Von großen und kleinen Brüsten

- ein Blick in die pralle Vergangenheit -

Kennen Sie den: Ein Mann hat drei Frauen zur Auswahl. Jeder schenkt er tausend Euro. Nach einer Woche sollen sie wiederkommen um ihm zu berichten, was sie mit dem Geld gemacht haben. Frau Nr. 1 hat das ganze Geld ausgegeben und kommt mit einem Koffer voller schöner Klamotten wieder. Frau Nr. 2 hat das Geld zur Bank gebracht und Frau Nr. 3 hat damit gewettet und es sogar verdoppelt. Welche Frau nimmt der Mann wohl? Na ist doch klar, die mit dem größten Busen! Tja, und damit wären wir beim Thema. Große Brüste, kleine Brüste - Mythos Brust! Lieben Männer wirklich nur Frauen mit großen Brüsten oder ist das nur eine Erfindung der Schönheitschirurgie? Forschen wir einfach einmal nach, wie das früher war: In den früheren Kulturen wurde die Brust mit übernatürlichen Kräften in Verbindung gebracht. Schließlich spendete sie Leben in einer Zeit, in der es nichts anderes als Muttermilch gab. Stillen war überlebenswichtig. Prähistorische Venusfiguren, wie die Venus von Willendorf, waren mit großer Sicherheit Fruchtbarkeitssymbole und haben eine großen Busen. Doch schon für die Menschen des antiken Griechenlands, war nicht mehr das Stillen wichtig, sondern dessen Schönheit. Und hier änderte sich das Schönheitsideal: Klein, fest und apfelförmig sollte ein Busen sein. Um 400 vor Christus wurde Sexualität durch die Darstellung der nackten Aphrodite symbolisiert.
Im Mittelalter wurde die Erotik in den Hintergrund gedrängt. Das Stillen war heilig. Maria stillt Gottessohn und damit auch die gesamte Christenheit. Die weibliche Brust war im christlichen Sinne rein und unschuldig, eher groß und für die Frauen des Mittelalters war Stillen eine moralische Verpflichtung.
In der Renaissance wurde Stillen unerotisch und nach dem Vorbild der Antike sollten die Brüste wieder klein und fest sein und weit auseinander stehen. Wer es sich leisten konnte, gab seine Kinder zu Ammen um den Busen eines jungen Mädchens zu behalten. So wurde der kleine Busen ein Zeichen für Wohlstand. Bäuerinnen und Ammen hatten große Brüste und hängende Brüste waren das verwerflichste, denn die hatten alte und unfruchtbar gewordene Frauen. Der große Busen war nicht nur unmodern, sondern stand im schlechten Ruf. So behaupteten die jungen Männer, diese Brüste wären so groß, weil sie von ihnen oder gar von anderen Männern in die Länge gezogen worden wären. Deshalb mussten diese Frauen oft auch noch ihre Jungfräulichkeit verteidigen.
Am spanischen Hof ging diese Mode sogar bis Ende des 17. Jahrhunderts. Den Mädchen wurden Bleiplatten auf die Brüste gelegt, um die Entwicklung zu verhindern. Und waren sie einmal voll entwickelt, wurden sie platt gedrückt oder weggeschnürt.
Doch es war ein Mann, nämlich Ludwig

XIV, der im Jahr 1667 ein Dekret zum Tragen von Kleidern mit einem Dekolleté bis zum Warzenhof erließ. Das lässt tief blicken und nun war der große Busen wieder Trumpf. Während der französischen Revolution wurde die stillende, liebende Mutter zum Vorbild im Gegensatz zur schlechten Milch des Adelsregime, das die Kinder lieber zur Amme gab. Dadurch wurde die Brust auf einmal politisch und seit dieser Zeit sind nackte Brüste ein Symbol der Freiheit. Der befreite Busen stand für ein befreites Volk.
Anfang des 20. Jahrhunderts bastelte Mary Jacobs in den USA aus zwei Taschentüchern und rosa Satinbändern ein Wäschestück für ihre Brüste. Sie hatte genug von engen Korsetts. 1914 ließ sie sich diese Erfindung patentieren. Im selben Jahr kaufte die Warner Brothers Corset Company ihr die Rechte für 500 Dollar ab und der Büstenhalter zog in das Frauenleben ein. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Stillen ein Thema der Propaganda. Deutsche Frauen sollten viele Kinder bekommen und wurden auf die Mutterrolle reduziert. In den 60er und 70er Jahren waren kleine Brüste im Trend und das knabenhafte Model Twiggy prägte ein androgynes Schönheitsideal. Und Vorkämpferinnen der Emanzipation verbrannten öffentlich ihre von ihnen als einengend empfundenen Büstenhalter. In den 90er Jahren kamen dann die Supermodels wie Cindy Crawford und Claudia Schiffer und mit ihren deutlichen Rundungen war der große Busen wieder in. Als schönste Mogelpackung der Welt zog vor 11 Jahren der Wonderbra in die Schränke der Frauen ein. Er zaubert in Sekundenschnelle einen Vorzeigebusen. Als Push-up-Büstenhalter zeigt er durch eine Art Dreieckskonstruktion aus über 40 Einzelteilen Hülle und Fülle unterstützt durch kleine, herausnehmbare Kissen an der Innenseite. Ein wahres Wunderding!
Ob groß oder klein, haben wir nicht in der Hand, denn die weiblichen Brüste entwickeln sich unter dem Einfluss von Hormonen zu ihrer endgültigen Form und Größe und die ist weitgehend erblich bedingt. Alle Frauen haben einen Busen - aber irgendwie sind die wenigsten Frauen so richtig zufrieden mit ihm. Die eine will mehr, die andere weniger, praller soll er sein oder spitzer, oder, oder, oder....
Wie das heutige Schönheitsideal aussieht, ist nicht zu übersehen, sobald man nur irgendeine Zeitung aufschlägt. Und unser Busen ist anscheinend das wichtigste Körperteil. Eine schöne Brust sei wichtig für das Selbstvertrauen (wird uns eingetrichtert). Wollen wir keine Depressionen bekommen, spielen Form und Größe angeblich eine wichtige Rolle. Jede vierte Frau ist unzufrieden mit ihrem Busen und jede dritte könnte sich vorstellen, ihren Busen operieren zu lassen, vorausgesetzt, sie hätte das Geld dazu. Ganz oben stehen das Straffen und Heben, dicht gefolgt von der Brustvergrößerung und nur drei Prozent würden sich ihren Busen verkleinern lassen.

Also bleibt es dabei - der pralle Silikon-Busen ist bei fast allen Promi-Frauen nach wie vor auf dem Vormarsch. Und doch kündigt sich bei den Pragmatikerinnen unter den ganz normalen Frauen die Trendwende an. Der kleine Busen wird wieder entdeckt. Denn große Brüste sind nicht ohne. Sie behindern den Alltag, Hals- und Rückenschmerzen gehören zur Tagesordnung, beim Sport stört er ungemein und selbst Pilzbefälle und Entzündungen unter den Brüsten sind keine Seltenheit mehr. Und vielen Frauen glauben mittlerweile, dass ein kleiner Busen sie viel jünger und mädchenhafter aussehen lässt als ein großer. Tja, für die Fans von prallen Frauenbrüsten brechen wohl doch in naher Zukunft düstere Zeiten an und für manchen Schönheitschirurgen auch. Doch wie sieht die ideale Brust aus: Ganz einfach, sie ist groß oder klein, hängend oder stehend, sie entwickelt und verändert sich in den verschiedenen Lebensphasen, reagiert auf innere und äußere Reize. Brüste sind ein Teil des weiblichen Körpers und der weiblichen Identität. Sie sind lustvoll, sinnlich, nährend, verletzbar und vor allen Dingen vielfältig. Und was sagen die Herren der Schöpfung dazu? Lesen Sie einfach die ersten Zeilen dieser Reportage noch einmal!

Über kleine Brüste und warum sie manchmal vor Gericht führen - eine wahre Begebenheit, die 2004 durch die Presse ging -
Veronika K. aus Dresden saß in den vergangenen Jahren schon dreimal vor Gericht. In 2004 ist sie bei Bundessozialgericht, der dritten Instanz gelandet und jedes Mal ging es um ihre Brüste. Veronika ist der Meinung, sie habe eigentlich keine Brüste und wenn, dann sind sie viel zu klein. Ihr Mann sei ihr deshalb weggelaufen und Freunde habe sie auch keine mehr, deshalb verlangt sie von ihrer Krankenkasse die Übernahme der Kosten für eine Brustvergrößerung. Die erste Instanz, das Sozialgericht, gab Veronika Recht, das Landessozialgericht der Krankenkasse und nun steht und fällt es mit den Richtern des Bundessozialgerichts in Kassel. Ist Brustvergrößerung ihr Privatvergnügen oder muss das deutsche Gesundheitswesen dafür aufkommen? Um wie viel Geld es genau geht, weiß keiner so recht, so ca. € 5.000,-- schätzt Veronika. Am Ende der Verhandlung verkündet der Richter das Urteil: Die Klage wird abgewiesen, denn für den weiblichen Körper gebe es keine Norm, körperliche Gebrechen seien durch die Brüste nicht verursacht worden. Denkbare psychische Störungen seien als Grund nicht ausreichend. Und so bleiben Veronikas Brüste wie sie sind. Was Veronika jetzt macht, steht in den Sternen. Die Operation selbst bezahlen will sie nicht und auch eine Psychotherapie lehnt sie ab (diese würde die Krankenkasse bezahlen), sie will nicht über ihre Probleme reden, sie will einfach einen größeren Busen!

Barbara Dickmann