohne Therapie geschafft hat, denn wer denkt daran, dass die Angehörigen sie genauso nötig haben wie der Betroffene?
Im Schlafzimmer wird alles für das Interview vorbereitet. Petra Otto, Redakteurin des ZDF, bleibt im Hintergrund, dafür ist #Siegfried Schreiber voll im Scheinwerferlicht. Die Instruktionen sind kurz und bündig: Bitte nicht so lange Antworten geben, nicht so stark die Arme bewegen und los geht es. Keine Vorbereitung, keine Zeit zum Nachdenken, sondern so spontan wie möglich. Siegfried vergisst die Kamera und das Mikrofon fast augenblicklich. Flüssig beantwortet er die Fragen, berichtet über die Anfänge, über die Hölle, die in seinem Kopf so plötzlich ausbricht wie ein Sommergewitter und ihm Bilder von Särgen und Toten zeigt. Keine Fremden sieht er - es sind seine Frau und seine Kinder und irgendwann liegt auch er darin. Siegfried spricht über die Hochzeit seines Sohnes, die für ihn einer der schlimmsten Erlebnisse war, denn anstatt Freude empfindet er nichts - überhaupt nichts. Jetzt ist es soweit, hat er damals gedacht - jetzt wirst du wahnsinnig.
Auch Heidi Schreiber wird interviewt -
allein und im Freien sitzt sie auf einer Bank. Und genauso locker und offen schildert sie ihr Leben an der Seite eines depressiven Mannes. "Wie war denn das für sie mit einem Mann, der ständig jammert und droht, vom Balkon zu springen?" fragt Petra Otto. Heidi überlegt nicht lange. "Auch wenn es jetzt schrecklich klingt", sagt Heidi, "irgendwann hab ich gesagt, dann spring doch endlich, dann habe ich wenigstens meine Ruhe". So viel Offenheit findet auch Siegfried gut, als er davon hört, doch der Tag ist noch lange nicht vorbei. Ein Drei-Minuten-Film sind drei Tage harte Arbeit. Schon bei den Dreharbeiten wird immer wieder diskutiert, wie man was am besten rüberbringen kann. Interessiert das wirklich unsere Zuschauer und können sie etwas damit anfangen? Diese Frage steht ständig im Raum. Ein Besuch beim Hausarzt von Siegfried Schreiber, eine Fahrt mit dem Zug stehen noch auf dem Programm und natürlich der Keller, der eine besondere Bedeutung hat. Denn dort hat er versucht, sich das Leben zu nehmen. Dreimal stößt er sich ein Messer in die Kehle, bevor seine Frau in bewusstlos findet.
Irgendwann am Abend wird die Abschlussszene gedreht. Wieder im Freien - und den Weg, den Heidi Schreiber viele Jahre lang alleine ging, geht sie jetzt gemeinsam mit ihrem Mann, Arm in Arm. Was von diesem Drehtag übrig bleiben wird, werden wir sehen, denn im Landesstudio wird noch kräftig nach bearbeitet. Doch eine Szene wird bestimmt nicht raus geschnitten werden, da sind sich alle ziemlich sicher. Es geschieht beim Interview, als Petra Otto fragt: "Wann haben sie denn gespürt, dass sie die Depression überwunden haben?" und Siegfried Schreiber antwortet ganz spontan und aus dem Herzen: "Als mein Enkelkind Lena geboren wurde und ich dieses kleine Wurm zum ersten Mal sah, da habe ich so viel gefühlt, da lief mir das Herz über. Meine kleine Lena, habe ich in Gedanken zur ihr gesagt, du sollst einen Opa haben, an dem du deine helle Freude hast, das verspreche ich dir". Und nicht nur Petra Otto stehen die Tränen in den Augen. Abends um sieben ist die Welt wieder in Ordnung. Keine Kabel, keine Strahler, keine Kamera und kein Mikrofon. Die gewohnte Ordnung ist wiederhergestellt, doch irgendetwas ist heute anders. Schreibers haben noch einmal Revue passieren lassen und sechs harte Jahre sind jetzt zusammengefasst in drei Minuten. Sechs Jahre, die sie gemeinsam durch gestanden haben und nie vergessen werden. Familie Schreiber will nicht berühmt werden und doch haben sie die Hoffnung, dass diese drei Minuten etwas bewirken, nämlich Betroffenen und deren Angehörige Hoffnung zu geben und Wege aus der seelischen Hölle aufzuzeigen.
Barbara Dickmann
